Archiv der Kategorie: 25 Jahre-Jubiläumsnummer

Angele.

Für Anstand schwärmte chère Mama,
Behütete mich vor der Liebe,
Doch ihre Moral blieb selten allein,
Die hatte Gesellschaftstriebe.
Ein Bariton schlich in ihr Kämmerlein,
Oft war er von anderem Fache,
Nur ich blieb unschuldig und rein
Die Keuschheit? Hahaha! Ich lache!

Ein Pastor warnte mich eindringlichst
Vor der gefährlichen Sünde“
„Ach, schenke dem Himmel dein Leben, Maid,
Und schenke es nicht einem Kinde.
Verschwende nie eitel Dein Gefühl
Und fürchte Gottes Rache!“
Und seine Knie streiften mein Bein –
Die Sünde? Hahaha! Ich lache!

Ein Dichter erkor mich zum Ideal,
Und nannte mich seine Muse.
Er schrieb: „Von Juno die Gestalt
Und die Hände von der Duse.“
Doch da er sein Gold im Herzen bloß trug,
So wurde mir fade die Sache,
Da nahm er ein Weib und schnarcht hübsch daheim,
Idealismus? Hahaha! Ich lache!

In meines Freundes Hirn stieg auf
Verdacht auf meine Treue,
Die Predigt seiner Eifersucht
War lange wie die Reue.
Er ließ mich auch beobachten,
Ein Jüngling hielt die Wache,
Hat mein Terrain oft rekognosziert…
Die Treue? Hahaha! Ich lache!

Nur einmal habe ich wahrhaft geliebt,
Er wußte nicht, was ich geworden,
Und als er dann alles, alles erfuhr,
Da wollte er mich ermorden.
Er lief aber ins Nebengemach
Piff, paff! Huh! Diese blutige Lache!
Sein brechend Auge klagte mich an!
Die Liebe? Hahaha! Ich lache!

Ernesto.

(29. Jänner 1905)

 

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Ein unglücklicher Zufall.

In einem sehr gelesenen Tagblatt hat der Setzer den politischen und ökonomischen Artikel, der in einer Nummer über Rußland erscheinen sollte, kunterbunt durcheinander gemengt, und dadurch las man am nächsten Morgen dieses rätselhafte Poem, das selbst erfahrene Schriftgelehrte nicht entziffern können:

Die russische Revolution. – Verzinsbar zu 7 Prozent. – Große Volksempörung. – Glänzende Kapitalsanlage. – 1500 Todte. 8000 Verwundete. – Ohne Risiko völlig gefahrlos.

Das getretene, Luft und Licht beraubte Volk hat endlich den Versuch gemacht, seine jahrhundertealten ketten zu brechen. – Die russische Anleihe, die das solide Bankhaus Mendelsohn, unterstützt von einem vielgliederigen Konsortium, emittiert, wurde hundertfach überzeichnet. Die Massen verlangen gebieterisch die Konstitution, um sich aus ihren schmachvollen Zuständen zu befreien. – Das Konsortium wird nur einen kleinen Teil der Zeichnung berücksichtigen können, und so empfiehlt es sich für das Publikum, die Sperrverpflichtung zu übernehmen. Rußlands Finanzen sind völlig intakt, und auf Jahre hinaus ist an innere Konflikte nicht zu denken. – Zwischen den Arbeitern und dem Militär kam es zu blutigen Zusammenstößen. Die Empörung schwillt immer stärker an. Die Revolutionäre verbarrikadieren sich. – Das Publikum möge die glänzende Gelegenheit, die sich ihm durch Erwerbung russischer Schatzbons bietet, gehörig ausnützen; im Verhältnisse zu dem geringen Risiko ist der Nutzen ein enormer. – Die Revolution erhebt sich gegen den Zarismus, und wird nicht eher aufhören, bis der Schrei der Geächteten gehört und die Träne der Geängsteten getrocknet wird. – Kein Staat der Welt läßt seine Gläubiger soviel verdienen wie Rußland. Die Anleihe verzinst sich, höret und staunet, zu 7 Prozent.
Hoch die russische Freiheit, kaufet Schatzbons zu 7 Prozent!

(29. Jänner 1905)

 

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Der Stöcker-Prinz.

Nach einem frommen Liede.

Es scheint bestimmt in Gottes Rat,
Daß in der deutschen Kaiserstadt
Ein „Prinz von Stöcker“ nie kann scheiden,
Zusamm’ sich finden stets die beiden.
Und darf zu Hof der Stöcker nicht;
An Prinzen ihm doch nie gebricht;
Ist ihm verwehrt das Kaiserschloß,
Zieht hin zu ihm ein Kaisersproß
Und trotzen darf der Heilsprophet
Mit mehr Erfolg als Mohamed;
Zum Berg braucht er sich nicht zu müh’n,
Zu ihm der Berg kommt folgsamst hin
Als Bismarck ihn hielt ferngebannt,
Den Weg zu ihm der Prinz doch fand.
Der heute auf dem Kaiserthron –
Und heut’ das Gleiche tut der Sohn;
Er zählt zu Stöckers Publikum
Und schwört auf Stöckers Christentum
Und drückt die Hand zu frommem Werk
Herrn Liebermann von Sonnenberg.
Goutiert die Lehr’ vom Rassenhaß –
Ein allerliebster Prinzenspaß.
Du, junger Prinz, hast doch erschaut
Die Liebe in der holden Braut,
Hat Gottesliebe anderes Ziel,
Als warmes, menschliches Gefühl?!
Ist sie nicht bess’rer Achtung wert,
Als jene, die Herr Stöcker lehrt?
Du, junger Prinz, such’ anderen Hort,
Treib’ anderen Thronerbensport
Und nimm es wahr nicht allzu spat,
Daß solches nicht nach Gottes Rat!
Für Prinzenmäulchen, naschhaft lecker
Gilt’s bess’re Gourmandise, als Stöcker;
Denn sich an diesem zu behagen,
Verdirbt das Herz, nicht nur den Magen.

(29. Jänner 1905)

 

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Vor Klingers „Drama“. (Einige kunstkritische Urteile.)

Ein verbahrter Begeisterter.
Herrlich, grandios! Gott gewordene Intuition! Hermann Bahr der Bildhauerei! Exstatischer Meißel! Gewordener, seiender, ichbewußter Klinger. Himmelslicht auf zwei Füßen, wandelnder Sonnenaufgang der Kunst! In Genialität eingepreßtes Können mit Goldschnitt, Totentanz und Innerlichkeit. Seelenkraxler auf nicht markierten Pfaden. O, wie ich dich verstehe!

Kein Fremder: Sie scheinen die Intentionen des Meisters gut zu kennen? Würden Sie nicht so liebenswürdig sein, mir zu erklären, was die Gruppe vorstellt?
„Was, Sie haben die Frechheit, noch zu fordern, daß Ihnen der Meister sagt, was er will, daß er sich mit Ihnen durch sein Werk gewissermaßen unterhält. Empfinden Sie, schwingen Sie Ihre Seele in den reinsten Äther empor, so sind Sie (fahndet nach dem richtigen Wort und spricht dann mit riesiger Verachtung) – ein Durchschnittsmensch.

Herr Gigerl vom Griechenbeisl.
So a Stiefel, a „Drama“ soll’s sein, und net a Alt is ihm gelungen. Wann ma bedenkt, wie viel Marmor der Kerl dazu gebraucht hat. Für das Geld krieget ma 25 Kilo Fleisch. Dös war a feins Diner. Der Kruspelspitz, den kann man wenigstens essen, aber der Klinger is selbst für an Menschenfresser unverdaulich. Die Leut’ wissen eben nöt, mit dem Geld etwas Vernünftiges anzufangen. Statt a gediegenes Wiener Fleisch und a paar Krügel Püls kaufen s’ Marmor und hau’n no auf ihn, statt daß ma auf ihne haut. A Drama 25 Kilo Kruspelspitz vorzuziehen, dös bringt nur a verruckter Sezessionist z’samm’!

Der Börseaner.
Sarah: Moriz, was ist dos?
Moriz:
Dos Drama von Klinger.
Sarah:
Dos soll also a Drama sein. Ich hab scho geseh’n a nackten Mann, ä nacktes Weib, ä nacktes Kind, aber ä nacktes Drama, sag’ Moriz, wozu braucht ma das?

Die Weltdame.
Ach Gott, diese Modernen, vor aller Schönheit der Welt fliehen sie, als wäre sie ein Polizist. Da kämpfen wir für die Freiheit der Kunst, für die nachte Wahrheit der Schaffenden, und dann stellen sie so abscheuliche Sachen aus; Exponieren wir für die künstlerische Berechtigung der Nacktheit uns darum so unentwegt, damit sie unsere Sinne gar nicht befriedigt? Wie können wir uns weiter für die Moderne echauffieren, wenn sie uns durch ihre Schönheitsscheu so wenig Gelegenheit dazu bietet… und wir möchten uns doch so gerne echauffieren…

Der Künstler der alten Schule.
Dös soll dramatisch sein, mein lieber Klinger, das ist kritisch.

Der Künstler der jungen Schule.
Der Klinger schnappt mir meine eigenen Ideen immer vorweg. Ich habe mir mein Werk so dunkel vorgestellt, und er hat dasselbe so dunkel ausgestellt!

Zwei Auguren.
Klimt (lächelnd): Ihnen geht es so wie mir, lieber Klinger, Publikum will Sie ergründen, man will wissen, was Sie sich gedacht haben!
Klinger (nachdenklich): Gedacht haben? Apropos, lieber Freund, wenn man sich einmal etwas wirklich denken sollte, ist man dann so interessant?
-y-

(29. Jänner 1905)

 

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Caricaturen.

Im großen Bildersaal der Welt
Kein Genre ist so stark vertreten
Und frischen Zuwachs stets erhält,
Wie die verzerrten und verdrehten
Gestalten der Caricatur.
Denn jeder Stand und jede Klasse
Erzeugen ihre Spottfigur
Zu Masse!

Ein Mann, der zwanzig Jahr studiert,
Mit Geist und Fleiß gerungen,
Der hat am Schluß aus Hungersnot
Der Tramway sich verdungen.
Nun macht er täglich sine Tour
Zum Lohn des wackern Strebens –
Das ist die wahre Caricatur
Des Lebens!

Ein Mädchen, jung und klug und schön,
Doch ohne Alimente,
Die wählt sich einen alten Gauch
Mit zwanzigtausend Rente.
Tagtäglich hört er ihren Schwur
Vom reinsten Herzenstriebe –
Das ist die wahre Caricatur
Der Liebe!

Zwei Leute haben sich vermählt,
Weil eben es so Mode,
Sie promenieren Arm in Arm
Nach hergebrachter Methode.
Doch jedes lebt für and’re nur,
Besieht man’s in der Nähe –
Das ist die wahre Caricatur
Der Ehe!

Ein Menschlein wandelt auf dem Ring
Mit aufgestülpten Hosen,
Krawatte rot, Stiefletten gelb,
Im Knopfloch vier Stück Rosen.
Des tollsten Blödsinns Unnatur
Zu zeigen – der Mensch, der kann es! –
Das ist die wahre Caricatur
Des Mannes!

Am Hut ein ganzes Blumenbeet
Auffallend zum Entsetzen,
Nur Sinn für Putz und Médisance
Und geistlos flaches Schwätzen.
Sie kennt nur Ball, Soirée und Jour
Zum Zweck des Zeitvertreibes –
Das ist die wahre Caricatur
Des Weibes!

Im Haus des Volkes brüllt ein Mann,
Unflätig über die Maßen,
Gleich dem versoff’nen Fuhrknecht, der
Sich austobt auf den Straßen.
Was er auch spricht, das trägt die Spur
Unglaublichen Verblödens –
Das ist die wahre Caricatur
Des Redens!

Ein General, der stets geprahlt,
Er wär’ des Reiches Retter,
Der immer mit dem Maul bereit
Zum Schlachtendonnerwetter:
Der fährt gar balde schon retour,
Wie uns die Blätter melden –
Das ist die wahre Caricatur
Des Helden!

So lang es Menschen gibt auf Erden,
Lebt die Caricatur auch fort,
Kann nie der Witz verlegen werden
Um reichen Stoff für Bild und Wort.
Erst mit des letzten Menschen Spur,
Wenn den zernagt die Würmer haben,
Mit ihm erst wird auch die Caricatur
Begraben!

(29. Jänner 1905)

 

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Zum ersten Vierteljahrhundert der „Wiener Caricaturen“.

Wenn Zeitungsjahre überhaupt Kriegsjahre sind, also doppelt zählen, wie erst beim Witzblatte! Denn die Schicksale eines solchen hängen nicht, wie die der ernsten Tageszeitung, von Gesamtströmungen und Gesamtrichtungen, sondern von dem individuellen Geschmacke des einzelnen, von den wechselnden Launen und Stimmungen des Individuums ab. Jeder einzelne ist das ein separates Publikum für sich, das gewonnen und festgehalten sein will. Ein Witzblatt nun, dem das ein ganzes Vierteljahrhundert gelingt, darf sich wohl darauf etwas einbilden und mit einiger Genugtuung das Datum in seinem Kalender besonders anstreichen.
Solche Wandlungen der Zeiten und der Menschen haben die „Wiener Caricaturen“ durchgemacht seit dem Tage ihrer Gründung durch den verstorbenen Josef Braun, einen Witzblattmann von treffsicherstem Blicke und schneidigster Initiative! Politische, konfessionelle, soziale und volkswirtschaftliche, literarische und ästhetische Wandlungen. Diese letzteren gar besonders eingreifend für ein Unterhaltungsblatt. Der große Uebersprung des Zeitgeschmackes zur „Moderne“! Nun wohl, die „Wiener Caricaturen“ haben sich auch mit „Sezession“ und „Moderne“ abzufinden gewußt, ohne „Sprung“ und „Uebersprung“, im Wege des wohlbedachten Aneinanderschlusses von Gegenwart und früherer Tradition. Sie sind gleich geblieben und immer wieder auch geworden, was ja der Kern jeder gesunden und zukunftsversprechenden Entwicklung ist. So können denn die „Wiener Caricaturen“ mit getroster Zuversicht in das zweite Vierteljahrhundert treten.
Die Redaktion.

(29. Jänner 1905)

 

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Wiener Caricaturen 1880-1905

All die Jahre froh verbracht,
Mein Gewerbe, fröhlich machen,
All die Jahre durchgelacht,
So kann man der Zeit wohl lachen!

Fünfundzwanzig Jahr’ gescherzt,
Mit der Welt keck Spott getrieben,
So wird Jugend nie verscherzt,
Bin denn auch fein jung geblieben.

Hab’ den Kampf wohl nie gescheut
Mit den Zöpfen und Philistern,
Habe Weihrauch nie gestreut,
Weder Fürsten, noch Ministern!

Nie geriet doch mein Humor
In ein schrilles, wüstes Streiten,
Munt’rer Sinn schützt’ mich davor,
Hielt mir stets den Schalk zur Seiten.

So denn treib’ ich’s unverwandt
weiter, hoff’ ich, manche Jahre,
Wand’re flott durch Stadt und Land,
Biete meine lust’ge Ware.

(29. Jänner 1905)

 

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Man schreibt uns:

Eine Kriegsexzellenz, im Punkte der Weiber just kein Heiliger, woraus übrigens Exzellenz nie ein Hehl gemacht, genießt den Urlaub in einer bis dahin noch nicht besuchten Sommerfrische. Auf Kreuz- und Querspaziergängen sucht er die Landschaft und die Leute kennen zu lernen und trifft dabei eines Tages mit dem Pfarrer der Ortschaft zusammen, der sich durch den scharfen, strengen Ton seiner Predigten einen lauten und durch seine bildhübsche Köchin einen stillen Ruf erworben hat. Der General ist bald mit dem Seelenhirten im Gespräch und frägt ihn, wie er mit seiner Herde zufrieden sei? Der geistliche Herr klagt achselzuckend, daß leider „das sechste Gebot in arger Weise mißachtet werde und die Moralität der Burschen und Dirnen viel zu wünschen übrig lasse.“ – „Dagegen höre ich“, erwiderte ihm der General, „daß das siebente Gebot, wie selten irgendwo, respektiert wird, man kann des Nachts ruhig bei offenen Türen schlafen, ohne Einbruch und Diebstahl befürchten zu müssen, und da dürfen wir zwei (Exzellenz legt mit anzüglichem Lächeln einen bedeutsamen Nachdruck auf das ‚wir zwei’) es mit dem sechsten Gebote nicht gar so unnachsichtig genau nehmen…“

*

Es wird von der Ehekrise eines in der Gesellschaft vielbekannten Paares gesprochen. Man erzählt, daß die Scheidung stattgefunden habe – dagegen wendet eine Dame ein, daß sie die beiden gestern erst im gemütlichsten Plaudern miteinander gehen gesehen habe.
„Nun ja, warum denn nicht?“ meint eine andere Dame. „Nachdem die zwei geschieden sind, leben sie ja sehr gut miteinander…“

*

Die Verlobungszeit naht ihrem Ende, die Hochzeit ist anberaumt, glühend herbeigesehnt vom Bräutigam, der, an und für sich ein äußerst begehrliches Temperament, zudem noch rasend verliebt in die schöne, natürlich jungfräuliche Braut ist und nicht mehr die Stunde erwarten kann, die sie ihm in die Arme gibt. Da, im letzten Moment, kommt ein ganz unvorhergesehener Zwischenfall: eines der Trauungsdokumente ist nicht in Ordnung befunden worden. Also neuerlicher Aufschub. Der Bräutigam ist außer sich, das Ungestüm seines Temperaments ist nicht zu zügeln, und er bestürmt die Braut, der letzten Formalität nicht zu achten und sofort sein Weib zu werden, noch vor der Hochzeit. Sie weigert sich des. Er drängt in sie und will ihre Skrupeln mit der hoch und teuer beschworenen Versicherung scheuchen, daß sie ja in ein paar Tagen seine legitime Frau sein werde. Sie aber verharrt im Widerstande mit der Motivierung: „Nein, nein, so oft ich einem nachgegeben habe, ist die Partie zurückgegangen…“

(29. Jänner 1905)

 

 

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Eingeordnet unter 25 Jahre-Jubiläumsnummer, Man schreibt uns

Eine neue Rechenaufgabe.

Dem Rechenkünstler Inaudi wurde kürzlich eine neue Aufgabe zur Lösung vorgelegt. Sie lautet folgendermaßen: „Wenn Rußland eine Anleihe von 500 Millionen Mark kontrahiert, 5 Unterhändler zu den Konferenzen mit dem Finanzkonsortium entsendet und dieses aus 3 Bankiers besteht, fernerhin 4 russische Großfürsten an der Riviera sich amüsieren, wieviel bekommen von dem in Rede stehenden Betrage von 500 Millionen Mark die in der Mandschurei hungernden und frierenden Soldaten?
Inaudi besann sich kaum eine Sekunde und sagte dann ruhig: „Sämtliche Nullen der Summe.“

(29. Jänner 1905)

 

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Eingeordnet unter 25 Jahre-Jubiläumsnummer

Vom Inseratenmarkt des Lebens.

„Gesundheit“ kann übrigens auch in standesgemäßerer und minder strapazanter Weise ihre lohnende Verwertung finden, und es bietet sich auch soeben eine wohl lockende Gelegenheit, etwas ganz Erotisches: „Cubanerin, kinderlose Witwe, 30 Jahre, feingebildet, sehr chic, und elegante Figur, spricht deutsch und französisch, mit einem Barvermögen von sieben Millionen Dollars nebst zwei berühmten Tabakpflanzungen, wünscht Heirat mit gesundem gebildetem Herrn. Mit begünstigten Kandidaten könnte Zusammenkunft auf der Durchreise durch Österreich-Ungarn veranstaltet werden.“ Ist kein vakanter Bezirkshauptmann zur Verfügung? Es gibt ja noch andere Rendezvousorte als Mürzzuschlag…

*

Es ist ja wirklich schon, als ob das „Noblesse oblige“, das Verpflichtungsgebot, der „kategorische Imperativ“ der vornehmen Geburt, die Bedeutung und Wendung bekäme, die sich in nachstehender Einladung ausdrückt: „Vornehmer Herr sucht die ehrbare Bekanntschaft einer dramatischen Schauspielerin oder Soubrette – unter Chiffre „Noblesse oblige“. Der „vornehme Herr“ erachtet es also entschieden als eine Obligation, eine Verpflichtung der Noblesse, ehrbare Bekanntschaften mit Soubretten oder „dramatischen Schauspielerinnen“ anzuknüpfen. Wobei nur, in Bezug auf die letzteren, zu bemerken gäbe, daß nicht die „dramatischen“, sondern gerade die „undramatischen“ Schauspielerinnen die richtigere Adresse für den „vornehmen Herrn“ wär – jene nämlich, die mehr Beruf und Neigung zu „ehrbaren Bekanntschaften“, als dramatisches Talent ins Theater mitbringen.

(29. Jänner 1905)

 

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Eingeordnet unter 25 Jahre-Jubiläumsnummer

Neue Frauengewerbe.

Die Schornsteinfegerin.
In Deutschland gibt es bereits mehrere Schornsteinfegerinnen. (Zeitungsnotiz.)

– Bis jetzt haben Rauchfangkehrer mitunter auf weiblichen Wangen verräterische Spuren zurückgelassen. Jetzt kann’s umgekehrt passieren.

(29. Jänner 1905)

 

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Bohème.

– Wieviel Geld hast du bei dir Alfred?
– Drei Kreuzer.
– Kapitalist, möchtest du nicht, nachdem wir den ganzen Tag gehungert haben, deinen Mammon zum Maronibrater tragen?
– Nein, Ernst, ich will mir den Appetit nicht verlegen!

(29. Jänner 1905)

 

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Eingeordnet unter 25 Jahre-Jubiläumsnummer, Inland

Die beiden Pfützen.

Zwei Pfützen standen am Wege
Gebildet vom nächtlichen Regen;
Die eine war in der Sonne,
Die and’re im Schatten gelegen.

Da kräuselte die in der Sonne
Voll Hochmut ein stolzes Wellchen,
Doch währte es kaum eine Stunde,
Da war sie ein trockenes Stellchen.
Hugo Brauner

(29. Jänner 1905)

 

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Zeitung für Wahrheitsfanatiker.

Der in St. Petersburg erscheinende Regierungsbote enthielt die einzigen authentischen Mitteilungen über die russischen Vorgänge. Wir können diese publizistischen Verbeugungen vor der Wahrheit unseren Lesern nicht vorenthalten:

Im königlichen Palaste wurde durch einen Wurf ein Fenster eingeschlagen. Inzwischen dröhnte die Freudensalve des Garderegiments anläßlich des heiligen Wasserfestes, so daß man die Zertrümmerung der Glasscheiben erst gar nicht bemerkte. Als man nachträglich den Schaden wahrnahm, hat der Hofglasermeister diesen sofort wieder repariert. Andere Konsequenzen hat die in Rede stehende Affaire absolut nicht gehabt. Einige Chargisten des Garderegiments haben sich wohl in die Schlüsselburg begeben, doch hat diese harmlose Übersiedlung nicht die geringste Bedeutung.

*

Eine vieltausendköpfige Menge zog vor die Zarenburg, um den großen Herrscher persönlich sehen zu können. Der Zar war aber indisponiert und ließ sich durch Großfürst Wladimir und General Sacharow vertreten. Die anfänglich sehr animierte Stimmung ließ im Laufe der Zeit erheblich nach, so daß man mehreremale „Feuer“ kommandieren mußte.

*

Die Arbeiter der Putilów’schen Werke haben infolge der ihnen zugekommenen Nachrichten von russischen Siegen beschlossen, aus Freude über den Triumph Rußlands über Japan, für einige Tage die Arbeit einzustellen. Nun hat sich herausgestellt, daß die Siegesnachrichten Kuropatkins verfrüht und nur durch die Schnelligkeit des Telegraphen, der heute bereits den Ereignissen voranschreitet, in Petersburg eingelangt sind. Infolge der Differenzen über den Termin der Siege kam es zu Konflikten, wobei das Militär einigen ganz besonders verstockten Arbeitern die Köpfe öffnen mußte…

*

Ein Priester namens Gapon zog mit dem Kreuze in der Hand an der Spitze eines starken Zuges, um einen schwerkranken Mann die Sterbesakramente zu verleihen. Durch eine Verkehrsstörung und den Umstand, daß Kavallerie infolge eines dichten Schneefalls die Straßen säubern mußte, konnte Gapon zu dem kranken Mann nicht kommen. Dieser ließ, um nicht ohne Versöhnung mit Gott sein Leben abschließen zu müssen, den Oberprokurator Podjedoneszew rufen, der auch als die geeignetste Persönlichkeit gilt, solche kranke Leute mit den Sterbesakramenten zu versehen.

*

In St. Petersburg wurde soeben ein Blutbad für die unteren Schichten der Bevölkerung eröffnet. Hiedurch wurde einem hervorragenden Friedenswunsche des Zaren entsprochen.

*

Der Zar wird in einigen Tagen St. Petersburg verlassen. Der Arzt hat ihm infolge seiner angegriffenen Konstitution eine Luftveränderung vorgeschlagen. Auch soll er sich an einem Auflauf den Magen verdorben haben.

(29. Jänner 1905)

 

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Eingeordnet unter 25 Jahre-Jubiläumsnummer, Ausland

Autobiographisches.

(Keine Interviews.)

Peter Altenberg.
Auf alles Irdische könnt’ ich verzichten,
Selbst auf die Lieb’ der schönsten Straßenfee.
Nur zwei Gebilde sind mit mir verwachsen:
Gedankenstrich und Nachtcafé!

Hermann Bahr.
Was ich gewesen, bin ich nicht geblieben,
Was ich nie dachte, habe ich geschrieben,
Als „Krampus“ einstens alle die geschlagen,
Die als „Apostel“ mich nunmehr auf Händen tragen.

Julius Bauer.
Fiele auf dem Totenbette
Mir noch ein, ein Geistesblitz,
Spräch’ zum Tod ich: „Wart’ ein Weilchen,
Schade wär’s um diesen Witz!“

Max Burckhard.
War einstens Burgtheaterhetmann,
Sodann ein kritisches Genie,
Schließlich bin ich Hofrat ’worden;
Aber fragt mich nur nicht, wie?

Alexander Girardi.
Wenn man schon a Theater ziag’n muß
Und dabei schwitzt aus allen Poren,
Da denkt man sich: könnt’ man auch zieh’n
Den Herrn Direktor – aber an den Ohren.

Gutheil-Schoder.
Man meint, ich habe viel zu wenig Stimme,
Doch dafür sprüht mein Geistesblitz,
Denn oft ersetzt Esprit den Schmelz der Triller
Und viele hab’n zur Stimme nur noch Sitz.

Hugo von Hoffmannsthal.
Nur mystische Dessins
Verweb’ ich für’s Theater,
Und meine Sprache ist so reich,
Beinahe wie mein Vater.

Stella Hohenfels.
Ich spiele noch immer die minnige Maid,
Doch auch schon die Heroine,
Und mime für die Wohltätigkeit
So gern die „Burgruine“.

Josef Kainz.
Schon als Knabe wurde angestaunet
Mein großes sprecherisch’ Talent.
Mein Vater meinte: Josef wird ein Künstler
Oder ein Versicherungsagent.

Lotte Mendelsky.
Als Schlenther mich als „Gretchen“ geseh’n,
War um seinen Geist es völlig gescheh’n,
Er sprach: Mein Fräulein, darf ich’s wagen,
Ihnen mich als Stütze anzutragen.
Ich rief aber schnippisch: Sie sind mit zu dick,
Ich suche nur ein mageres Stück,
Doch er rächte sich grimmig, o Infamie,
Er gab mir die Rolle der „Eboli“.

Felix Salten.
Daß so balde ach erloschen
Meine Bühnenherrlichkeit,
Läßt mich heute kühl; bedenket:
Alle Wunden heilt die „Zeit“.

Adele Sandrock.
Vom reinsten Adel ist fürwahr die Kunst
Und vornehm gar mein Liedermund,
Bin in Apollo eine Herzogin
Von Kognak und Burgund.

Artur Schnitzler.
Meinen Ruhm erschuf mein „süßes Mäderl“
Durch die schöne „Liebelei“,
Voll ist stets mein Herz gewesen,
Nur mein Kopf blieb manchmal frei.
„Freiwild“ bin ich doch geworden
Und gegangen auf den Leim,
Wohne nicht mehr bei den Musen,
Sondern hab’ ein sittsam Heim.

Adolf von Sonnenthal.
Zum Äther steigt mein Fleh’n empor,
Begnad’ mich Herr wie keinen,
Und lasse mich bis hundert Jahr
Stets weinen…
Hieronymus Jobs.

(29. Jänner 1905)

 

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Unsere Theater-Rundfrage.

Der grassierenden Rundfragenmode Rechnung tragend, gaben auch wir uns an hervorragende Bühnenkünstler mit einer Rundfrage gewendet. Nämlich:
„Was für eine Rolle, die Sie nie zu spielen bekommen, hätten Sie doch für Ihr Leben gerne gespielt, weil sie Ihnen auch einigermaßen gebührt hätte?“
Darauf haben wir folgende Antworten bekommen:
Sonnenthal: Schneider Zwirn im „Lumpazivagabundus“, weil ich ja als Schneider angefangen.
Stella Hohenfels: „Hamlet“, da ja auch die Sarah Bernhardt ihn spielt. Oder bin ich vielleicht für das deutsche Theater weniger?!
Tewele: „König Philipp“ im „Don Karlos“, da ich als Junger im Münchner Hoftheater des Karlos gespielt habe, den Philipp also auch zum mindesten so gut träfe, wie der Sonnenthal.
Girardi: Den „König Lear“, weil ich so viel Beruf zum „tragischen Vater“ hab’.
Adele Sandrock: Die „Venus“ im Tannhäuser. Durch Natur und Kunst dazu berufen, ich ich’s in Ischl gezeigt.
Hansi Niese: Die „Medea“, von wegen meiner zwei Kinder und weil Jarno mit den gleichen zwei Buchstaben anfängt wie Jason.

(29. Jänner 1905)

 

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Der Zar-Papst läßt schießen.

„Wenn Gott nicht mit mir ist, so schieße ich auf sein Kreuz!“

(29. Jänner 1905)

 

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Vom Inseratenmarkt des Lebens.

Schlechte Menschenbeispiele verderben gute Vierfüßlersitten. Nicht nur Prinzessinnen und kleine Näherinnen gehen mit ihren Liebhabern durch – auch Hündinnen haben offenbar schon ihre Romane. Denn anders wohl, als durch gemeinsamen Herzensdrang, durch die Flucht vor einem feindseligen Liebesgeschicke, das dem Lebensbunde wehrte, ist die romantische Hundegeschichte nicht zu erklären, von der eine Bekanntmachung der „k. k. Forstverwaltung…“ Nachricht gilt: „Neck und Fricka – ein edles Jagdhundepaar – sind gleichzeitig durchgegangen“ – in der Hundesprache heißt’s: „Haben sich verlaufen“, weil nur Menschen sich vergehen – und eine Prämie ist auf ihre „Anhaltung“ ausgesetzt. Kaum also sind die letzten Liebensskandale in hohen und minder hohen Kreisen ein bißchen verhallt, ist schon wieder eine neue Bescherung da…

*

Man kann überhaupt den kuriosesten Begriffen über „Pflichten des Adels“ begegnen. Da ist so ein „Dokument degenerierten Blaublutes“, ein öffentlicher Aufruf: „Wer verhilft gesundem verarmten Aristokraten zu einer Existenz?“ Ein Aristokrat, der sich eine Existenz sucht, zu der man in erster Linie „Gesundheit“ braucht, die plebejische physische Gesundheit! Wenn sich da die respektiven Ahnen nicht in ihren Grüften umdrehen…

(29. Jänner 1905)

 

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Eingeordnet unter 25 Jahre-Jubiläumsnummer, Inland, Inseratenmarkt des Lebens

Aus der lustigen Kinderfibel.

Wie es erwachsene Gemütsmenschen gibt, gibt es auch Gemütskinder. Franzi hat vom Großpapa zum Geburtstag ein Sparkassabuch mit einer netten Einlage bekommen, die aber nur auf ein geheimes Stichwort behoben werden kann, welches Geheimnis Großpapa indes noch für sich behält. Da erkrankt er plötzlich, und Franzi läuft im ersten Schrecken zur Mama: „Lasse dir vom Großpapa das Wort für das Sparkassabuch sagen, denn wenn er stirbt, kriegen wir das Geld nicht heraus.“
Ein gemütsverwandter Knabe ist der fünfjährige Willi. Er möchte durchaus einen Dackel haben, Papa und Mama aber wollen von einem Hund im Hause nichts wissen. Da tröstet sich Willi:“ Wenn Papa und Mama sterben, kaufe ich mir gleich einen Dackel.“

*

Die kleine Emmy ist der Zärtling der Familie, die sich samt und sonders, von Papa und Mama angefangen, ihre neckischen Freiheiten und Ungezogenheiten gefallen läßt. Nur gegen das „Fräulein“, ihre Bonne, muß sie sich der tadellosesten Artigkeit befleißen, was ihr oft genug hart ankommt. Da geschieht etwas Unerwartetes. Onkel Friedrich hat sich in die Bonne verguckt und nimmt sie kurzweg zur Frau. Bei der Verkündigung der überraschenden Situationswechsels jubelt Emmy auf, als wäre ein Alp von ihr abgewälzt: „Jetzt ist das Fräulein meine Tante, jetzt darf ich ungezogen gegen sie sein!“

(29. Jänner 1905)

 

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Die verkannte Potiphar.

Fräulein Molly Knebelhart geht scharf auf die Männer. Aber – honni soit, qui mal y pense! Nicht auf schöne Männer und auch jung brauchen sie nicht zu sein, nur „Charakterköpfe“ sollen sie haben – denn Frl. Molly Knebelhart ist ihres Zeichens Malerin, wohl Dilettantin nur – denn als Beruf die Kunst zu üben, hat sie, zum Heile der Kunst, nicht nötig – und sie fahndet leidenschaftlich nach männlichen Modellen.
Einmal sieht sie an der Straßenecke einen Dienstmann stehen mit dem erforderlichen „Charakterkopf“. Sie winkt ihm.
„Haben Sie Zeit?“
„Bitt’, Fräul’n, ja.“
„Wollen Sie zehn Kronen verdienen?“
„Bitt, gnä’ Fräul’n, recht gern.“
„Kommen Sie heute Nachmittag um 4 Uhr auf eine Stunde zu mir.“
Der Mann weicht mit einem Ausdrucke des bleichen Entsetzens zurück, er hat die Dame jetzt erst recht angesehen und hat der Einladung auf eine ganze Stunde gleich eine schreckhafte Deutung beigemessen.
„Naa – –!“ haucht er, tonlos, aber höchst entschieden. Das wären bitter verdiente zehn Kronen – – –

(29. Jänner 1905)

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