Spesenfreie Besprechungen des Dr. Drehschnabel, Rechtsconsultenten der „Wiener Caricaturen“.

Man muß die Dinge nur verkehrt anschauen, wenn man sie richtig sehen will und wenn was dabei herausschauen soll – auch läßt sich Alles beweisen, was man beweisen will. Von diesen zwei Rechtsprincipien ausgehend kömmt man, wohin man will. Denn ein Ding gerade anschauen, das kann ein Jeder, und damit lockt man keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor – aber die Sache verkehrt anschauen und sie verkehrt zeigen, darauf sind die Leute nicht gefaßt, man verblüfft sie, man überrumpelt sie, und man hat sie. Ist man aber im Besitze, so ist man bekanntlich auch im Rechte, womit bewiesen ist, daß das der einzige richtige Rechtsweg ist, und daß sich Alles beweisen läßt, was man beweisen will. Denn was ist ein Beweis? Ein genug starkes Mittel, die Menschen dahin zu bringen, daß sie das, was wir ihnen sagen, für Thatsachen halten – Thatsache aber ist Alles, was dafür gehalten wird – folglich ist jedes starke Mittel, das wir dazu verwenden, ein Beweis, und je stärker es ist, desto stärker ist der Beweis, und es ist deshalb ein Unsinn, wenn dabei manchmals gerufen wird: „Ach, das ist zu stark!“ Zu stark ist nichts, was dazu dienen kann, daß die Anderen den Inhalt unserer Reden für Thatsachen halten.

***

Darum hat der Herr Dr. Lueger auch vollkommen Recht, wenn er sich durch solchen unverständigen Ruf von nichts abschrecken läßt, und wenn ihm nichts zu stark ist, um’s zur Beweisführung zu riskiren, weshalb er auch mit voller Gebührlichkeit den Ruhm des beweiskräftigsten Mannes in Wien genießt. Es ist auch rein lächerlich, immer auch noch documentarische Beweise von ihm zu verlangen! Was das für eine Kunst ist, etwas zu beweisen, wenn man die Documente dafür in Händen hat! – Das Außerordentliche des Mannes ist ja eben, daß er mit seinem bloßen Worte beweist, wozu Andere schriftliche Belege brauchen. Und daß er sich mit diesem Herrn Etienne von der „Donau-Dampfschiffbruchs-Gesellschaft“ – wie ich sie im Geiste des Dr. Lueger nennen möchte – nicht schlagen will, weil derselbe sich in der Geschichte ganz ordnungswidrig benommen hat, das ist doch gewiß ganz in der Ordnung. Zuerst sagt dieser Herr Etienne, daß der Dr. Lueger ihn mit seinen Reden herausgefordert habe, folglich ist er der Geforderte, wie kann er also denn den Dr. Lueger herausfordern wollen und Forderer und Geforderter in einer Person sein? Das ist eine so stümperhafte Confusion der Begriffe, daß ein so anerkannter Meister darin, wie der Dr. Lueger, nur darüber lachen kann. Zugegeben aber selbst, daß er der Geforderte wäre, so hat er doch als solcher die Freiheit der Wahl der Waffen – eine Freiheit der Wahl wäre aber keine, wenn man nicht auch die Freiheit hätte, gar nicht zu wählen, und Dr. Lueger hat von dieser Freiheit nur den rechtmäßigen Gebrauch gemacht. Soll’s der Herr Etienne probiren, den Gegner mit dessen eigener Waffe zu bekämpfen, mit den Beweisreden ohne materielle Beweise nämlich – aber das läßt er fein sein, weil er recht gut weiß, daß er damit dem Dr. Lueger nicht aufkommt.

***

Ebenso lächerlich und rechtswidrig find ich’s, wenn die Deutschen in Böhmen den Altczechen den Vorwurf des Vertragsbruches machen, weil dieselben die sogenannten Wiener Ausgleichspunctationen, die sie unterschrieben haben, nicht ausführen wollen. Zwischen Vertragsbruch und bloßer Nichtausführung eines Vertrages ist ja doch ein himmelweiter Unterschied. Ist’s denn z. B. ein Ehebruch, wenn der eine Theil den Ehevertrag blos auf dem Papier stehen lässt und nicht mithelfen will, ihn zur Ausführung zu bringen, weil er die Lust und die Neigung verloren hat? Das ist höchstens ein Scheidungsgrund. Nun gut, so sollen die Deutschen sich scheiden lassen und aus dem Hause gehen – aber sie sollen nicht von Vertragsbruch schwätzen. Diese Wiener Punctationen waren ja doch sogar nicht einmal ein Ehecontract, sondern nur erst eine Verlobung, und Verlobungen können doch gewiß rückgängig gemacht werden, wenn der eine Theil nicht mehr will. Und wenn dann der andere Theil durch Drohungen die Ehe erzwingen will, so kann er auf Erpressung geklagt werden. Wenn ich ein Altczeche wäre, ich ließe die Deutschen durch den Dr. Lueger auf Erpressung klagen.

(21. Februar 1892)

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Drehschnabel

Belanglosen Senf dazu abgeben:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.