Archiv der Kategorie: Weltbühne

Weltbühne vom 20.1.1920

Nun scheint es aber wirklich zu Ende zu gehen. Keine Kohle und kein Essen – keine Rohstoffe für die Industrie, dafür aber bekommt die Regierung Renner einen Fleißzettel von der Entente. Die „Agence Havas“ hat nämlich erklären lassen, die Entente würde eine Änderung des österreichischen Regierungssystems sehr ungern sehen.

Man weiß nicht, was man da antworten soll, ohne den Respekt zu ver­letzen, den Bettler wie wir den Wohltätern schulden. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.10.1919

Dr. Bauer ist gegangen, aber leider viel zu spät.

Das Unheil, welches dieser düstere Fanatiker angerichtet hat, ist kaum mehr gut zu machen. Hunderttausende werden hungern und frieren, weil unsre Arbeiter wie große Kinder diesem Rattenfänger gefolgt sind. Das blitzdumme Schlagwort von der Sozialisierung hat es leider unsren Proletariern angetan.

Sie haben vor sich die sozialisierte Straßenbahn, die schlecht und sünd­teuer ist, sie haben den sozialisierten Tabak, der elende und teure Produkte liefert, ja sie haben den ganzen Staat vor sich, der alles elend und teuer macht und hoffen noch immer alles von der Sozialisierung.

Eine geistige Epidemie. So jagte man nicht im Mittelalter dem Stein der Weisen und dem Lebens­elixier nach. Wir lachen heute über das Mittelalter, aber auch wir haben unsre Wahn­vorstellungen, denen wir die größten Opfer bringen. An der Sozialisierung geht unsre Valuta zugrunde.

Und Dr. Otto Bauer trägt die Hauptschuld an dem Unglück.

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Überhaupt diese theoretischen Fanatiker!

Welches Unheil bringen sie über die Welt, wie verderblich ist die An­steckungs­­fähigkeit ihres Fanatismus. Überhaupt ist jede Theorie, ja jede Regelung von oben herab Gift für das wirtschaftliche Leben. Jede Sozialisierung bedeutet im Grund nur neue Äm­ter, neue Beamte. Daher auch die Zugkraft der Idee bei den Proletariern.

Wer möchte nicht gerne Rat werden statt zu arbeiten. Auf neue Räte läuft es hinaus, auf Fütterung unzähliger neuer Beamter, wo wir doch schon an den alten Ämtern zugrundegehen.

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Die Koalition ist in Österreich zustande gekommen; Rote und Schwarze werden zusammenwirken, entweder löscht das Wasser das Feuer aus, oder das Feuer verdampft das Wasser. Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.10.1919

Der die Stadt Wien gegenwärtig regierende ehemalige Drechslergehilfe Jakob Reumann soll, wie man durch auswärtige Blätter erfährt, vom eiser­nen Vorrat der städtischen Lebensmittel an Parteigenossen-Organisationen zu sehr mäßigen Preisen starke Mengen abgegeben haben. Das mag vom Drechslergehilfenstand­punkt aus ganz richtig gehandelt sein, aber im Ausland beantwortet man solche Dinge mit weiterer Ent­wertung der Krone.

Wir sind auch demokratisch gesinnt, und weisen den Drechslergehilfen nicht vorweg zurück. Abraham Lincoln war einmal Holzfäller, aber er wurde eben Abraham Lincoln. Jakob Reumann ist Jakob Reumann geblieben, der ehemalige Führer der streikenden Drechslergehilfen, voll verbissener Wut gegen jeden „Bur­schoa“, obzwar er selbst mit einem bourgeoismäßigen Bauch sein Auto­mobil ausfüllt.

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Otto Bauer tut noch immer in der Regierung mit. Nach allem, was er dem armseligen Staat angetan hat, konnte man das Gegenteil erwarten, aber es zeigt sich, daß der geschmeidige Renner den Bauer beim besten Willen nicht abbeuteln kann. Nun, Bauer wird fallen, wenn die ungarische Reaktionswelle hierher dringt und wird den kautschuk­artigen Renner auch mitreißen, aber bis dahin wird Otto Bauer den Staat um seine letzte Kraft bringen.

So spielt er jetzt mit dem nackten Staatsbankerott, bei welchem wohl sein Vater, der reiche böhmische Fabrikant, nicht mitbetroffen werden wird, wohl aber zahllose Witwen und Waisen.

Wahrlich, Österreich hat an diesem Otto Bauer eine gute Akquisition gemacht.

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Konnte man von Österreich etwas andres erwarten als diesen jähen Ver­fall? Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.10.1919

Otto Bauer, der Verderber unsrer Republik, der Freund Bela Kuns, will nun den letzten Pfeil verschießen. Er plaidiert für den Staatsbankerott. Schumpeter soll schon auf dem Weg ins Privatleben sich befinden, die Bahn für das Genie der öster­rei­chi­schen Sozialdemokratie ist frei.

Der Herr Dr. Otto Bauer, ein reicher Fabrikantensohn, und wie alle rei­chen Fabrikantensöhne Kommunist, notabene kommun ist, der im Auto­mo­bil herumfährt, ist für den Bankerott. Und da gibt es keinen Widerspruch mehr, denn die sogenannte offizielle Sozialdemokratie lebt in steter schlotternder Angst vor Otto Bauer und sei­nem Anhang.

Und was käme nach dem Bankerott? Der totale Zerfall der Republik und unbeschreibliches Elend. Ob der reiche Fabrikantensohn Otto Bauer mit den verelendeten Massen mithungern wird, steht noch dahin.

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In Wien „pogromelt“ es. Vorderhand ist die Bewegung noch gestoppt worden, aber wo Rauch ist, muß Flamme vorhanden sein, und diese kann bald hoch emporlodern. Die Juden sind ja im Ganzen ein kluges Volk und sollten die Zeichen der Zeit verstehen. Müssen grade Juden an der Spitze der extremen Bewe­gun­gen stehen?

Müssen reiche jüdische Fabrikantensöhne Kommunistenführer sein? Müssen es grade gewesene Talmud-Thora-Schüler sein, welche die radi­ka­len „Arbeiter-Zeitungen“ schreiben und die Kirchen und Dynastien ver­höh­nen? Ein bißchen mehr Reserve würde den Juden nur nützlich sein. Grade die Juden sind im Grunde das konservativste Element der Welt, was sie durch das Festhalten an uralten Gebräuchen bekunden.

Sie sollten daher auch in allen Ländern mit den konservativen Elemen­ten gehen, mindestens keine umstürzenden und auflösenden Bewegungen lei­ten. Nur dann können sie zu einer geachteten Stellung gelangen.

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Der Zionismus, diese starke und reine Bewegung, welche das Welt­ju­den­tum ergriffen hat, ist deshalb willkommen zu heißen, weil nur so eine würdige Stellung des Judentums erreicht werden kann. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.9.1919

In der Republik Österreich bereitet sich eine scharfe Wandlung vor. Dr. Renner, der Vielseitige, ist bereit, mit dem radikalen Flügel der Sozial­demokratie zu brechen und sich den Christlichsozialen stärker anzu­schmie­gen. Auch sein deutsches Gefühl will er aufs Eis legen und nach dem „Wes­ten“ blicken, das heißt, sich bei Frankreich Rat zu holen, was zu tun sei. Also ein ziemlich starker Umfall, aber in Öster­reich wohl nichts neues.

Und Renner ist Österreicher durch und durch! Ohne Knochen, ganz schwam­mig, bald schwellend, bald ausgepreßt. Gute österreichische Marke. Vorderhand wird er die sozialistische Löwenhaut ablegen, und das ist für uns das erfreuliche. Auch die Kirche wird jetzt Ruhe haben, dagegen wird es den Juden wie­der gut gehen. Notabene den armen und mittelständischen – die Reichen wissen sich immer zu helfen.

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Und was wird die liebliche „Arbeiter-Zeitung“ dazu sagen? Sie ist doch so radikal sozialistisch und so deutsch und so antikirchlich. Was wird sie zu Renners Häutung sagen? Wird sie oppositionell wer­den? Wird Reumann vom Bürgermeister­stuhl weg mitsamt den Redakteuren der „Arbeiter-Zeitung“, die Vizebürgermeister geworden sind?

Das kann lustig werden.

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Ist der Bibliotheksbeamte Renner, der ganz mit Bücherstaub bedeckt ist, der Retter dieses verkommenen Staatswesens? Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.9.1919

Österreich hat kein Glück. Was die Habsburger übrig gelassen, hat der sozialistische Außenminister Dr. Otto Bauer in wenigen Monaten zugrunde gerichtet. Die vollständige Isolierung unsrer armseligen Republik, der Zusammen­bruch unsres Kredits, das Chaos im Innern, alles kommt auf Rechnung des Dr. Otto Bauer, dieser Leuchte und gewesenen Hoffnung der Sozialisten. Was dieser Mann uns bei den Franzosen und Tschechen geschadet hat, läßt sich nicht ermessen.

Und Frankreich diktiert heute in der Diplomatie, und von den Tschechen brauchen wir Kohle, Mehl und Zucker. Dagegen hat Herr Dr. Bauer eine Freundschaft erworben: die von Bela Kun. Das sind die Errungenschaften des neuen, mit so großen Hoffnungen begrüßten Regimes.

Ja, Österreich hat kein Glück! Die Dynastie Adler hat ihm ebenso wenig Heil gebracht wie die ver­trie­bene der Habsburger.

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Daß doch die Menschen immer wieder hoffen. Ist es ihre gute Eigenschaft oder ihr Verderben? Was hat man nicht alles von der Gründung eines Freistaates erwartet. Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.8.1919

Was sagt ihr zum neuesten, aller­neuesten Film der Weltgeschichte – Sturz Bela Kuns? Nicht wahr, sensationell? Dramatischer kann man die Sache schon nicht gestalten. Und wer hat wieder recht gehabt? Die „Wiener Caricaturen“, die schon seit Monaten einen Generalkrach des Kommunismus vorausgesagt haben.

Jawohl, ein Generalkrach, denn die nächsten, die dran glauben müssen, heißen Lenin und Trotzki, die Erfinder des genialen Systems der Diktatur, wel­ches in wenigen Monaten das blühendste Land in eine Wüstenei ver­wandelt. Jawohl, der Fiebertraum geht zu Ende, und die Welt schreitet langsam der Ge­nesung entgegen.

Hoffentlich versteht man in Wien die Warnung und läßt es nicht auch hier zu einer Besetzung durch die Rumänen kommen.

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Jawohl, die Rumänen, die sind jetzt Herren in Mitteleuropa. Sie thronen in Budapest und nichts hindert sie, auch in Wien einzu­zie­hen. Dahin bringen es Diktatoren à la Kun, mit denen ja auch wir Wiener einst beglückt werden sollten.

Wie pomphaft wurde verkündet, Rumänien sei bolschewistisch unter­wühlt, die Weltrevolution sei nicht mehr aufzuhalten usw. Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.8.1919

Der Weltkrieg hat nach einer kurzen Unterbrechung neuerlich begonnen und hat jetzt die ungarische Tiefebene als Hauptschauplatz. Vorderhand laufen die Rumänen vor den roten ungarischen Truppen, und ihre Generale behaupten, daß sie die „Fühlung“ mit dem Feind ver­meiden. Müssen die aber rasch laufen.

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Jawohl, Bela Kun führt Krieg und demaskiert vor der ganzen Welt die Kraft­losigkeit der Entente. Drei Armeen stehen der Entente gegen Ungarn zur Verfügung, aber kei­ne geht los. Dieselbe Ermüdung, dieselbe soziale Zer­setzung, die bei uns im Herbst 1918 einge­treten ist, beginnt jetzt bei unsern gewesenen Feinden ein­zu­reißen, und ihre Soldaten stehen vor dem Generalstreik.

Das ist der Lichtpunkt für uns.

Hätten wir Bela Kun statt der zwerg­haften Vorstadtagitatoren, die heute alle wichtigen Ämter besetzen, wir könnten wohl besser abschneiden, und die Tschechen würden nicht mit den Stiefelabsätzen auf uns herumtreten. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.7.1919

Unser Dr. Renner hat soeben den Friedensvertrag in die Hände bekom­men und seine Antwort ist, daß er die Entente neuerlich um Brot anschnorrt. Eine würdige Lage, in welcher wir uns befinden. So endet das stolze Österreich des Prinzen Eugen. Und wie ist das gekommen? Wie konnte der Österreicher derartig herunterkommen?

Je nun – der Österreicher hat niemals große diplomatische und militäri­sche Tugenden besessen, und den Glanz haben immer auswärtige Faktoren besorgt. Wer war Prinz Eugen, wer war Laudon? Unsre zwei größten Heerführer waren Ausländer. Unser größter Staatsmann, Metternich, war ein Ausländer.

Unser Burgtheater wurde durch die Ausländer Laube, Hartmann, Gabil­lon, Meixner, Sonnenthal, Wolter, Thimig usw. hochgebracht. Selbst die Wiener Musik wird heute von Lehar, Kalman und Eysler gemacht und von – Karczag gemanaget. Wo ist der Urwiener hingeraten?

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Den Urwiener findet man noch in gewissen Gasthäusern, wo er einen guten Tropfen trinkt und über die „Böhm’ oder die Juden raisonniert. Der Urwiener verschwindet so wie die Rothaut in Amerika. Er ist im modernen Getriebe nicht lebensfähig. Seine Ahnen haben Jahrhunderte hindurch Backhendl gegessen und für feine Musik geschwärmt. Das haben sie ihm vererbt, und damit kommt man in der amerikani­sier­ten Welt nicht weiter. Backhendln dürfte es lange nicht geben.

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Ein ernstes Blatt wie das „Prager Tagblatt“ spricht im Leitartikel vom dro­henden Untergang Wiens – da muß es denn doch bis zum Himmel em­por stinken. Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.7.1919

Der „Neue Tag“ hat es an den Tag gebracht, daß die ungarische Räte­republik Wien unterminiert. Sogar die Kanäle in Wien sind vor den Emissären Bela Kuns nicht si­cher, und sie haben sich dort wie Ratten ins Palais unsrer Bank einschleichen wollen. Unser Dr. Otto Bauer hat davon gewußt, wollte aber die Kanäle nicht räumen lassen.

Er hat eine gewisse Schwäche für Bela Kun und nimmt die Sorgen Wiens auf die leichte Achsel. Kein Wunder, wenn unser Kredit im Ausland auf Null sinkt. Es stinkt zu stark aus den Kanälen der Bankgasse zum Himmel hinauf.

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Alle Achtung vor dem „Neuen Tag“. Früher hieß er „Fremdenblatt“ und leistete der jeweiligen Regierung und dem Hof Lakaiendienste. Heute ist es ein frisches, lesbares Blatt, ein gutes Gegengift gegen die heuchlerisch wimmernde „Neue Freie Presse“.

Und wer ist der leitende Mann? Dr. Karpeles, der einstige Sozialist. Man sieht: auch Sozialisten lassen sich manchmal bekehren. Und viele Sozialisten werden sich schließlich bekehren, wenn sie sehen, wohin der Kurs Otto Bauer – Fritz Adler führt.

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Wenn Deutschösterreich noch einige Monate so forttaumelt, sinkt es in den Abgrund. Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.6.1919

Russische Soldaten hatten einmal ein galizisches Dorf erobert, und bei einem jüdischen Schenkwirt quartierte sich ein russischer Offizier ein. Der Schenkwirt warnte seine hübsche Tochter vor dem Offizier, mußte aber nach einigen Tagen von ihr hören, sie hätte dem Offizier ihre Gunst er­wie­sen müssen.

„Warum hast du dich nicht gewehrt?“ schrie der Vater.
„Was hätte ich sagen sollen?“ ent­gegnete die Tochter – „ich kann doch kein Wort russisch.“

Diese Geschichte fällt uns ein, wenn wir an unsre Unterhändler denken, die so wenig französisch können. Wie sollen sie sich gegen Clemenceau wehren?

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Deutschösterreich wird jetzt als der Erbe der alten Monarchie betrachtet, und die Feinde häufen gewaltige Lasten auf seine Schultern. Das haben die Herren Renner und Seitz sehr schlau gemacht, als sie in den letzten Oktobertagen 1918 in gieriger Hast die deutschösterreichische Re­publik ausriefen. Nun müssen wir für die alte Firma zahlen. War diese gar so gut, daß wir uns um ihren Namen reißen mußten.

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Unsre Vertreter in Frankreich sind wenigstens gut bewirtet worden. Sie haben ordentlichen Kaffee, gutes Weißbrot und gutes Fleisch kennen ge­lernt. Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.6.1919

Der österreichische Schlemihl hat zwei Eventualitäten vor sich: An­schluß an Deutschland mit Teilnahme an der Knechtung und Ächtung des deut­schen Volkes oder Teilnahme an der Donaukonföderation mit Unter­werfung unter slawische Vorherrschaft. Mehr zu essen und leichter zu leben geht wohl bei der Donaukonföderation, und so wird sich wohl der Öster­reicher unter die Obhut der Tschechen und Polen begeben müssen.

Er wird sich vielleicht eher in diese Lage hineinfinden, wenn er bedenkt, daß er in einem großen Deutschland auch nur der „Nebbich“ wäre. In der Donaukonföderation kann er als verkrachter Kavalier von einst vielleicht mehr Ansehen genießen, und Wien wird von allen Nationen heiß umworben werden.

Allerdings werden auch die Sozialisten im Donaubund keine aus­schlag­gebende Bedeutung haben, da Tschechen und Polen den radikalen Sozialis­mus nicht dulden wollen. Austerlitz wird dann wenig zu sagen haben – das ist die Schattenseite des Donaubundes.

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Vorderhand geht der Untergang unsrer Wirtschaft flott vonstatten, dank der Vermögens- und Sozialisierungsexperimente. Mit Entsetzen haben wir in die Bücher einiger Unternehmer Einsicht ge­nom­men.

Doppelte Lohnsummen gegen das vorige Jahr, stark verringerte Ein­nahme. Es läßt sich mathematisch berechnen, wann der allgemeine Bankerott der Industrie eintritt. Es wird nur immer verlangt und verlangt: höhere Löhne, Neuaufnahme von Arbeiten, Verkürzung der Arbeitstätigkeit usw. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.5.1919

Tragikomödie „Budapest“ – vielleicht letzter Akt. Oder auch nicht? Ist es nicht spaßig, daß die Rumänen plötzlich nicht weiter können? Ist das am Ende eine Probe für die Unfähigkeit der ganzen Entente, mit den Waf­fen Europa zu bändigen? Geschieht an der Theiß eine Wendung, die sich am Ende am Rhein und an der Weichsel steigern könnte?

Wie wäre es, wenn Deutschland jetzt von Ungarn lernte und sich auf die Hinterfüße stellte. Sind am Ende die Ententetruppen be­reits infiziert? Geht man in Versailles darum so grimmig und drohend vor, weil man im Grunde Angst hat? Der Stillstand der Rumänen an der Theiß kann am Ende eine neue Epoche einleiten!

Bela Kun als Erneuerer Europas! Wer lacht da!

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Ein obskurer ungarischer Jude als Herr des Stephansreiches und Auf­wühler Europas. Überhaupt gehen wir jetzt einer Renaissance des Judentums entgegen, nachdem der größte Gegner des Judentums, der Hohenzollernstaat gestürzt wurde. Am Berliner Hof wirkte bekanntlich Prediger Stöcker, der Theo­re­ti­ker des Antisemitismus, und Preußen war der Staat, wo kein Jude ein besse­res Amt bekleiden durfte.

Die Hohenzollern sind niedergeschmettert, und ihr letzter Herrscher soll vor ein Weltstrafgericht kommen und Juden sind heute obenauf. Wie sich doch das Rad der Welt­geschichte dreht.

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Die Hohenzollern haben nicht nur die Juden, sondern den ganzen Bür­ger­­stand gehaßt. Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.5.1919

Der Sozialismus ist Herr der Stadt Wien. Vom Bürgertum haben sich bloß die christlichsozialen kleinen Wu­cher­er (Greißler, Selcher, Gemischtwarenhändler usw.) einigermaßen behauptet. – Das „fortschrittliche“ Bürgertum ist zermalmt. Als Novitäten haben wir Tschechen und Zionisten im Gemeinderat zu begrüßen. So sieht Wien nach fünfjähriger „großer Zeit“ aus.

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Ein Drechslergehilfe wird voraussichtlich Bürgermeister der alten Kai­ser­stadt werden. Allerdings der tüchtige Jakob Reumann, der außerordentliche Ver­diens­te um das Krankenkassenwesen aufzu­weisen hat.

Schreiber dieser Zeilen hat vor etwa dreißig Jahren mit dem Drechs­ler­gehilfen Jakob Reumann in Krankenkassenangelegenheiten verhandelt und schon damals sein Verwaltungstalent schätzen gelernt.

Wir haben nichts dagegen, daß ein Gehilfe Bürgermeister wird und Patro­natsherr von Sankt Stefan. Abraham Lincoln begann als Holzfäller und wurde Präsident der Union. Platz dem Tüchtigen – ganz richtig! aber wird die siegreiche Sozial­de­mo­kratie auch dem tüchtigen Unternehmer seinen Platz lassen?

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Sehen wir uns die sozialistischen Gemeinderäte an. Da springt uns ein Name in die Augen: Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.5.1919

Wenn man begreifen will, was aus Österreich geworden ist, muß man bis zum dreißigjährigen Krieg zurückgreifen. Bekanntlich haben die leitenden Kreise Österreichs sich ganz in den Dienst der Jesuiten gestellt, und die Jesuitentaktik war: möglichst viele Trot­tel züchten. In Österreich wurde das Trotteltum systematisch gefördert, wobei noch klimatische Bedingungen mithalfen, die bekanntlich in den Alpenländern den Kretinismus (plus Kropfanlage) außerordentlich fördern.

Nachdem in Österreich die Trotteln hochgezüchtet waren, mußte na­tür­lich die Gesetzgebung darnach geformt werden. Der Sinn aller Gesetze war: der Trottel muß geschützt werden. Demgemäß sollte Handel und Gewerbe möglichst geknebelt werden. Ver­dienen war an sich ein Verbrechen usw.

In Amerika hingegen ist alles darauf berechnet, den Klugen zu fördern, wobei dann alle mitleben. Man sehe sich nun heute Amerika und Österreich an. In Amerika hat der Arbeiter eine Mehrzimmerwohnung mit Bade­ge­le­gen­heit, in Österreich ist selbst der Hofrat ein Hungerleider.

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Man komme mir nicht mit den natürlichen Hilfsmitteln Amerikas, die alles erklären sollen. In den Tropen herrscht üppigster Überschuß an Natur­schätzen, und die Bewohner sind elende, unbrauchbare Menschen. In England wächst am wenigsten und speist am reichlichsten. Dort kommt die Weinrebe nicht fort, aber dort trinkt man die besten Weine. Der Mensch, der Mensch – auf den kommt es an!

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In Wien hat es wieder Unruhen gegeben, und der praktische Kommu­nis­mus hat dazu geführt, daß ein Kaffeehaus demoliert wurde und verschiede­ne Gäste um Brieftasche und Uhr kamen. Tags vorher war in der National­ver­sammlung beantragt worden, den rei­chen Leuten ihre Schlösser ohne Entschädigung wegzunehmen. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.4.1919

Jetzt sind wir drin, aber ordentlich. Die Krone nahezu wertlos, die In­dus­trie durch allerlei Drohungen von oben und unten her geängstigt, der Han­del durch Bank- und Grenzsperren gelähmt, die allgemeine Kon­fusion auf dem Höhepunkt. Und alle offiziellen Persönlichkeiten quatschen unterdessen von der „Pro­duktion“. Dieses Wort „Produktion“ wird einem schon zum Ekel. In einer Zeit allgemeiner Verlotterung und Verwirrung spricht man nur von der „Produktion“.

All das Geschmeiß, das in Zeiten des Umsturzes emporkommt, regelt die „Pro­duktion“ – meist durch Verordnungen, die in den wirtschaftlichen Or­ganismus hineinfahren wie die Faust eines Bauernlümmels in das Werk einer „Glashüttenuhr“. Jeder Dreckfink, der ein paar radikale Broschüren ge­schrieben hat, kann heute Herr der „Produktion“ werden. Welch ein Ende haben wir genommen!

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Aber der Anschluß, der Anschluß? Ja, der soll uns retten, der Anschluß an das völlig zerrissene Deutsch­land! Wir sollen zu Deutschland gehören? Ja, weiß man, ob Bayern, an welches wir grenzen, zu Deutschland ge­hö­ren wird? Was wird den Münchner Biersumpern noch einfallen? Hat Bayern überhaupt jemals etwas andres getan, als am Ruin des Rei­ches zu arbeiten? Schon seit Heinrich dem Löwen.

Hat nicht Bayern an der Seite Napoleons und dann an der Seite Franz Josefs gegen das Deutsche Reich gekämpft? Und Wien sollte reichsdeutscher sein als München? Wien, eine Stadt mit Hunderttausenden von Tschechen, Juden und Ma­gya­ren? Aber der Austerlitz fühlt so fürchter­lich deutsch und will den Anschluß, fehlt nur noch der Wokurka als Fanatiker des Anschlusses.

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Wir können keine drei Tage leben ohne Zufuhren aus Tschechien. Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.4.1919

Wir sind Bettler geworden, die von der Gnade der Feinde leben. Wenn die Entente einige Tage keine Lebensmittelzüge gehen läßt, sind wir verloren. Unsre Regierung kann wohl Verfassungen machen (alle drei Monate eine neue), aber Nahrung kann sie nicht herzaubern. Sie kann eine Gast­haus­sperre bewirken, den Bürgern ihre Vorräte „revidieren“, aber etwa auf dem flachen Lande nach Milch sehen – nein, das erlaubt schon die Politik nicht.

Denn, wie Dr. Renner erklärt hat, gilt jetzt das Bündnis von Arbeitern und Bauern. Dem Bauer darf also nichts geschehen – der Bürger zählt nicht mehr. Wollen sehen, wie weit es ein solcher Freistaat bringt.

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In den Ententeländern, die durch Sieg und Wohlstand gekrönt sind, herrscht das Bürgertum. Dort gibt es auch Arbeiter, zumindest so intelligent und tüchtig wie in den Mittelstaaten, aber sie anerkennen die Führung des Bürgertums.

Lloyd George, der typische Repräsentant des freien intelligenten Bürger­tums, geht in Arbeiterversammlungen und findet dort Gehör. Ebenso Cle­men­ceau und Wilson. In den Mittelstaaten hat es nie ein freies Bürgertum gegeben. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.3.1919

Daß doch die „Wiener Caricaturen“ immer recht behalten! Wir waren die ersten, welche die Koalition zwischen Schwarzen und Roten vorausgesagt haben, da wir ja wußten, daß Deutsch-Österreich der­selbe Wurstkessel werden würde wie die alte Monarchie. Im alten Reich hat man gewurstelt und gefrettet – im neuen wird man das­selbe tun.

Uns klingt immer das Wort des italienischen Offiziers im Ohr: „Eure Antisemiten und eure Sozialisten haben dieselben Gollaschgesichter.“ Dabei faselt man von einer ge­waltigen Volkserhebung, von einer Er­neue­rung, vom Aufschwung der Demokratie usw. Aber der Mayer und der Bauer sitzen in einer Regierung, und die Beam­ten, die alles ausführen, sind die aus der alten Monarchie. Welch eine große Zeit!

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Unbeschreiblich ist die Verachtung, welche die Feinde uns gegenüber hegen. Wir haben oft Gelegenheit, den Gesprächen feindlicher Offiziere zu lau­schen und sind entsetzt, wie viel sie von den geheimsten Details unsrer Misere wissen. Wie sie über unsre Volkswehr reden, wage ich nicht niederzuschreiben.

Eines haben wir den Reden der Feinde entnommen: Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.3.1919

Mit unserem historischen Pech kommen wir nun endlich zum Anschluß an Deutschland. Als das deutsche Reich gegründet wurde und märchenhaft aufblühte, mußten wir draußen bleiben – heute, wo auch die kleinsten Völker auf dem Reichs­körper herumtreten, wo die Entente augenscheinlich an der Ver­nichtung des deutschen Volkes arbeitet, heute sollen wir uns anschließen.

Da die Österreicher augenscheinlich mit den letzten Wahlen den An­schluß­leuten recht gegeben haben, müssen wir uns in frommer Demut dem Schicksal unterwerfen. Ja, der Österreicher, der hat eine Hand – alle Achtung! Wo die hingreift, da – – doch schweigen wir darüber!

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Eines muß man dem Österreicher lassen – er trägt sein Unglück mit Wür­de. Er hat jahrelang den Herrn von Hötzendorf für einen großen Strategen gehalten, trotzdem dieser Herr inmitten der schwersten Kriegskrise vor al­lem seinen Heiratsplan betrieben hat. Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.3.1919

Die Demokratie ist angeblich bei uns fest begründet, doch mehren sich un­heimlich die Anzeichen dafür, daß ein Verrat an den demokratischen Prinzi­pien droht. Die „Wiener Caricaturen“ sind bekanntlich gar oft gut informiert ge­we­sen und blicken auch jetzt gelegentlich hinter die Kulissen.

Da hören wir denn, daß im Grunde tiefer Friede zwischen Schwarzen und Roten herrscht. Beide werden einander nichts tun wollen und sich ge­mütlich in die öffent­lichen Stellungen teilen. Wozu kämpfen, wozu die Welt erschüttern? Weiterlesen

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