Wiener Spaziergänge vom 1.2.1922.

Ist es des Winters Grauen, der eisige Frost, der wehende Nord, der dem Wiener das Spazierengehen verleidet ? Sind es die bei jedem milden Witterungswechsel eintretenden Überschwemmungen, die nur mit Rettungsbooten passierbaren Straßenübergänge und bei wieder eintretender Kälte nur mit Eisschuhen betretbaren Trottoirs? Nein, das ist es nicht. – So war es von jeher… – In dieser Hinsicht lassen wir auf die Republik nichts kommen, wenn sich auch die Hals- und Beinbrüche der letzten Glatteisperiode ins Unheimliche steigerten. – An solche Schicksalstücken ist der alte Wiener seit vielen Jahrzehnten gewöhnt – er tschnuderte schon als Kind auf der Ringstraße… Was ihm aber just hier die tägliche Promenade erheblich verleidet, sind die, leider noch immer nicht verschwundenen Kaffeehausbretterwände mit den hocheingeschnittenen Fensterluckerln, die halt doch zu sehr an die einschlägigen Landesgerichtsgitter erinnern. Ja, ja, so an ersten Dezember verwindet man schwer.

Und dabei heißt’s immer: „Volkes Stimme – Gottes Stimme“. So gutmütig der liebe Himmelvater ist und so bescheiden, – geschmeichelt wird er sich diesmal nicht fühlen. Denn ginge es nach seinem allgerechten Sinn, er hätte gewiß eine weisere Auswahl der Demolierungsobjekte gefunden.

Nehmen wir nur als Beispiel das altehrwürdige Cafe Stadtpark, Ecke Ringstraße und Wollzeile – eines der ersten in Altwien gegründet, und geradezu traditionell von anspruchslos soliden Wiener Bürgerfamilien besucht – früher eine Filiale des Offizierskasinos und auch jetzt ein Sammelpunkt des Beamten- und Kaufmannsstandes. – Die beiden Besitzer von rastloser Aufmerksamkeit für jeden Besucher und entsprechend der Leitung eine tadellose Bedienung – jeder Stammgast seinen Schwarz- oder Weißen, seine Zeitungsblätter am bestimmten Platzerl… Im Hintergrund die ständigen Tarock-, Piquet- und Preferencepartien mit Friedenseinsätzen… summa summarum das Bild eines alten „Wiener Cafes“ aus seligen Vorschieberzeiten – dabei hoch, groß, geräumig, bequem eingerichtet – ein uralt hochbeliebter Rendezvousplatz des Wiener Bürgertums… Und just dieses urgemütliche – geschäfts- und schieberfreie Alt-Wiener Lokal, nach dem Umzug der ersten Dezemberprozession ein Trümmerfeld, das sich zwar heute wieder – trotz der Fensterscheibenersätze zum alten gemütlichen Aufenthaltsort rückgestaltete, dessen Gäste und Inhaber jedoch diese Glas- in Brettermetamorphose ebenso wenig verdienten als der Wiener Spaziergänger, das vor dem In- und Ausland wenig veränderte, mit Brettern verschlagene Gesamtbild unserer schönen Ringstraße.

Was konnten die mißhandelten Wiener Cafetiers anderes machen, als ihre Schadensbezifferung submissest den Helfern „da droben“ vorzulegen. Geholfen wurde ihnen zwar nicht, aber nach manchen sehnenden Wochen verständigte sie die Handels- und Gewerbekammer in wohlwollend gleichlautendem Konzepte, daß ihre Aufstellungen zur Kenntnis genommen wurden. – Wenn auch keine Hilfe – so doch immerhin eine Erledigung… Wir gratulieren…

Ist uns überhaupt noch zu helfen? Eine Anfrage bei unseren Behörden erscheint nach Vorstehendem wohl nicht ratsam, und, diesem Problem nachgrübelnd, verfiel der Wiener Spaziergänger – er hatte Abends vorher einen astrologischen Vortrag besucht – auf die naheliegende Idee: Vielleicht steht das irdisch kaum Eruierbare „in den Sternen“ geschrieben. Der „Astrologe“ muß es ja ‘rausbringen. Ad vocem Astrologe. – Wie Wallenstein seinen Seni, besitzt Wien seinen, in unseren größeren Vortragssälen bekannten Sterndeuter. Ignaz Gartenberg heißt er, wohnt II. Bezirk, Rueppgasse 11, ist ein wohlerhaltener, heiratslustiger Junggeselle in den besten Jahren und besitzt das Telefon Nr. 41.762. Er erzählte von den zutreffendst gestellten Horoskopen, die er für Regenten, Geisteskranke, Verbrecher, Künstler u. dgl. Kapazitäten bereits ermittelt. „Geburtsdaten genügen“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Betreffenden unbestreitbar fixiert. Von Menschen und Tieren – Geburtstag der Rennpferde eines Laufens – und der Sieger ist festgestellt. Am 5. Feber spricht der Gelehrte im Schönbrunner Kino – vormittags halb elf Uhr. Das las ich im Vorbeigehen an einer Orientierungssäule, und in entsprechender Ideenassoziation nahm ich [: der Wiener Spaziergänger :] bei dem Forscher Audienz. Um nicht mit der Türe ins Haus zu fallen, begann ich mein Interview: „An was arbeiten Sie gegenwärtig?“

„Arbeit?… en masse. Sie sehen, ich habe meine Faszikel in zwei Gruppen.“

„An?…“

„Ja. Für Herren und für Damen.“

An was mich das nur erinnerte.

„Jedoch“, fuhr der Forscher fort „und obzwar ich den Privataufträgen kaum nachkommen kann, muß ich vorläufig das Problem Landru ergründen.“

„Wird er begnadigt werben?“

„Unbedingt. Er steht im Zeichen des Stiers, deshalb auch seine Ausschreitungen gegenüber den Frauen; bei rechtzeitiger Berücksichtigung seiner Sternkonstellation hätte vieles verhindert werden können.“

Nun folgerte ich: „Im Zeichen des Stiers steht auch Wien… Oder prophezeien Sie nur Lebewesen?“

Ich prophezeie nicht, ich weiß. „Die Stunde des Stappellauf eines Schiffes bestimmt dessen Schicksal.“

Ich machte eine Probe auch auf dieses Problem: „Ich kaufte eine goldene Taschenuhr am 15. Dezember 1903. Wo ist sie jetzt?“

„Ihre Uhr ist im Dorotheum.“

Ich war paff – der Mann wußte Alles. – Aber… Spaß beiseite – der Astrologe kennt sich auch hier auf Erden wie droben in den Sternen aus: „Wien“, sagte er, „das alte Vindobona, – Grundstein gelegt, das Datum habe ich vergessen“ – stand und steht nicht nur im Zeichen des augenblicklich fühlbarsten „Stiers“, sondern auch in dem des geistigen Verwaltungs-Krebses, der auf Regierung und Magistrat retardierend einwirkt und beide Höchstbehörden momentan zu einem Tarif-Erhöhungs-Wettrennen reizt, unter welchem ein Stand nach dem anderen zusammenbrechen muß. Zuerst waren es – die übrigens ganz überflüssigen – geistigen Arbeiter, jetzt kommen die manuellen daran.“

„Und das Ende?“ fragte ich beklommen. „Wie lange wird das der Wiener noch aushalten oder dulden?“

„Aushalten? Nicht mehr lang – aber dulden… In Ewigkeit.“

„Und eine Revolution?“

„Eine Revolution?… Bricht sie aus, dann setze man – wird das Parlament gestürmt – auf das Volksgartengitter vis-à-vis – einen Mandrill… Glaubens’, daß ein Wiener auf der Rampe bleibt? Alle sind s’ drüben beim Affen… Übrigens, wüßten Sie keine Frau für mich?“

„Eine Frau? Ich schaff’ Ihnen eine. Unbedingt.“

Und ich verheirate diesen Mann. Ich bin selbst 26 Jahre verpflegt… Er verdients…

V. S. Teinhof.

(1. Februar 1922)

 

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