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Privatansichten der Jungfrau Emmerentia Warzhuber.

wc_warzhuber

O Du guter Gott, jetzt hat schon wieder dieser Fasching angefangen, der jedem züchtigen Jungfrauengemüth ein wahrer Greuel ist! Aber freilich, diese frivolen Mädchen von heute, denen ist so was gerade recht, die entblöden sich nicht, mit Röcken bis zu den Knien und tief ausgeschnittenen Kleidern in den Ballsälen herumzuspringen, wie die Bacchantinnen und den in Grund und Boden verdorbenen Männern ihre sündigen Reize zur Schau stellen! Mir schaudert die Haut, wenn ich mir vorstelle, daß mich ein Mannsbild in einem solchen Anzug sehen, geschweige denn, mich mir nichts, Dir nichts umarmen und im ganzen Saal vor aller Augen herumdrehen sollte – ich erröthe. Großer Gott, es würde es wohl keiner wagen, das weiß ich, denn das Unnahbare der Weiblichkeit habe ich mir, Gott sei Dank, immer bewahrt – ja wohl – hundert Partien hätte ich haben können, wenn ich diesen verdorbenen Männern, die mich umschwänzelten, auch nur die kleinste Gunstbezeugung gegönnt hätte; aber ich bin lieber in Ehren Jungfrau geblieben, als daß ich mich hätte zu so was hinreißen lassen. Freilich, das paßt ihnen nicht, diesen niederträchtigen Herren – sie wollen von uns nur – der Satz will mir gar nicht über meine keuschen Lippen! Aber mir soll Einer kommen!

Neulich erst ist mir so ein Don Juan nachgegangen, es war in einer ganz finsteren Gasse und noch dazu Nebel – ich ging absichtlich dort, nur um zu sehen, wie weit der Elende seine Frechheit treiben würde – er holte mich ein und hatte richtig die Tollkühnheit, mich anzusprechen! Da drehte ich mich um, der Schein einer Laterne fiel voll auf mein Antlitz, das in der Glorie der empörten Jungfräulichkeit strahlte – ha, wie er sofort die Flucht ergriff, ohne die Strafpredigt abzuwarten, die ich ihm zugedacht! Er muß förmlich sinnverwirrt gewesen sein, denn ich hörte ihn noch lange wie wahnsinnig lachen – o, diese Männer!

(16. Jänner 1887)

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Privatansichten der Jungfrau Emmerentia Warzhuber.

wc_warzhuber

O Gott, was sind das jetzt für sündhafte, schamlose, nichtsnutzige Moden! Ein sittsames Mädchen kann nicht mehr auf die Gasse geh’n, unmöglich! Ich bin neulich nur ein ganz kleines Stück am Ring gegangen, förmlich mit Fingern hat man auf mich gezeigt! Oh, es ist entsetzlich! Falsche Haar, das ganze Gesicht fingerhoch mit Mehl angestrichen, alle möglichen Körpertheile aus Gummi – mir steigt das Blut ins Gesicht, wenn ich daran denke! An Stellen, die kein Mensch näher bezeichnet, von deren Existenz eine ehrsame Jungfrau keine Ahnung haben soll, tragen diese frechen Weibsbilder ganze Stahlgerüste und Roßhaarpolster, damit es nur ja auffällt – ein Kürassier könnte sich bequem da hinaufsetzen! Gott sei Dank, ich habe in meinem Leben nie was von Gummi getragen, ich weiß nicht, wo man diese Schandsachen bekommt, möchte mich auch in den Erdboden schämen, so was zu verlangen – wenn eine anständige Jungfrau schon in einer Hinsicht Mangel hat, so thun es ein paar Servietten auch. Pfui, über diese entartete Welt und besonders über diese schändlichen Männer, die an solchen Dingen Gefallen finden und denen ein Gummiballon lieber ist als ein in Ehren welk gewordener Busen einer honetten Jungfrau!

(30. März 1884)

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