Weltbühne vom 15.4.1917

John Bull hält schon so weit, den reichen Onkel aus Amerika anrufen zu müssen. Herr Wilson hat das Humanitäre bekommen und will im Namen der Kul­tur die Milliarden retten, welche die amerikanischen Großwucherer der Entente vorgestreckt haben. Auch Schiffe will er beistellen, die den Ruhm der englischen Flotte teilen sollen.

Na, uns kann es recht sein, wenn Wilsons Schiffe sich den Operationen der englischen anschließen. Diese liegen bekanntlich in beschaulicher Ruhe in einem schottischen Hafen und werden sich so angenehme Gesellschaft ger­ne gefallen lassen. Aber auch zu Lande will Amerika die Lorbeeren der Entente teilen und Roosevelt soll schon eine Division beisammen haben.

Wir raten allen Zirkusdirektionen, sich rechtzeitig ein Gastspiel Roose­velts zu sichern. Solchen Clown findet man so bald nicht wieder.

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Überhaupt schlägt die Weltbühne alle Konkurrenz der eigentlichen Büh­nen und Varietes. Welch eine Tragikomödie war doch z. B. die russische Revolution, ein wahres Meisterwerk englischer Regie­kunst. Welche schauspielerische Leistungen hat es da gegeben! Wie gut war Miljukow als Volksbefreier, Rodzianko als Demokrat, Fürst Lwow als Arbeiter­freund. Wahre Gipfel der Schauspielerkunst, abgesehen von den schönen Leis­tungen der Statisten, den imposanten Aufläufen, Massenrevolutionen und Schlußapotheosen. Eine schwächere Leistung bot Nikolaus als Landesvater, ganz enttäuscht hat der Heldendarsteller Nikolajewitsch.

Im ganzen aber war die Aufführung imposant, es fragt sich nur noch, wer die großen Ausstattungskosten tragen wird. Am Ende auch der Onkel aus Amerika.

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Während die Kadetten und Sozialisten das russische Volk plötzlich in eine Demokratie verwandelten, ging der Brückenkopf am Stochod verloren, plus 10.000 Gefangene. Wahrlich, die Demokratie führt sich gut ein, und es werden wohl nicht bloß Brückenköpfe verloren gehen.

Eine Armee mit Streikrecht, mit konstitutionell der Mannschaft ver­ant­wort­lichen Offizieren, mit Generalen, welche Eide rascher wechseln als Hem­den – das ist Demokratie, und so was möchten die Briten aus allen Völ­kern machen: Des­organisierte Haufen, die von angelsächsischen Wucherern ausgenützt werden. Das meinen sie unter dem Schutz der Völker: nämlich, sie des schützenden kriegerischen Sinnes, der angestammten erhaltenden Ele­mente zu berauben. So speichelt die Schlange ihre Beute sorgsam ein, bevor sie diese ver­schlingt.

Das sucht England und sein würdiger Vetter, der Yankee: Wehrlos ge­mach­te, Demokratie spielende Völker in großer bunter Menge, die von den angelsächsischen Blutsaugern um Selbständigkeit und Wohlstand gebracht werden sollen. Aber es gibt noch Hindenburgs, Conrads, Jekows, Envers und die „U“-Boote. Die Angelsachsen werden nicht viel angeln.

(15. April 1917)

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