Wochenkinematograph vom 2.7.1911

Ganz Europa und Umgebung blickt jetzt auf Österreich.
Die letzten Reichsratswahlen, besonders die in Wien, haben ein hero­isches Sichaufraffen des Freisinns gebracht, und alle Welt sieht nun dem Ausbruch einer Freisinnsepidemie bei uns entgegen.
Nun aber zeigt die nähere Betrachtung, daß die Wiener nicht so sehr radi­kal geworden sind als sie gewissen christlich­sozialen Politikern einen Fußtritt geben wollten, weil sie sich ihrer schämten, und ein Witzkopf äußerte sich: „Wien ist ob seiner christlichsozialen Führer errötet und hat des­halb rot gewählt.“

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Gleichzeitig ist auch bei den Wahlen in den Bezirksschulrat der Libe­ra­lismus der Lehrerschaft wieder lebendig geworden.
Die Lehrer, welche seinerzeit dem Luegerismus die Wege geebnet ha­ben, sind jetzt wieder zur Besinnung gekommen. Auch gut! Wir lieben die Lehrer, wenn sie den Dunkelmännern Lehren erteilen.

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Wochenkinematograph vom 25.6.1911

Angenehmes Aufsehen erregt in der zivilisierten Welt das Erwachen Wiens aus dem reaktionären Schlaf.
Ein furchtbares Hagelwetter ist über die Geßmann, Liechtenstein e tutti quanti niedergegangen, und man fragt sich jetzt nur, wie es möglich war, daß Wien durch nahezu 30 Jahre im Banne der Klerikalen stehen konnte.
Antwort: Es ist den kleinen Leuten sehr schlecht gegangen.
Warum haben sie jetzt der herrschenden Partei den Laufpaß gegeben?
Antwort: Weil es noch schlechter geworden ist. Früher hat der kleine Gewerbsmann wenig Fleisch gegessen, unter Geßmann’s Regime gab es gar kein Fleisch. Da ist es schwer, ein eingefleischter Christlichsozialer zu blei­ben.

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Der Wiener kleine Mann wird niemals auf die Dauer klerikal gesinnt sein. Er ist viel zu gemütlich, um sich allzu viel mit den höchsten Dingen abzugeben, und den Himmel stellt er sich als Vergnügungslokal vor, in wel­chem man keine Kleider braucht, weshalb nach dem alten Gassenhauer vor­her „das Gwand verkauft wird“, wenn man in den Himmel kommt.
Aber ebenso wenig wie klerikal ist der Wiener echt fortschrittlich, und die liberale Presse jubelt zu früh über die Ereignisse der letzten Tage.
Der Wiener will vor Allem „sei Ruah haben“ und sich unterhalten, „a Hetz hab’n“, deshalb wirtschaften die Hetzparteien ab, weil sie eben nicht die richtige „Hetz“ veranstalten.

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Neue Flüche.

  • „Ein Baumwollstrauch sollst du sein, geköpft, geschnitten, gewalzt und ge­spon­nen sollst du werden! Und wenn du dann gewebt bist, soll man eine Unter­hose aus dir machen, die ein christ­lich­sozialer Kandidat bei der Stichwahl an­zieht!“
  • „So lang sollst du in Petroleum à la haus­se spekulieren, bis das Kartell zu­stan­de kommt!“
  • „In aviatischen Zeitschriften sollst du einen ‚ehrenvollen Nachruf’ er­halten!“
  • „Nach Venedig sollst du eine Reise ma­chen und kein Geld zur Heim­fahrt haben!“

(18. Juni 1911)

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Von Hermann Bahr.

Hermann Bahr, der keine Gelegenheit versäumt, sich der Welt in Erin­nerung zu bringen, meldete aus Venedig, es gebe keine Cholera.

Er hielt die vorgekommenen Darm­erkrankungen für leichte Durchfälle. Das ist leicht erklärlich, denn er selbst ist an schwere Durchfälle gewöhnt.

(18. Juni 1911)

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Wochenkinematograph vom 18.6.1911

Der Sultan hat „Ausgang“ bekommen, wie wir in Wien sagen: er darf von Konstantinopel weg und sich in den Provinzen ergötzen.
So kam er nach Saloniki, wo ihn die Bevölkerung herzlichst begrüßte, da sie nun außer dem entthronten Abdul Hamid auch noch den wirklichen Sultan beherbergten.
Abdul Hamid soll nun seinem Bruder gesagt haben: „Wie weh wird mir, Bruder, wenn ich nicht mehr regieren, und du jetzt auf dem Thron bist“, worauf der Sultan erwiderte: „Ich bitte dich – heißt das auch regieren?“

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Ungefähr wie dem Sultan in Stambul geht es dem von Marokko, nur daß er nicht von den eigenen Untertanen, sondern von den Franzosen gegängelt wird.
Und es ist sehr die Frage, ob der arme Herrscher in Fez auch diesen be­schei­denen Posten behalten wird, da nun auch die Spanier sich ein­zu­mischen be­ginnen, gewiß nicht um dem Sultan zu helfen.

Die Situation dieses armen Teufels erinnert an den armen Sachsen, der in einem Walde von Räubern seiner Barschaft beraubt und an einen Baum festgebunden wor­den war. Weiterlesen

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Die Stadtbahn (Wörtliches Zitat.)

„Die Vorbesprechungen betreffs der Verhand­lungen des für die pro­vi­sorische Ausgestaltung und Erweiterung des Net­zes der Wiener Stadtbahn vom Zen­tral­ausschuß der Kommission für die Wie­ner Verkehrsanlagen ein­gesetzten Sub­ko­mi­tees sind in vollem Gange.“

Da kann eher dem Leser als der zu elektrisie­renden Stadtbahn der Dampf aus­­geh’n!

(11. Juni 1911)

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Kurzer Bericht.

Gestern wohnten der liberalen Wäh­ler­ver­samm­lung auch christlich­sozia­le Agi­tatoren bei. Die Ver­letzten wurden ins k. k. allgemeine Kranken­haus gebracht.

(11. Juni 1911)

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Wochenkinematograph vom 11.6.1911

Pfingstepilog.

Dem lieblichen Fest das Abendland
Sah mit Erwartung entgegen.
Nun sind die schönen Tage vorbei
­Was hoffte man für Segen?

In Österreich zeigt es sich bald,
Es kommen die Reichsratswahlen,
Dann gehen mit der Gewißheit zu End’
Der bangen Erwartung Qualen. Weiterlesen

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Wochenkinematograph vom 4.6.1911

Wien ist nun völlig vom Wahlfieber ergriffen, und selbst der Blumen­korso konnte die Einwohnerschaft nicht dauernd vom politischen Interesse ablenken.
Werden die Christlichsozialen eine Niederlage erleiden oder nicht? Das ist die Frage, welche jetzt alle Welt bewegt und man könnte beinahe mit Gewißheit einen Sturz der herrschenden Partei prognostizieren, wenn die Liberalen wirklich tätig wären. Aber das ist es eben – ein tätiger Liberaler ist ein Widerspruch in sich selbst. Er versteht unter Freiheit vor allem, daß man ihn selbst in Ruhe läßt, und man begreift darum, wieso die Türkei plötzlich liberal geworden ist. Sie sah offenbar die österreichischen Libe­ralen und dachte sich: „Das ist etwas für uns bequeme Leute, welche jede Änderung scheuen, denn konservativ sein ist heute sehr mühsam.“
So wurde die Türkei liberal und unsere Liberalen wieder wurden be­que­me Paschas.

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Die fünfzehnjährige Ehefrau.

In der Breitenseer Kirche ist ein knapp 15-jähriges Mädchen am Montag in den Ehestand ge­tre­ten. Ihr Bräutigam war ein Optiker, der sie offenbar durch das Vergrösserungsglas betrachtet hatte, ehe er sie heimführte. Als Bei­stand fun­gierte ein Rech­nungs­revident, der aber dies­mal nicht viel zu addie­ren brauchte.

Das ist nicht das merkwürdigste. Ori­gineller ist vielmehr, dass die Braut ihren eigenen Kinder­schuhen kaum entwachsen ist, während in Wien bisher die Bräute überwogen, welche an die Schuhe ihrer Kinder denken müssen. Zwischen Hoch­zeit und Wiege ist oft nur ein kurzer Schritt, das ist allen diesen Fällen ge­mein­sam.

(28. Mai 1911)

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Die Trauer um Gustav Mahler

Sogar bei dem Tode Gustav Mahlers haben die musikalischen Regeln Geltung erlangt! Solange er einfach der „Mahler“ war, hat dieser Notenkopf für niedriger gegolten. Erst mit dem † (Kreuz) davor hat man ihn höher genommen!

(28. Mai 1911)

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Die Eröffnung des Gänsehäufels.

Erläuterungen zur Badeordnung.

  1. Das städt. Strandbad Gänsehäufel hat eine Abteilung für Männer, eine für Frau­en und einen dritten Strand, der schon so manchen Familien­frieden in Ge­fahr gebracht hat. Letzterer heißt des­halb auch Familien-Strand.
  2. Mit Eintritt der Dunkelheit werden sämtliche Abteilungen geschlos­sen, mit Aus­nahme des „Hotel Gänsehäufel“ in der Schüttaustraße, welches sich jedoch nicht unter städtischer Verwaltung be­fin­det.
  3. Das Mitnehmen von photo­gra­phi­schen Apparaten ist verboten. Die „Wie­ner Caricaturen“ liegen ohnehin in den Kaffeehäusern von Kaiser­mühlen auf.
  4. Der Gebrauch von Hutnadeln zur „Si­che­rung der Hauben“ ist ver­boten. Damen, denen darum zu tun ist, sicher un­ter die Haube zu kommen, mögen den Herren auf andere Weise in die Augen zu ste­chen suchen.
  5. Das Hinausschwimmen auf an­dere Inseln, an denen eine Kontrolle nicht möglich ist, das Über­steigen von Planken ist verboten. Überhaupt über­nimmt die Verwaltung keine Verantwortung dafür, daß die Herren und Damen – Kindereien machen.
  6. Ebenso haftet die Kommune nicht für die Erhaltung von Kindern, welche mit einem „Wasser­kopf“ zur Welt kom­men.
  7. Der Gebrauch von Seife ist un­statt­haft. Die Badegäste galizischer Her­kunft mögen das jedoch nicht miß­ver­stehen.
  8. Wertgegenstände sollen tunlichst nicht ins Bad mitgenommen wer­den. Mäd­chen, welche noch über einen sol­chen verfügen, tun das auf eigene Ge­fahr.

(28. Mai 1911)

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Das neue Wehrgesetz.

Das süsse Mädel: „Jessas, da soll si ans auskennen! Jetz­ten wird’s Einjährig-Freiwillige, Halb­­jährig-Freiwillige, Zwei­jährig-Un­frei­wil­lige und sogar Gross­jäh­rig-Frei­wil­lige ge­ben! Am meisten freu’ ich mich, dass wir auch Zweijährig-Frei­willige krie­gen. Die Hauptsach’ aber ist, daß so eine junge Wurz’n zu allem, was man von ihm ver­langt, ein freiwilliger Ein­wil­liger ist!“

(28. Mai 1911)

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Kleinigkeiten.

Das sicherste Mittel, eine Frau weinen zu machen, ist über sie zu lachen.

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Es ist angenehmer, seine Frau mit einem großen Kollier als mit einem klei­nen Kadetten zu über­raschen.

(28. Mai 1911)

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Rundschau vom 28.5.1911

Jetzt spricht vom Frieden alle Welt
Seit Wilhelm in England gewesen;
Von einer nahenden goldenen Zeit
Ist überall zu lesen.
Man wird keine Dreadnoughts jetzt mehr bauen,
Die Völker sich liebend umarmen,
Die Skodawerke sperren dann zu,
Wer wird sich der Börse erbarmen?
Ich hörte diese Botschaft an,
Doch kann ich daran nicht glauben,
Selbst Berta Suttner könnte mir nicht
Die Überzeugung rauben. Weiterlesen

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Die Mode der kurzen Röcke

welche eben jetzt in Paris kreiert wor­den ist und den Hosenrock ablösen soll, wird den Damen Schösse bringen, die den Knöchel und unteren Teil der Wade gänzlich frei lassen. Die jeunesse dorée von Wien freut sich schon riesig darauf. Sie hegt nämlich die Hoffnung, dass die Damen aus lie­ber alter Gewohnheit auch diese kurzen „Raccourcies“ instinktiv noch weiter in die Höhe raffen werden!…

(21. Mai 1911)

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Der „Weg ins Freie“

!! Kürzeste Reiseverbindung !!
Wien-Kobenzl – in 5 Stunden.
Wien-Krapfenwaldl – in 6 Stunden.

Fahrt durch die Stadt, Grinzing, resp. Nuß­dorf, sechsmalige Unter­brechung auf der Hin- und Rück­reise vorgesehen. Früh­­stücks-, Mittags- und Jausen­ge­le­gen­heit auf der Hinfahrt, zweimalige Nächti­gung, erprobte Füh­rer bis zum Ziel! (Für schwa­che Fußgänger stehen Fiaker à K 20.- zur Verfügung.)

(21. Mai 1911)

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Wochenkinematograph vom 21.5.1911

Die Türkei ist endlich in die Reihe der zivilisierten Staaten eingetreten, da sie einen ebenso verlogenen Parlamentarismus hat wie das Abendland. Draht­puppen im Sitzungssaal, im Hintergrund verborgen die Drahtzieher, in der Türkei Komitee genannt.
Und da entsteht auf einmal ein Großvezier, dem die Parlaments­hampelmänner nicht imponieren, und der somit tut, was er für gut hält. Ganz wie in Österreich, wo auch die Regierung den Staat zusammenhält, aus welchem Tschechen, Slovaken und Serben eine Art Krippe für ihren an­geb­lichen Überschuss an Intelligenzen machen wollten.

Österreich und die Türkei kranken beide an einem kindlichrohen Parla­men­tarismus, und alles hängt von der Energie der Großveziere ab.
Vorderhand hält sich Großvezier Bienerth obenauf, während das christ­lichsoziale – Komitee in Auflösung begriffen ist.
Vielleicht werden sich jetzt Türkei und Österreich erholen.

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Neueste Schüttelreime.

Verregneter Blumentag.
Der Kot schadet den Röcken, Hosen,
Und doch verkauft man Heckenrosen.

Martin Luthers Brief.
Historischem, gescheiten Zweck
Dankt Morgan mit ‘nem zweiten Scheck!

Maikorso und Benzin.
So kann man nur die Dummen blöf­fen:
Benzingestank auf Blumen töffen!

Reinhardt im Zirkus.
Am Tummelplatz von Gäulen, seht!
Wie Oedipus zwischen Säulen geht!

(14. Mai 1911)

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Der kranke Gustav Mahler

wird unausgesetzt von seiner Schwie­ger­mutter, Frau Moll, gepflegt, wel­che die Leitung am Kran­ken­bette über hat. So werden auch diese kriti­schen Tage seines Lebens hauptsächlich von der „Moll-Tonart“ beherrscht.

(14. Mai 1911)

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