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Kleine Briefe einer naiven Gräfin.

Die „Wiener Zeitung“ entsinkt soeben meiner vor Erregtheit zitternden Hand, mit der ich die Feder ergreife um mich durch einen Ausbruch der Empfindungen zu beruhigen Habe ich Dir’s seinerzeit nicht gleich vorausgesagt, daß aus dieser affreusen Heiratsgeschichte des so weit abseits gerathenen Sprossen aus altem Grafenhause, des Neffen eines so frommen Ministers mit der kleinen, von ihrem Manne geschiedenen Jüdin noch gar mancher betrübsame Eclat herauskommen werde! Weiterlesen

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Kleine Briefe einer naiven Gräfin.

Liebe Mathilde!

Die Wege der Vorsehung sind dunkel – und im Dunkeln ist gut munkeln. Der Vordersatz ist von unserem guten Abbé, den Nachsatz hat Gixi in übermüthiger Laune dazugefügt Denn die ganze Geschichte, wie aus einem eclatanten Scandal ein erbauliches Werk gemacht wurrde, hat ihn unbändig amüsirt – Du kennst ihn ja, er ist so abscheulich frivol, daß man sehr oft mit ihm lachen muß, wenn man sich auch noch so sehr über ihn ärgert – diesmal aber habe ich nicht mitlachen können, und Alfred hat mir darin vollkommen Recht gegeben, denn schließlich muß doch ein Unterschied gemacht werden zwischen einer leichten liaison, einer flüchtigen Caprice und einem ernsthaften Attachement. Die Liaison hat keine egards zu beobachten, sie braucht’s mit Stand und Rang und den sonstigen Eintheilungen und Unterscheidungen der Menschen nicht genau zu nehmen und im äußersten Falle kann man sogar darüber hinwegsehen, wenn ein Cavalier in einer Geschmacksverirrung an einer hübschen Jüdin momentanes Gefallen findet, wenn diese Verirrung eben nur einen Moment lang dauert – das Attachement dagegen darf, fast so wie die Ehe, nur streng standesgemäß sein, wenn nicht penibelste Inconvenzien daraus entstehen sollen, die sich bis zum schlimmsten Eclat steigern können. Darin stimmt Alfred vollkommen mit mir überein, wir haben über die Bedeutung des Attachements dieselbe Ansicht und das gleiche Gefühl – und wir sind darum auch mit dem Abbé nicht einverstanden, der die Sache von seinem, diesmal ganz eigenthümlichen Standpunkt auffaßt und beurtheilt.

Du hast neulich doch wohl die famose Vermählungsanzeige in den Journalen gelesen? Der Neffe eines der frömmsten und standesbewußtesten Staatsmänner, dem gewiß Alles ein horreur ist, was gegen den Glauben und die Ahnen verstößt, der Sohn eines nicht minder frommen und standesbewußten Cavaliers verschaut sich in eine Jüdin, eine verheiratete noch dazu – was allerdings noch immer kein Malheur wäre, wenn es sich blos um eine kurze Liaison, eine kleine Zerstreuung gehandelt hätte. Mon Dieu, man muß da ein Bischen tolerant sein – hat ja doch selbst Alfred mir gestanden, daß er einmal eine volle Woche lang für eine semitische Ballerine mit ein Paar orientalischen Gluthaugen geschwärmt hat – bevor er mich kannte, natürlich. Aber nein, mit so einem rasch vergessenen und darum leicht verzeihlichen Herzens-Intermezzo hat sich der junge Herr Graf nicht begnügt – ein Attachement war’s, ein ernstes, wahrhaftiges Attachement und – c’est affreux – geheiratet hat er seine Jüdin. Freilich hat sie sich zuvor erst ein Bischen taufen lassen, und das hat für den hierin allzu genügsamen und einseitig urtheilenden Abbé genügt, den Scandal beinahe wie ein freudiges Ereigniß zu betrachten, weil dadurch eine Seele dem wahren Heile gewonnen und aus der Nacht des Unglaubens gerettet worden sei. Ja, er erkennt eine wundersame Fügung darin, wie die Sünde selbst auf solche Weise dazu dienen müsse, eine Seele der Erlösung zuzuführen, und wie die Sünderin durch die Lust nach der verbotenen Frucht wunderbarer Weise zu dem Baume der wahren Erkenntniß hingeleitet wurde. Wie gesagt, das scheint mir doch ein Bischen zu einseitig, als – Abbé gedacht und geurtheilt, denn mit dem Stammbaum ist es doch ein heikleres Ding als mit dem Baum der Erkenntniß. Der Stammbaum protestirt gegen diese Art der Annäherung – zu ihm gelangt man durch die Taufe allein noch nicht. Die Taufe kann Christinnen aber keine geborenen Gräfinnen machen. Das ist der Scandal – die Heirat. Nicht etwa, was vorangegangen – Du wirst mich doch nicht für so spießbürgerlich halten – die Desperation des betrogenen Mannes, eines ehrsamen Roturiers, der seine Frau bis zur treuherzigsten Lächerlichkeit vergöttert, und der ganze Spectakel, der in jenen Kreisen losging – es sind nicht unsere Kreise und folglich touchirt uns das nicht, und die guten Leute mögen spectakeln und sich scandalisiren, wie es ihnen gefällt – wenn nur wir dazu hätten lachen können! Aber dort, wo der Scandal für jene Kreise aufhörte, dort fing er für uns, für mich wenigstens an – bei dem Gang zum Traualtar. Mais c’est horrible – ich kann mich gar nicht fassen, und Alfred muß mir zur Fassung behilflich sein, denn Gixi ist zu frivol dazu – sogar im Dunkeln der Vorsehungswege denkt er nur, wie gut munkeln es sei.

Apropos, wirst Du den elektrischen Blumencorso mitmachen? Wenn nur das Elektrische nicht gar so helle wäre. Mir däucht’s schöner, durch die dunklen Alleen in lauer Sommernacht dahinfahren, wenn der Mondesstrahl nur mühsam durch das dichte Laubdach bricht. Alfred meint das gleichfalls. Du nicht auch? Deine so gerne schwärmende

(3. April 1892)

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Kleine Briefe einer naiven Gräfin.

Liebe Mathilde!

Die Zeitungen erzählen, daß eine Dame der Aristokratie den Anstoß zu der Verfügung gegeben habe, durch welche die weiteren Aufführungen des Schauspiels „Die Sclavin“ von Fulda im Burgtheater verhindert wurden. Da ich nun, wie Du weißt, an dem Abend in Theater war, und da Du ferner weißt, welchen horreur ich gegen öffentliche Ehescandale habe, so könntest Du leicht auf den Gedanken gerathen, ich hätte durch Gixi’s Connexionen in den maßgebenden Kreisen etwas dazu beigetragen, das scandalöse Stück von der Bühne zu entfernen. Weiterlesen

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