Archiv der Kategorie: Weltspiegel

Weltspiegel vom 1.6.1925

Wien war, ist und bleibt die erste Theaterstadt des Erdballs. Ich möchte sogar behaupten: Ein jeder richtig gehender Wiener hat von Geburt aus Theaterblut in den Adern, und wer im mindesten daran zweifelte, der hievon wurde erneuert aufs Kräftigste überzeugt, alldieweil es im wunderschönen Monat Mai in unserer Staatsoper derart spuck-nicht spukte, daß die Folgeerscheinungen der Katastrophe von den hohen Brettern bis in das freundlichste Familienleben zersetzend eindrangen. Kein Spaß! „Die Jeritza.“ – „Die Orsowska“, ertönt der Feldruf noch heute in manch friedlichem Heim. Die besten Freunde gerieten in Zwiespalt und so manche Partie ging rettungslos auseinander, weil er es der unerreichbaren Jeritza zum Vorwurf machte, daß sie – gleich dem Mädchen aus der Fremde – uns nur im Frühjahr die kostbaren Gaben darbot, die uns die energische Gegnerin berufs- und wienfreundlich in Permanenz gewährt. Weiterlesen

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Weltspiegel vom 1.5.1925

Also, die Republik Österreich ist und bleibt das enfant gatée des Völkerbundes, respektive der Kulturwelt, die durch diesen Bund m. b. H. vertreten wird, und wer es nicht glaubt, der lese nur die englischen und amerikanischen Blätter. Dies umsomehr, als er es nur solcherweise von London und New-York erfährt, was für Spartaner wir Wiener eigentlich sind und frohen Mutes wir unsern von unsern internationalen Helfern gezüchteten Dalles und dessen Konsequenzen zu ertragen dressiert wurden. Weiterlesen

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Weltspiegel vom 1.4.1925

Gibt es etwas Undankbareres als diese Entente? Vom frühen Morgen an, beziehungsweise 11 Uhr vormittags bis – oft genug – in die Mitternacht senden wir ihnen „Hallo, Hallo! Hier Radio Wien“ eine schier unendliche Perlenkette, das Beste, was deutsches Wort und Sang seit Jahrhunderten schuf, auf „Welle 530“ eifrigst, unermüdlich zu – nach London wie nach Paris, nach Rom und Kopenhagen… Das Echo aber?… Wir fühlen die Wassersuppe, die sie uns als Revanche in Genf auskochen, in allen Gliedern, vor allem aber in dem eine bessere Kost erhoffenden Magen. Verzeihung für diese problematische Blumensprache; aber, wird man immer wieder aufgefordert, sich den kurzen Leibriemen noch enger zu schnallen, dann geh’n auch dem wohlgemutesten Dichter die Frühlingslieder aus. Aus dem Weltspiegel, in den er forschend hineinblickt, sieht ihm ja nur immer wieder ein unterernährtes Antlitz entgegen, das es anscheinend noch immer nicht begreift, daß die nun das dritte Jahr währen de Hungerkur eine „Sanierung“ des armen Kleinösterreichs bedeuten soll. Eine verrückte Welt, in der die Menschlein rein darauf erpicht erscheinen, sich das ohnedies so kurze Dasein so schwer als möglich zu machen. Der einzig schöne Moment unseres heiligen Jahres erschloß sich dem begeisterten Blick, Ohr und Herzen bei dem „Gschnasfest“ im Wiener Künstlerhaus. Wahrhaft, nur phantasiereiche Künstler von Gottes Gnaden vermögen es, die irdische Wirklichkeit mit so goldenem Humor zu färben, daß an vor eitel Licht und Glanz, Lebenslust und –freude die dunkle Wirklichkeit in alle Regenbogenfarben getaucht sieht und empfindet. Leider nur eine Nacht in den zurückgelegten und noch bevorstehenden und noch problematische Tagen im Jahre des Heils 1925. Weiterlesen

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Weltspiegel vom 1.3.1925

Unser liebes Ländchen war bekanntermaßen schon als glorreiche Monarchie das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Als – leider nur zu oft – total mißverstandene Republik haben sich in dieser die Zustände alles eher als verändert; vielmehr könnten wir berechtigtermaßen bei uns ein altes Sprichwort bezeichnendst variieren: „Kommt Zeit, kommt Unrat“. Das Ausgefallenste, zur unrichtigsten Zeit zu produzieren, scheint offenbar unser unerschütterliches Prinzip. Endlich und glücklich soweit durch und durchsaniert, daß wir effektiv nicht mehr vom Fleck können, also mehr als je auf das Wohlwollen unserer Gläubiger und Pumpiers  angewiesen, halten es einige, leider prominente Persönlichkeiten für angezeigt, sich – just in diesem kritischen Moment – an die bestgehßten Gegner unserer einzigen Retter vor dem Totalkrach … anzubiedern. Natürlich, ob des famosen Berliner Besuches unserer Patentteutonen – bereits da das Echo von der Seine und Themse – ausklingend in dem nur zu motivierten Refrain: „Erst zahlen, dann schreien.“ Oder glauben etwa die beiden hohen – endlich und schließlich denn doch – in „Anschluß“ Reisenden der nicht so hochgeschätzten und leistungsfähigen reichsdeutschen Firma so besonders willkommen zu sein – gerade jetzt als Filiale?… Wir glauben es nicht… Unsere werten einstigen Waffenbrüder haben – ebenso wie wir –  augenblicklich ganz andere Sorgen. Aber, in dieser Hinsicht sind wir groß… Weiterlesen

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Kritik der Kritik

Ein Wort für unsere Mimen.

Auf die Gefahr hin, für einen Marsbewohner gehalten zu werden, tritt der Gefertigte gegen die ebenso allmächtige als allweise Theaterkritik in die Schranken. Zur eigenen Legitimation in Bezug auf das tollkühne Unternehmen betont der Schreiber nicht etwa, daß er bereits vor einem halben Jahrhundert „die Verhaltungsmaßregeln Goethes und Lessings, Dingelstedts und Devrients für den Mimen mit allenfalls problematischen Verständnis intes hatte…“ viel mehr erwähnt er, daß er schon zu jener Zeit ein ständiger Besucher des unsterblichen Kunsttempels am Michaelerplatz war, wo er – entsprechend seinen Mitteln – vom höchsten Standpunkte, der dritten Galerie, das Beste mehr hörte als sah, was deutsche Schauspielkunst zu bieten vermochte und vermag. Es war dies noch vor jener Periode, wo Mitterwurzer und Kainz von des Burgtheaters Familie und dem Rezensenten der alten Presse als Outsiders empfunden und besprochen wurden… Also, dem ergebenst Gefertigten, im bescheidenen Wirkungskreis rezensiert auch er noch heute, kann man höchstens das Verständnis, keinesfalls aber eine Erfahrung im Theaterwesen absprechen. Weiterlesen

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