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Naive Lieder.

I.

Mama hat mir versprochen,
Daß sie zur Frühlingszeit
Endlich mir bescheeret
Ein schönes, langes Kleid.

Das kurze Röckchen ist mir
Auf’s Tiefste schon verhaßt,
Ich bin ihm längst entwachsen,
Bin heiratsfähig fast.

Das wollte Mama nicht einseh’n,
Bis ich geweint und geschmollt,
Und dem Papa gedroht hab’,
Daß ich in ein Kloster wollt’!

Papa erschrak gar heftig –
Der Gute möchte gern
Zum Großpapa avanciren –
Ach Gott, das liegt noch fern!

Mama ist and’rer Ansicht,
Ich weiß ganz gut, weshalb –
Und erwähnt Papa so etwas,
Gibt’s ’nen kritischen Tag von Falb.

Das ist mir schnuppe, mich freut nur
Das lange Kleid gar sehr!
Nun bin ich nicht mehr „die Kleine“,
„Ich bin ein Fräulein, mein Herr!“

II.

Mein Bruder hat einen maìtre
De la langue française,
J’aime, tu aimes, il aime –

Sehr reizend spricht er es.

Er hat einen schwarzen Schnurrbart
Und einen dunklen Teint,
J’aime, tu aimes, il aime,
Ich kann mich nicht satt an ihm seh’n.

Wie glücklich ist mein Bruder
Bei meiner Gouvernant’,
Das J’aime, tu aimes, il aime
Ich lang nicht so himmlisch fand.

(17. April 1892)

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