Archiv der Kategorie: Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.2.1925

1925, das heilige Jahr, hielt seinen Einzug, und Christ wie Jud’ erfuhr aus den Tagesblättern, daß speziell aus unserem „Landel“ manch’ Wallfahrt nach Rom geplant ist, und die Ravag brachte bereits in den beiden letzten Wochen des Vorjahres fünf Abende und Nachmittage einen Vorgeschmack mit Kirchen-Kloster- und Kindergesängen, die für den Gläubigen gewiß anmutig anzuhören waren und an denen nur das eine auszusetzen war, daß die, nebst einigen Chören und Vereinen der äußeren Bezirke, angekündigte Staatsopernsängerin verhindert war, mitzusingen. Es liegt uns, als harm- und parteilosen Witzblatt, jederzeit fern, und ist ja nicht allein unstatthaft, sondern abgeschmackt, konfessionelle Probleme zu erörtern – hiefür haben wir ja unser Rathaus und Parlament… aber – nur eine unwillkürliche Ideenassoziation: Wie wäre es, wenn sich etwas die mosaischen Abonnenten, und diese bilden ja nahezu die Hälfte, der Ravag an diese mit dem Antrag wenden würden, von Zeit zu Zeit auch Tempelgesänge als Abendprogramm dem Repertoire einzuverleiben? Besitzt doch bekanntermaßen just Wien die geradezu besten Tempelsänger und –chöre auf Erden. Also, der ergebenst Gefertigte – auch er verbringt seine Abenden unter einem Netz von Drähten, die ihn mit kaum geahnten akustischen Genüssen verbinden – also ich selbst sehne mich ebenso wenig nach chronischem Kirchen- als Tempelgesang, ich meine vielmehr, daß die in jedem Sinne hohe Leistung des Wiener Radio endlich wissen müßte, für welche Darbietungen überhaupt Versender und Hörer – zumindest bis heute – mehr oder weniger geeignet scheinen. Also für Kammermusik weniger, desgleichen für gemischte Chöre, weniger für Sopranstimmen, am besten für das gesprochene Wort, Männerstimme in allen Tonlagen, Solovortrag von Streichinstrumenten, grundsätzlich aber nur für melodiöse, ins Ohr gehende Musik, am allerwenigsten aber für Klaviervorträge. Nun, wie Gott will! Und, durch Schaden wird man klug. Herr Silving ist nicht nur ein famoser Musiker, sondern auch ein ganz guter Geschäftsmann. Er wird schon machen. Mehr Besorgnis flößt uns in letzterer Richtung Herr Breitner ein. Daß er sich just diese Gelegenheit entgehen ließe, um auch seinen permanent wachsenden Radio-Schab zu machen, erscheint uns steuererfahrungsgemäß „sehr diskutabel“. „Vederemo!“ sagte der blinde Italiener. Weiterlesen

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.1.1925

Jede deutsche Großstadt – und in künstlerischer Hinsicht ist und bleibt Wien doch immer wieder das Capua der Geister – hat neben ihrem Museum und dergl. auch ihre Künstlerstüberl, und just dort trifft man unerwartet auf Schätze, die für den Liebhaber dasselbe bedeuten wie für den Forscher eine Tutankamensche Graberschließung. Jeder Wiener kennt das alte, gemütliche Café Stadtpark, den wenigsten dürfte es bekannt sein, daß ein Nebenstüberl dieses beliebten Grand-Cafés eine Musterkollektion heiterster Originalgemälde der Künstlerzunft „Die Hand“ birgt, die für den Kenner eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges bedeuten. Bekanntlich vereint „Die Hand“ „just ein Dutzend“ namhaftester Wiener Maler und Bildhauer in ihrem Bunde, die sich hier auch als Meister der Karikatur glänzend bewähren und uns in heit’rer Betrachtung über ein Stündchen unseres jetzt meist trüberen Daseins hinweghelfen… Und nebstdem – „gratis“ – in unseren gegenwärtig ach so teuren Tagen. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.12.1924

Es war einmal – erzählt die Mär – ein Capua der Geister, eine Stadt der Lieder am schönen blauen Donaustrand. Das war einmal, und daran erinnern sich jene Wiener, die zumindest ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben, die noch heute mit stiller Wehmut und auch Dankbarkeit für das gütige Geschick, das sie noch die Blüte der Hofbühnen und des Wiener Männergesangvereins miterleben und –genießen ließ. Die Zeiten haben sich geändert, Das Burgtheater – traurig aber wahr – steht heute überhaupt nicht mehr an erster Stelle der Wiener, geschweige denn deutschen Sprechbühnen; die Staatsoper jedoch ist – verzeihen Sie das harte Wort – zum Starhäuschen geworden, dessen seltensten Vögel ihre kostbaren Töne nur ausnahmsweise am Opernring, zumeist aber jenseits des großen Wassers in den valutastarken „Vereinigten“ ertönen lassen. Wien, die musikalische Hochburg, steht vor der permanent akuten Gefahr, sein zweites – das Opern-Volksheim zu verlieren… Hier aber wieder ist es die Schlange der Lustbarkeitssteuer, die sich erstickend um die Lebensfähigkeit all dessen windet, was eben Wien vorher zum geistigen und künstlerischen Mittelpunkt der gesamten Kulturwelt machte. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.11.1924

„Schuster, bleib bei deinem Leisten“ oder „Man soll nicht extemporieren“. Der ergebenst Gefertigte schrieb – und dies unter seinem effektiven Namen – an Spitze dieses Blattes in der letzten Nummer an Stelle der eingebürgerten „Wiener Spaziergänge“ einen – wie nennt man es doch? – Kunstartikel. Er wird es nie wieder tun. Die schlichtesten anzüglichsten Witze verzeiht man einem Professional-Humoristen, aber – wehe ihm! – greift er einmal, statt mit satyrisch gespitzter Feder, mit derberer Faust in ein unantastbares Wespennest“… Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.9.1924.

Nachdem wir in Wien den effektiven Krieg langsam aber sicher  – Gott sei Dank –  vergessen hatten, wurden wir von Allen, die bei der Auffrischung dieser tragischen Reminiszenzen etwas zu erreichen oder zu verdienen hoffen, demonstrativ daran erinnert, daß Wien just vor zehn Jahren das höchste Jubelfest beging, als die Züchtigung der Serben, der Mörder unseres Thronfolgers, „endlich“ praktiziert werden sollte. Urwüchsig, wie der Wiener schon ist, hörte man von dem Moment des Attentats an nur immer wieder eine Prophezeiung: „Wir werden uns halte wieder auf den Kopf sch… reiben lassen. Wir schimpfen, aber wir tun nichts.“ So war das allgemeine Urteil, ohne Unterschied der Parteien – obs im Offizierskorps war, ob im Kaffeehaus oder Gasthaus, ob beim Fleischhacker oder Greisler – am meisten schimpfte unser Schuster. Doch ich will ihn nicht kompromittieren, denn heute ist er Betriebsrat… Schwamm drüber! Also heute sind wir abermals auf dem Standpunkt „Nie wieder Krieg!“ Ganz unsere Meinung! Aber gibt’s überhaupt einen halbwegs logisch denkenden Menschen, der es für denkbar hält, daß ohne den Thronfolgermord und der ersten Kriegserklärung just Österreichs der Weltbrand vermieden worden wäre? So etwas wird gewiß nicht einmal die Berta Suttner oder Herr Austerlitz behaupte… Diese Explosion hätte kein Kaiser oder König, kein Papst oder Präsident aufgehalten. Vielleicht verzögert… Und von diesem Standpunkt aus erscheint die Sarajevoer tötliche Operation in ganz anderem Lichte. Man bedenke – der Ausgang der Katastrophe war durch das Kräfteverhältnis der Gegner von Haus aus gegeben – der unhaltbare Zustand wäre auch weiterhin balanziert worden. – Einmal mußte es ja doch zum Krach kommen. Ohne der erfolgreichen Wirksamkeit Principes und seiner Hintermänner, vielleicht noch ein halbes Jahrzehnt später – und die Folgen? Wir säßen noch heute drin in den Schützengräben oder im Dörrgemüse. Jeder Nicht-Steinhofer aber – ob rot oder schwarz, ob schwarz-gelb oder schwarz-weiß-rot – der sich nochmals einen solchen Rummel wünscht, ist kein Mensch, sondern, wie wiederum der Urwiener sagt, „ein Viech“! Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.8.1924.

So schwer es just dem Wiener Spaziergänger fällt, seinen diesmaligen Rekognoszierungsbericht mit der Konstatierung einer ausgesprochen betrübenden Tatsache zu eröffnen – er kann nicht anders – So wahr ihm Gott helfe… Also kurz und gut – im Prater stinkts – stinkts derart, daß man sich in der herrlichsten Allee der Erde auf die Hügel des Laaer-Berges versetzt fühlt, von welchem bekanntermaßen an hundert Schlote ihre Teer-, Petroleum- und sonstigen Dämpfe zum Arsenal herabwälzen. Ganz ungleich, jedoch – weil hier absolut unerwartet – um so empfindlicherer Weise tritt einem bereits am Praterstern penetranter „Gstanken“ entgegen, der sich beim Betreten der Hauptallee aufs schier Unerträglichste steigert. Alles unter der Devise: „Abwehr des Staubes“. Unter diesem Feldruf wurden und sind die Praterhauptallee und alle in sie einmündenden Fahrstraßen mit einer stets wieder erneuerten Erdölschichte bedeckt, die einem direkt in diesem einstigen Wiener Paradiese den Atem behemmt. Aber nicht nur in der Hauptallee allein – auf Kilometer Umgebung stinkt sich dieses mißlungenste Experiment kommunaler Fürsorge aus. Wie und wohin, hängt nur von der Richtung des Windes ab. – Weht er von Osten, triffts die Praterstraße – von Westen das Donaugelände bis an den Spitz – von Norden die Praterwiesen bis an den Kanal – und herrscht eine Luftströmung von Süden, so taucht sie den Wurstelprater bis zur Ausstellungsstraße in einen tiefen Petroleumodeur, gegen den die früheren milden Akazien- und Lindendüfte vergeblich ankämpften. Also – Gnade ihr Herren da droben, schleunigst weg mit dem übelriechenden neuen und Rückkehr zum alten Bewässerungssystem, bevor den Wienern der beliebteste Sonn- und Feiertags-Ausflug und Aufenthaltsort verleidet und unmöglich gemacht wird. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.7.1924.

Ein ereignisreicher Monat, der verflossene, sowohl für Wien, sowie für unser geliebtes Vaterland, und wahrlich schwer wird es für den unbefangenen und parteilosen Wiener Spaziergänger, die einschneidenden Ereignisse auch in einem Witzblatte mundgerecht zu registrieren. Sieht und liest doch jeder Leser just derart Sensationen durch seine eigene Brille. Als ich einen bekannten politischen Journalisten bezüglich der Konsequenzen des Kanzler-Attentates interpellierte, erwiderte er: „Bisher 128 Zeitungsspalten, ich hoffe aber noch auf das Doppelte.“ Auch daß unter den Kondolenten des Schwerverletzten die Herren Dr. Deutsch und General Körner als Erste miteintrafen, ist ebenso wenig zu verwundern als das tiefe Beileid der israelitischen orthodoxen Kultusgemeinde zu dem betrübenden Ereignis. Wollen doch Berichterstatter, die das Gras wachsen hören, von allenfalls stillen Wünschen diverser Erbanwärter aus der ansonst nächsten Umgebung des Kanzlers etwas vernommen haben. Zweifellos Ausgeburten der Phantasie solcher Erdachsenschmierer. Derart Hoffnungen und Wünsche treten gewiß nicht über die Lippen eines etwa auf eine Erbschaft Rechnenden. Wir möchten auch – zumindest im gegenwärtigen Moment – niemand um eine solche beneiden. Zu viele eingebrockt unverdauliche Suppen sind just jetzt noch auszulöffeln. Neue Preissteigerungen sprießen empor aus einer, vielleicht zu rasch gesäten Saat, ausschließlich in dem Wunsche, nur das Genfer Juniexamen genügend abzulegen. Das neue sogenannte endgültige Besoldungsgesetzt für die Rangsklassen von General und Hofrat aufwärts – alles Niedere erhält ein wenig oder gar nichts mehr, den Niedersten und Pensionisten wird ihr bisheriges Einkommen noch gekürzt. Also, dieses humane Programm – vielleicht dem Völkerbund ganz wohlgefällig – dürfte den Wiener hiefür Verantwortlichen noch manch harte Nuß zu knacken geben. Nur ein Schulbeispiel… für alle, des Steuermanns unseres Staatsschiffes gerade gegenwärtig noch harrenden Stürme und Klippen… Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.6.1924.

Niemand ist so stolz darauf, in seiner Vater- und Heimatstadt Wien die Namen erlauchtester Geister in jeder Richtung wie auf allen Gebieten verzeichnen zu können, wie der ergebenst gefertigte Wiener Spaziergänger. Zu diesen geistigen Kapazitäten zählt zweifellos in erster Reihe der gegenwärtige städtische Finanzminister Breitner. Warum just diesem ein jeder Spaziergänger seine – nennen wir es – Bewunderung, nicht versagen kann? Weil gerade dieses Finanzgenie der erfolgreichste Förderer unserer Fußgeher geworden, denn mit der Wiener – lies! Breitners – Straßenbahn fährt unbedingt heute nur, der es absolut tun muß. Leider Gottes sind alltäglich Hunderttausende Wiener ausschließlich auf dieses Transportmittel angewiesen, und der städtische Mathematiker versteht es wie kein zweiter, dieses ernste Faktum auszupressen für sein kommunales Budget… bis zur Bewußtlosigkeit. Im vollen Sinne des Wortes. Die Anzahl der kreierten Züge ist relativ derart gering, daß unsere Straßenbahnzüge weniger für den Personenverkehr bestimmten Waggons mit einer festgelegten Anzahl von Sitz- und Stehplätzen gleichen als Käfigen für lebendes Material, das – sei es wie immer – neben-, zwischen-, auf- und untereinander im Innenraum, auf den Plattformen – an Sonn- und Feiertagen auch auf den Puffer – eingeschlichtet, hängend und angeklammert erscheint. Preis einer solchen Vergnügungsreise nur 1700 Kronen. Nun, wie Gott will! Eines Ruhmes ist der hohe Arrangeur und Rechenkünstler sicher: Schon um dieses Verdienstes für seine Mitbürger zählt er heute zu den populärsten Wienern. Sein Namen – auch ansonsten nicht selten genannt – schwebt geradezu jedem Straßenbahnbenützersmunde, und wenn ihm und Direktor Spängler, seinem ausübenden Organ, so oft die Ohren läuten würden, als ihrer in allen Tagesstunden gedacht und auf der Tramway erwähnt wird… ihre Trommelfelle wären hin, oder beide leidtragende Funktionäre längst in dem Luftkurort der Endstation des 47er Wagens. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.5.1924.

„Im wunderschönen Mont Mai – da alle Knospen sprangen – da ist die Lohnkämpferei – von neuem losgegangen.“ Man muß es unsern Wienern – mehr oder weniger berechtigt – aber immer Unzufriedenen lassen: Was anderenorts zeitweise eintretende sensationelle Episoden bedeuten, ist „bei uns Wienern“ bereits in ein gewissen „System“ gebracht worden. Unsere voraussichtlichen und tatsächlichen Streiks treten auch nicht gleichzeitig auf – alles in einer gewissen Reihenfolge, die geradezu als vorbildlich für ein „überhaupt nicht mehr zur Ruhe-kommenlassen“ bezeichnet werden muß. Hören die Bankbeamten auf, beginnen die städtischen Angestellten mit ihren erhöhten Lohnforderungen, die dann wiederum von den Bundesangestellten abgelöst werden. Post, Telegraph und Eisenbahn arbeiten zielbewußt mit, während die Lohnbewegungen in sämtlichen Industriezweigen in gleich permanenter Abwechslung, quasi den Unterton bilden für das stete Gefühl der Unsicherheit, das ein Charakteristikon unserer nun eineinhalbjährigen Sanierungsperiode bildet. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 15.4.1924.

Ein böser, bittrer Winter war es, den wir hinter uns haben – ganz abgesehen von dem schier unerschwinglichen Heizmateriale und dem Aufsitzer mit dem großen Meister Poiret, der französische Kostüme, Seidenhemden und Parfüms versprach und Basthüte von der Gallerie des Konzerthauses herabwerfen ließ, um welche sich seine begeisterten Verehrerinnen wie die Kinder rauften. Auch der Prozeß Kadivetz hielt nicht, was er versprochen, sintemalen ja alle interessanten Details hinter Schloß und Riegel verhandelt wurden. Ebensowenig befriedigte der dreiwöchige Bankbeamtenstreik die guten Wiener. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.4.1924.

Wien ist, war und bleibt die erste Operettenstadt des Erdballs, worauf wir auch nicht wenig stolz sind, insoferne es sich um die „Musik“ handelt: problematischer scheint dieser Weltruf bezüglich der Libretti, die eigentlich – wie etwa ein jedes Akrostichon – irgend einen Blödsinn direkt herausfordern, der dann unter melodischer Begleitung in die Welt hinausflattert, nicht selten wie ein zähes Beefsteak mit schmackhaft pikanter Garnierung. Bedenklich gestaltet sich freilich solch ein Arrangement, wenn das Quellengebiet dieses Übels allmählich dem Ursprungsort das Charakteristische eines Schildas oder Krähwinkels verleiht, wo sich bekanntermaßen so viele Szenen abspielten, die die betreffenden Orte mit dem unvertilgbaren Rufe chronischer – wie sagen wir doch anstatt des anzüglichen Trottelismus? – also anscheinend zeitweiser Geistesabwesenheit belasten. Wir spielen hier nicht etwa auf den famosen „Kampf am Kahlenberg“ unserer gewiß so gut als möglich ausgebildeten Wehrmacht an. Gewiß waren – nach altem bewährten Muster – alle nötigen Vorsorgen für den glücklichen Verlauf getroffen – war doch fast unser gesamter Generalstab für diese Festvorstellung auf den Feldherrnhügel entboten, und das Gefecht der Brigaden „Wien und Klosterneuburg“ höchstselbst von dem Heeresminister und Inspektor als glänzendes Resultat in einem Armeebefehl festgenagelt worden. Neu erschien nur, daß sämtliche Wiener Tagesblätter spaltenlange Berichte über dieses kriegerische Ereignis brachten, in welchen sich ihre Militärfreundlich- oder –feindlichkeit voll austoben konnte. Freilich, alte Militärs, die derartige Übungen alljährlich dutzendweis mitgemacht, schüttelten ob dieses Klimbims erstaunt die grauen und kahlen Häupter, so wie beim Wiedereinmarsch der Sieger in Wien, insbesondere jenes Infanteriezuges, der mit klingendem Spiel durch die Wollzeile zog – voran der Regimentstambour – hinterdrein der Bagageleiterwagen und die Gulyaskanone. Ja, ja, a Hetz’ muß sein! Man darf nur nicht alles zu schwer nehmen und nicht unter dem ersten Eindruck – sondern auf eine gewisse Distanz betrachten, die einem ein umfangreicheres Urteil gewährleistet. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 15.3.1924.

Aschermittwoch! Auch der längste Fasching nimmt sein mehr oder minder seliges Ende, und, acht Wochen gelebt im Paradies, sind nicht zu schwer gebüßt mit einer Deponierunge des Entbehrlichsten im Dorotheum. Natürlich spreche ich nicht von jenen oberen Zehntausend, bei denen die Kosten von zehn Millionen für eine Ballnacht keine Rolle spielen. Aber selbst in diesen höheren Regionen scheint ein gewisser Abbau eingetreten zu sein, sintemalen die bisher obligaten zwei Monstre-Opernfeste auf eines restringiert werden mußten. 100 Vorverkuafskarten abgesetzt. Das ist wirklich ein Trauerfall der sogenannten Wiener Gesellschaft. Eines fast ausschließlich hohen Besuches erfreuten sich die „neuen Hofbälle“. So wie man die Entkleideten beim Ronacher gesehen, oder im „Simpl“ getanzt haben muß, muß man als halbwegs Anständiger – beides auch im Audienz- oder Zeremoniensaal getan haben. Jede bessere Gewerks- oder Handelsgehilfen-Genossenschaft tanzt nun in „der Burg“, insbesondere deren Damen und vornehmlich mit jener Offenherzigkeit, die schon das alte Hofreglement vorschrieb. Und so gehört sich’s auch! Der Fasching der Vorspiegelungen falscher Tatsachen hat sich ausgelebt. Eine Verschlossenheit, in höheren Gebieten besonders, wird nicht mehr goutiert. Den bewußten Gürten, mit welchem erst der schöne Wahn entzweibricht, kann man selbstredend nicht missen; die Schätze ob desselben jedoch wollen und können auch ungeniert zu Tage treten. Weniger genau bei den gegenwärtigen „Bällen bei Hofe“ nahm man es – zumindest nach Mitternacht – mit den Handschuhen auf und so – daß sich der emsige Tänzer und Galan auch durch das überflüssige Leder nicht von dem oberkleidfreien Rücken seiner Erwählten getrennt fühle. Schon um dieses Genusses wegen erscheint es wohl motiviert, wenn just so ein minderstoffbedürftiges Ballgewebe eine siebenstellige Kronenzahl zur entsprechenden Fabrikation und Anschaffung beansprucht. Getanzt wurden selbstredend fast ausschließlich Nachkriegstänze. Sie ermüden weniger und geben beiden Teilen Gelegenheit, voll zu empfinden, was die äußere Ballhülle mehr oder minder bekleidet… Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 20.2.1924.

Der Wiener zählt zu den leidenschaftlichsten Schlittschuhläufern – auch zu den besten Kunstläufern des Kontinents. In unsrer alten großen Monarchie gab es in dieser Hinsicht berühmte Orte, so Troppau und Leitmeritz. Unwillkürlich erinnert sich der Spaziergänger aus seiner Kinder- und Jugendzeit – sowie vom Eise die Rede – just letzterer freundlichen Elbestadt. Dort wie in Wien stand – allenfalls vor einem halben Jahrhundert – die Eislaufsucht auf ganz anderer Basis. Auch am Eise, wie im Tanzsaale „hüpfte“ man damals mehr den Walzer. Überhaupt das Springen am Eise! Kunststücke, in denen sich heute Kapazitäten auf Schleifplätzen und in Varietees produzieren, waren bei uns Jungen gang und gäbe. Immer mehr Bänke wurden aneinandergeschoben, über welche wir dann mit kräftigem Anlauf hinübersetzten, wie über weite Wasserstreifen, die in scharfen Winterjahren unsere stundenlangen Exkursionen auf der Elbe unterbrachen. Meistens „Direktion Tetschen“. Es war dies doch etwas anderes als der ständige Kreislauf im Eislaufverein oder Augarten. Auch eine heitere Episode möchte ich des Kontrastes – von einst und jetzt – wegen hier einschalten. Leutnantsgarnison Theresienstadt. Winter 1879. Die Elbe zugefroren bis Hamburg. Also etwas für uns. Gute, ausdauernde Läufer waren wir, auch mehrere Läuferinnen. Frau und Töchter des Stationskommandanten und noch einige Ärarische. Zusammen rund ein Dutzend, das – Samstag dienstfrei bewilligt – acht Uhr vormittags ab Dampfschiffslandungsplatz Leitmeritz lossauste. Direktion und Endziel Landungsgrenze Tetschen. Um ein Uhr nachmittags wollten wir anlangen, um zwölf Uhr waren wir dort. Nur fünfzehn Minuten Rast in Aussig. Nun aber die glorreiche Idee! – Zurück? Morgen Sonntag? Nein! – Vorwärts! – Richtung Dresden! Soweit wir kommen. Das Eis, trotz der Elbewindungen, spiegelglatt. Um ein Uhr legten wir los. Bei Schandau dämmerte es. Dann aufblitzende Lichter rechts und links – Pirma, etwa halb fünf Uhr, im Lichterglanz, und punkt fünf Uhr landen sechs Paare unter der Brühlschen Terrasse. Dort bei strahlender Beleuchtung, regstes Treiben. Und wir – gewohntermaßen in tadellosem Bogen um- und durchbiegend: Österreichische Offiziersuniformen! Kurzes Stutzen und Anstarren – dann aber jubelnde Begrüßung vor allem von den deutschen Kameraden. Abends gesellige Zusammenkunft mit deren Damen – Toaste, Anbrüderung, Tanz. – Nächsten Morgen solennes Frühstück, dann Rückfahrt mit der Staatsbahn… Dienstag aber Stationskommandorapport – sintemalen die „Dresdner Nachrichten“ von unserem Eisbesuch begeistert Kenntnis nahmen, wir aber keinen Auslandsurlaub – geschweige denn in Uniform – erhalten hatten. Nun, zu arg fiel’s nicht aus… Ich erwähnte ja, daß Frau und Töchter des Divisionärs mit von der Partie waren. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.2.1924.

Unsere Tagesblätter kennen ihre Pappenheimer. „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!“ Auf die Gefahr hin, auch in irgendwas zu greifen, was nicht gerade nach Eau de Cologne duftet. Eigentlich ist just dieses Odeur Grundbedingung für die wochenlang vorher bereits angekündigten Publikationen unter der Devise: „Wildelt authentisch!“ So versorgte uns vor Kurzem ein Tagesjournal mit den Episteln eines Aus- pardon Nachkömmlings unserer letzten Dynastie. Der hohe Mistschaufler und sein Werk fand zahllose Leser, trotzdem dessen Eröffnungen fast ebenso belanglos waren, als die anschließenden Briefe des seinerzeitigen k. u. k. Armeeoberkommandanten. Es ist geradezu unglaublich, was für Nichtig- und vollständige Harmlosigkeiten einer Schmarrn-Korrespondenz den Wienern serviert und von diesen staunend hinabgeschluckt wurden! Nun, wie Gott will! Für die Verbannten kann dieses ungeschmälerte Interesse nur schmeichelhaft sein. Aufrichtig amüsiert hierüber hat sich – nach sicherer Quelle – am meisten der Briefschreiber selbst… freilich auch die Schriftleitung, die mit dem wertlosen Schmus das beste Geschäft machte. – Sie kennen ihre Kundschaften und finden immer wieder einen Köder für – verzeihen Sie das harte Wort – ihre Stockfische. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 15.1.1924.

Wohin spaziert man zu Faschingsbeginn? Auf den Ball. Es gibt gewiß auch wichtigere Momente als das Neuerwachen der Tanzbeine. Aber so wie zur Zeit unserer bedeutendsten Lohnkämpfe, des Handel und Wandel untergrabenden Beamtenstreiks die Wiener nur das Eine interessierte: „Wie viele Jahre wird sie kriegen, die interessante Serbenkönigssprößlingin, die uns mit ihren chemischen Versuchen beehrte?“ … ebenso könnte gegenwärtig die Welt im Begriffe sein einzustürzen … vorläufig konzentriert sich das Interesse jedes richtig gehenden Wiener Haushaltes auf die Generalfrage: „Was hätten wir noch zu verkaufen oder zu versetzen?“ Ein Wiener Sachverständiger – Schätzmeister für Konfektion und Schuhwerk – berechnete vor Kurzem, daß die Auslagen für eine Ballnacht für ein junges Ehepaar bzw. für mit etwa zwei Töchtern gesegnete Eltern von 6 bis 8 Millionen variieren, die Balladjustierung für den männlichen Teil, Frack und Smoking, für den weiblichen nach der letzten Nummer der Wiener Mode, d. h. „je weniger Stoff, desto teurer“ – von wegen der zur ansonstigen Reizver- oder –enthüllungen nötigen Garnierung. Je „eliter“ der Ball, desto freier das decoletée. Gegen welches ja bei den Bällen nichts eingewendet wurde. Im Gegenteil; der tiefe Ausschnitt war genau nach Höhe und Breite vorgeschrieben. Sieht also die einstige Landesmutter Maria Theresia auf einen Ball der Hakatisten oder Schneiderinnung im Zeremoniensaal auch in diesem Fasching hernieder, so dürfte sie sich wohl mehr über das alterieren, was gegenwärtig den Balltoiletten von der Kniescheibe abwärts an Verschleierung mangelt, als über die noch immer so absonderlichen Niggertänze oder solch einen problematischen Boston oder Jazz-Band… Obzwar just dieses Problem mit zwei Worten gelöst erscheint: „Rückhaltlose Hingabe“. Hat nebstdem die verständnissinnige Tänzerin rückwärts nichts als den zu Tage liegenden Rücken, so ergibt sich als einzig Überflüssiges nur die Musik und die ansonst Anwesenden… Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Unser Leidartikel vom 1.1.1924.

Wie sich das für ein Witzblatt ge­ziemt, das ist, in ganz unparteiischer Weise ein Rückblick auf das verflossene, ein Ausblick auf das kommende Jahr, respek­tive aus dem Bände füllenden Leitartikelschmus unseres Wiener Blätterwaldes ausgeschält „des Pudels Kern“: was uns bisher beschert wurde, was uns an­scheinend erwartet und was wir eigent­lich brauchen.

Seit der größten Staatsmänner aller Zeiten „Moses und Mohammeds“ zielbewußter Reichskanzlerschaft bildet die Grundlage jedes Staatswesens die Familie. Aufblühen sowie Fall jedes Reiches wurzelten in dem Wohlsein oder Niederbruch des bürgerlichen Haushaltes. Gehts hier schief, kommt alles ins Wackeln. So war es von jeher und ist es noch heut. Als sich der Wiener Mittel- und Arbeiterstand noch das ein- oder anderemal in der Woche sein Backhendel, seinen Liter Gerebelten spendieren konnte, blieben der Phäakenstadt am schönen blauen Donaustrand Parteikämpfe fern. Jud und Christ lebten zufrieden neben- und miteinander und Volks- sowie Hochschüler, die die Kollegen in Lernen störten, bekamen „ihren Batzen“ oder wurden relegiert. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.12.1923.

„Das ist mein Wien, die Stadt der Lieder!“ Dieses Geistes tritt heut’ der Wiener Spaziergänger seine Promenade an, sofort bemerkend, daß es sich nicht etwa um einen Besuch des großen Konzert- oder Künstlerhauses, des Bösendorfer- oder Musikvereinssaales handelt. Über die dort gewonnenen Einbrücke zu referieren, sei und ist Berufeneren vorbehalten. Aber uns und unserem heiteren Blatte sei es gestattet, auch in lokalakustischer Richtung, das ist – wie sagen wir doch? – der volksmusikalischen, unsere Beobachtungen unsern geneigten Lesern nicht vorzu­enthalten. Dies um so mehr, da es uns däucht, als ob auch hier ein neues Leben aus den Kriegsruinen zu erblühen beginne. Nochmals gesagt: Gott bewahre! Kein Kunstreferat. Nur Impressionen, die man eben auf Spaziergängen, auf Straßen und in Konzertlokalen ganz unwillkürlich gewinnt. Also, gehen wir’s an: Da wären vor allem die einst einzig und mustergültig für den gesamten Erdball gewesenen Militärkapellen. Wie sich selbe im Laufe der Umsturzjahre restringiert und verschlechtert haben – gewissermaßen bis zur Tonlosigkeit einer Veteranenmusik – das haben wir ja – leider Gottes – zur Genüge erfahren. Also, hier zeigt sich zweifellos eine Wendung zum „Blecheneren“. Man hört sie wieder – unsere Militärkapellen – an der Spitze der ausrückenden Truppen. Weniger die sogenannte Deutschmeisterkapelle als Streichorchester. Das war ein Trauerfall im Dritten Kaffeehaus. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 15.11.1923.

Zu den moraluntergrabendsten Giftquellen unseres in moralischer Hinsicht so wohlgeschützten Wiener Gemeinwesens gehören gewiß jene lauschigen Lokale, wo liebeslebensbedürftigen Pärchen ihren illegitimen Trieben freien Ausdruck zu verleihen genügend Gelegenheit geboten wird. Der Volksmund und -sänger weiß von einem kleinen Hotel auf der Wieden und einem solchen „zu den drei Quasteln“ manch reizende Details zu singen und zu sagen zu Nutz, Frommen und Gaudee beifallsgestimmtester Hörer und Hörerinnen in Kabarett und Bar. Bedenklicher werben derart Affären, wenn die amtlich hiezu berufene hohe Hermandad sich bewogen fühlt, in derart heiligen Hallen zu intervenieren, die abnormaleren Genußmenschen ihre sündigen Pforten öffnen. Lasen wir doch erst vor Kurzen, daß ein derart „Maison“ – so wie sein mehr oder minder reizender weiblicher Inhalt von den Schutztruppen der kommunalen Sittlichkeit ausgehoben wurden. Als Nachtrag zu diesem amtlichen Akte nebstdem, daß die abfällige Kritik eines hiesigen Tagblattes hierüber, auch dessen Redakteur in wahrscheinlich sachfällige Mitleidenschaft ziehen dürfte. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 15.10.1923.

Wien – man muß es unserer regen Stadtverwaltung lassen – bietet nach und nach wieder das schöne Großstadtbild wie zu seligen Vorkriegszeiten. – Gepflastert wird wie anno dazumal; – an allen Ecken und Enden häufen sich und schwinden die obligaten Granitbarrikaden, und senkt sich die Dämmerung hernieder vom Kahlenberg zum Donaustrand und Kanal, blitzen jetzt, wie vor einem Jahrzehnt, tausend Lichter auf in Wiens Hauptstraßen und am Franz Josefskai gleich verheißenden Sternen einer vollen Genesung, – lies! – Sanierung. Während wir aber derart dem neuen Licht und Leben entgegenschreiten, vermißt das suchend enttäuschte Auge manch, just sonst an den belebtesten Straßenecken hohen Kristallfenstern entströmende Lichtquellen und -wellen, so wie der suchende Blick just die lebenslustigsten Lokale und Rendezvousplätze der Wiener schönen Welt. Eine ganz namhafte Anzahl der, geradezu ein Wahrzeichen bildenden Wiener Kaffeehäuser mußten ihre weltbekannt eleganten Räume räumen, zu Ehren Merkurs, des Gottes des Handels und der Banken, dem offenbar diese alten Stätten Wiener Glanzes und Gemütlichkeit schon lange ein Dorn im Auge waren… Geht’s so weiter, so können die, doch mit irdischem Mammon keineswegs überschütteten Wiener an jeder Straßenecke in sorgsam vergitterten Bankfenstern die Kurse studieren, anstatt ihr Stammplatzerl aufzusuchen im lieben alten Stammkaffee. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Wiener Spaziergänge vom 1.10.1923.

Spätnachmittags am Heimwege – Dampf­schiffstraße. Ein Ball saust mir ans Ohr ­zwei – Jungen rempeln mich an. Das ist man oder wird man, zumindest an unseren Peripheriekommunikationen, allmählich gewöhnt. Ich weiche deshalb friedfertig aus an das Straßengeländer, welches längs der Mauer hinläuft – in der Tiefe die Donaukanallände, die an der hohen Brüstung des Kanals endet. Von dieser steilen Wand führen an heißen Tagen nackte Jungen ihre salti mortale in die dahinjagenden Fluten aus, um sich, von der Strömung fortgerissen, an der nächsten Stiege emporzurappeln. Unwillkürlich blicke ich hinab und… – jetzt bleibt mir effektiv einen Mo­ment das Herz still stehen – denn am Mauerrand sitzt ein etwa dreijähriges Kind, das heißt balanziert nur noch mehr – kreuzfidel mit strampelnden Beinchen über dem Wasserspiegel tief drunten. – Die leiseste Bewegung – und es muß das Übergewicht verlieren. Ich jage der nächsten Treppe zu und hinab… Jeder plötzliche Anruf aber ist gefährlich… So mäßige ich meinen Schritt, lasse mich einige Schritte vom Kind entfernt auch am Brüstungsrand nieder, lächle die Kleine an, sie mich wieder. Dann stehe ich auf, trete zurück und rufe sie. Sie krabbelt sich auf, kommt ganz zutunlich zu mir. Ich frage sie wie sie heißt – „Mizzi“ und mit wem sie da ist „mit’n Franzi“ und wo der Franzi ist „spielt oben Fußball.“ So steigen wir miteinander empor. Einer der Jungen, die mich anstießen, ist der Franzi. Ich rede ihm ins Gewissen; die Buben aber wollen nicht gestört sein und schimpfen. Leute bleiben stehen. Einer meint, man soll den Kindern ihre Freude lassen, und als ich – noch immer auf den möglichen „Ins Wasserfall“ reagierend – mit der Polizei drohe, ist seitens des Auditoriums die Kampfstimmung gegen meine Wenigkeit bereits derart gewachsen, daß ich es vorziehe, mich in diese Angelegenheit nicht weiter einzumischen und mich raschestens entferne. Begleitet von minder freundlichen Zurufen: wie „Spitzel“, Alter Naderer u. dgl. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge