Weltbühne vom 1.4.1917

England sah Rußland in Gefahr und nahm an ihm einen Bauchschnitt vor, um das Gewächs des Zarismus auszurotten. Nun ist die Operation nicht aseptisch gemacht worden, und es zeigen sich Erscheinungen von Eiterfieber.

Was weiter? Eine neue Operation? Herr Buchanan ist kein guter Operateur, und es scheint, daß sich ihm Ruß­land nicht zum zweitenmal anvertrauen wird. Jedenfalls braucht ein Operierter zunächst Ruhe und zweckmäßige Er­näh­rung. Wie wäre es, wenn sich der russische Patient an die Zentralmächte wendete? Er könnte sich da auf reelle Weise Ruhe und zweckmäßige Er­näh­rung sichern, um dann die Heilung abzuwarten.

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Erste Aufgabe bei Behandlung eines schwer Leidenden ist doch wohl, ihn vor direkten Schädlichkeiten zu bewahren. Und was wäre schädlicher als Magenüberladung nach schwerer Abdo­mi­nal­operation.

Das revolutionäre Rußland will jetzt mit seltsamem Heißhunger alles auf einmal essen: Republik, Nationalautonomie, Trennung von Staat und Kir­che, Achtstundentag, Klassengleichheit, Frauenrecht usw. Ja, das könnte doch auch der stärkste Magen nicht auf einmal bewältigen.

Und noch dazu der jähe Sprung vom Geheimpolizeistaat zur rosen­rötes­ten Republik! Eine Ultrademokratie für Analphabeten, Autonomie für die Kirghisen, Achtstundentag für die Lappländer, Kirchentrennung für Eskimos, Frauen­recht für die turkestanischen Harems. Wahrlich, der höchste Maskenball!

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Die breite russische Natur. Dieses Schlagwort wird immer wieder vorgebracht, wenn ein Un­be­greif­liches in Rußland erklärt werden soll.

Nikolaj Nikolajewitsch trieb an den Karpathenwällen eine Million Rus­sen in den Tod, heute verhöhnt ihn jeder Unteroffizier. Wahrlich eine sehr breite Natur, in der alles Platz hat, aber nichts sich fest behaupten kann.

Der Muschik, der sonst den Stiefel des Popen küßt, verlangt heute die Kirchen­güter (oder verlangt das am Ende nur die kadettische Hochfinanz, um Ge­schäftchen zu machen, wie sie im Briandschen Frankreich mit dem Kirchengut gemacht worden sind?). Die breite russische Natur!

Ja, kein Wunder, daß diese Natur so breit ist – sie wird seit Jahrhunder­ten von Kundigen breitgeschlagen.

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Wer ist jetzt Oberkommandant der russischen Armee? Herr Rotsjanko oder Herr Kerenski oder die sagenhafte „Verfassung“? Wann werden die Generale jetzt einen neuen Meineid leisten? Wenn der Zar für so und so viel englische Pfund ver­kauft worden ist, wie hoch wird der Rotsjanko zu stehen kommen?

O, du breite russische Natur, gib mir Antwort!

(1. April 1917)

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