Weltbühne vom 25.3.1917

Im russischen Nationaltheater Sensationsdrama ersten Ranges: Revolu­tion.

Das unter englischer Regie in Szene gegangene Stück kann sich wirklich sehen lassen. Die Ausstattung ist nach alten französischen Entwürfen grade­zu blendend ausgefallen. Es fehlt nicht an Freiheit, es fehlt nicht an Gleichheit und auch nicht an Brüderlichkeit.

Im Namen der Freiheit wurden Minister arretiert, im Namen der Gleich­heit handelten Gardeoffiziere genau so gleich wie Schnapsbrüder, und im Na­men der Brüderlichkeit schlug man sich gegenseitig die Köpfe ab. Massenaufzüge, Treubrüche, neue falsche Eide – alles gab es wie bei der französischen Urprämiere. Und Kokarden gab es und Flaggen und Toaste und Telegramme. Und nach Schnaps hat es auch gerochen wie bei allen Revo­lutionen. Ein interessantes Stück jedenfalls, aber man weiß nicht, ob es sich lang auf dem Repertoire halten wird. Das eigentliche breite Publikum Rußlands, die Bauern, Popen und Hand­werker haben einen andern Geschmack als die im Parkett sitzenden Miljukow und Rotsjanko. Man spricht sogar von einer bald bevorstehenden neuen Premiere, und das neue Stück soll „Gegenrevolution“ heißen.

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Eine Revolution in einem Reich von einigen hunderttausend Quadrat­meilen!

Hundert Millionen Russen zumindest haben noch keine Ahnung, was über­haupt vorgegangen ist, denn Herr Miljukow hat vor allem in die Enten­te­länder hineintelegraphiert, daß Rußland ein freier Staat sei – die größte Mas­se der Russen selbst weiß es heute noch nicht. Bloß die Erzgauner der Hochfinanz und Kartellindustrie, die Leute um Miljukow, fühlen sich heute frei und werden bald an die eigentliche Arbeit schreiten! Gründungen mit Ententegeldern und Verteilung von Verwal­tungs­ratstellen.

Die Mitläufer in zerfransten Hosen, die radikalen Gleichheitsbrüller, wer­den das Nachsehen haben, besonders wenn man einigen „Arbeiter­führern“ ebenfalls gute Einkünfte zuschanzt. Alles nach berühmten und bewährten Mustern. Im Grunde wird ja auf der Weltbühne immer dasselbe tragikomische Drama aufgeführt.

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Rußland, wo hundert Millionen nicht lesen und schreiben können, wo der Gebrauch des Sacktuchs noch sehr spo­radisch stattfindet, wo Millionen alljährlich verhungern, wo endlos gestohlen, gespielt und getrunken wird – dieses Rußland hat jetzt auf einmal die radikalste Verfassung.

Konstituante, Plebiszit, Amnestien, Strikerecht der Soldaten usw. Ist das Fasching oder nicht? Ist das ein Maskenball, wo die Köchin als Prinzessin kostümiert ist, der Schnapsbruder als Mirabeau herumläuft?

Die Spartaner ließen Heloten sich betrinken und dann den Söhnen der edlen Geschlechter vorführen, damit diese den gebührender Abscheu gegen das Trinklaster erlernten.

So wäre die Petrograder englisch-kadettisch-schnapsbrüderliche Revolu­tion ein gutes Lehrmittel für andre Völker! Insoferne hat sie einen gewissen Nutzen.

(25. März 1917)

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