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Weltspiegel vom 1.4.1925

Gibt es etwas Undankbareres als diese Entente? Vom frühen Morgen an, beziehungsweise 11 Uhr vormittags bis – oft genug – in die Mitternacht senden wir ihnen „Hallo, Hallo! Hier Radio Wien“ eine schier unendliche Perlenkette, das Beste, was deutsches Wort und Sang seit Jahrhunderten schuf, auf „Welle 530“ eifrigst, unermüdlich zu – nach London wie nach Paris, nach Rom und Kopenhagen… Das Echo aber?… Wir fühlen die Wassersuppe, die sie uns als Revanche in Genf auskochen, in allen Gliedern, vor allem aber in dem eine bessere Kost erhoffenden Magen. Verzeihung für diese problematische Blumensprache; aber, wird man immer wieder aufgefordert, sich den kurzen Leibriemen noch enger zu schnallen, dann geh’n auch dem wohlgemutesten Dichter die Frühlingslieder aus. Aus dem Weltspiegel, in den er forschend hineinblickt, sieht ihm ja nur immer wieder ein unterernährtes Antlitz entgegen, das es anscheinend noch immer nicht begreift, daß die nun das dritte Jahr währen de Hungerkur eine „Sanierung“ des armen Kleinösterreichs bedeuten soll. Eine verrückte Welt, in der die Menschlein rein darauf erpicht erscheinen, sich das ohnedies so kurze Dasein so schwer als möglich zu machen. Der einzig schöne Moment unseres heiligen Jahres erschloß sich dem begeisterten Blick, Ohr und Herzen bei dem „Gschnasfest“ im Wiener Künstlerhaus. Wahrhaft, nur phantasiereiche Künstler von Gottes Gnaden vermögen es, die irdische Wirklichkeit mit so goldenem Humor zu färben, daß an vor eitel Licht und Glanz, Lebenslust und –freude die dunkle Wirklichkeit in alle Regenbogenfarben getaucht sieht und empfindet. Leider nur eine Nacht in den zurückgelegten und noch bevorstehenden und noch problematische Tagen im Jahre des Heils 1925. Weiterlesen

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Ludendorff.

Der große Heerverderber tritt wieder in Deutschland auf und findet Leute, die ihm zujauchzen. Wahrlich, das deutsche Volk hat seine Zerstörer immer im eigenen Kreis gefunden. Die Haken-Kreuz-Leute werden dem deutschen Volk den letzten Rest von Welt­geltung nehmen.

Nein, mit zerhackten, versoffenen Korps­studentengesichtern wird Deutschland sich nicht die Weltgunst erobern. Wenn man nach Bagdad kommen will, ist der Antisemitismus ein sehr stören­der Ballast.

(1. September 1921)

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Weltkino vom 15.6.1921

Österreich soll nun geholfen werden, und die Folge ist eine beispiellose wirt­schaftliche Katastrophe. Stockung im Handel, Marasmus der Börse und unaufhaltsam steigende würgende Teuerung. Unser Land ist rettungslos passiv, trotz allem Geschwätz von Naturschätzen, Lage, Wasserkräften usw. Die Menschen selbst sind es, welche die Passivität bedingen, der Öster­reicher, der homo austriacus! Als die Habsburger ein großes Reich regier­ten, strömte alle Kraft nach Wien, ihrer Residenz, und die Wiener konnten ihre Backhendeln essen und Heurigen trinken.

Heute, wo man eine isolierte Republik bildet, die von Todfeinden um­ge­ben ist, gibt es keine Möglichkeit für wirt­schaftliche Wohlfahrt. Da helfen auch Darlehen nicht, so wie eben ein schlecht gehendes Geschäft auch durch Kredite nicht zu halten ist.

Überdies ist der Österreicher weder Arbeits- noch Ordnungsmensch. Man sehe sich nur genau an, wie in Österreich gearbeitet wird, ob in einer Werk­stätte, bei einem Hausbau, bei der Eisenbahn usw. Der größte Teil der Zeit wird mit Beratungen, Versammlungen, Demon­stra­tionen usw. verbracht.

Kirchliche Feiertage, Nationalfeiertage, Spezial­feier­tage werden mit gleicher Inbrunst abgehalten. Organisationen, Räte, Komi­tees, Vertrauensmänner, Deputationen usw. in Unmenge.

Da helfen auch Kredite nicht viel!

*

Die größte Hoffnung setzt man in gedankenloser Weise auf den An­schluß an Deutschland. Ja, soll Deutschland, das in der Ernährung so stark passiv ist, durch die hungernden Österreicher gestärkt werden? Kann andererseits unsere Industrie, unser Gewerbe den furchtbaren Wett­­bewerb Deutschlands aushalten?

In Deutschland herrscht vollständige Gewerbefreiheit. Was werden unsere Zünftler, Sauer­kräutler, Lebkuchenbäcker dazu sa­gen, die Jahrzehnte lang um den Gewerbe­zwang gekämpft haben? Weiterlesen

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Weltkino vom 1.6.1921

Unsere Vollbart- und Jägerhemdteutonen haben dem armseligen Staat neuer­lich bittere Verlegenheiten bereitet. Sie haben es alle so eilig mit dem Anschluß an Deutschland, welches die höchs­te Sehnsucht nach den so tüch­ti­gen österreichischen Brüdern empfindet.

Man hat nämlich keine Idee, welche Bewunderung man im Deutschen Reich für Österreich empfindet, für seine politische Geschicklichkeit, seine stramme Wirtschaft, seine Mannhaftigkeit in allen Lebenslagen.

Die Entente fürchtet nun das Erstarken des Deutschen Reiches, wenn die gewaltigen österreichischen Staatsmänner, Landwirte, Kaufleute und Beam­ten dazukommen, und wenden jedes Mittel an, den Anschluß zu hinter­treiben. So kommt es, daß der kleinste Lausestaat im Prinzip das Recht hat, in Öster­reich Vorstellungen gegen den Anschluß zu machen.

Diese Blamage hat uns eben zu un­seren sonstigen Erfolgen noch gefehlt.

*

Allerdings die Entente selbst leidet auch nicht an einem Übermaß von Weisheit.

Die Franzosen haben sich mit ihrem blinden Eifer gegen Deutschland eine diplomatische Niederlage geholt und Lloyd George, der Wandlungs­reiche hat zum ersten Mal von der Möglichkeit neuer Freundschaften ge­spro­chen. Weiterlesen

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Anschluß.

— Österreich will sich an Deutsch­land anschließen. In Deutschland herrscht volle Gewerbe­freiheit, der Österreicher klam­mert sich an die Zünfte.

— Der Deutsche arbeitet wie ein Roß, der Österreicher sieht vor allem darauf, schon um 4 Uhr im Kaffeehaus weilen zu können.

— Der Deutsche hat gewaltigen Bildungs­hunger, der Österreicher liebt „harbe Tanz“ usw.

Welchen Sinn hat der Anschluß? Die Hoffnung des Österreichers, daß die Deutschen die Hauptarbeit im gemein­samen Reich leisten werden? Aber, da wird man sich schneiden. Es wird uns gehen wie den armen Verwandten, die sich auch gerne an­schließen. Man richtet schon das „Katzentischl“ für uns her.

(1. Mai 1921)

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Weltkino vom 15.3.1921

Die Franzosen sind in Düsseldorf eingezogen und die Deutschen erklä­ren sich zur Duldung bereit. Offen gesagt hätten wir vom stolzen deutschen Volk etwas anderes er­war­tet als passiven Heroismus, aber man muß heute auch damit zufrieden sein. Wenigstens regt sich irgend ein Widerspruch gegen Forderungen der Entente und rennt man nicht mehr so dumm in die Falle wie damals als die elende Wilsonfopperei dem deutschen Volk die Waffen aus der Hand wand.

Die Deutschen haben etwas gelernt und sitzen keinem Bauernfänger à la Wilson mehr auf. Vorderhand sind sie passiv. Hat auch seine guten Seiten und besonders die lieben Franzosen, die so gern wieder als billige Sieger gerasselt hätten, sind enttäuscht.

Was für Glorie ist das, in eine totenstille Stadt einzurücken? Und welch süß-saures Gesicht machen die edlen Briten dazu, wenn Frankreich wieder am Rhein dominiert? Lassen wir nur die wackeren Ententler untereinander!

*

Trotz alledem muß man sagen, daß Dr. Simons sich nicht ganz geschickt benommen hat. Der Gegenvorschlag war nicht geschickt inszeniert, und man hat sich unnötigerweise ins Unrecht gesetzt. Aber wie könnte auch ein deutscher Minister kraftvoll auftreten? Weiterlesen

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Weltkino vom 1.2.1921

Die Entente will Österreich helfen. Nicht so sehr aus Mitleid mit unsrem Elend als um unsern Anschluß an Deutschland zu verhindern. Und unsre leitenden Politiker werden sich den Anschlußgedanken ab­kaufen lassen. Hat man von ihnen etwas anderes erwartet? Gibt es denn bei uns etwas anderes als die niedrigsten Parteiinteressen?

Als das Elend der Krone aufs höchste stieg, empfahlen sich die Mar­xis­ten von der Koalition und wollten sich auf die Kritik beschränken. Jetzt, wo die Krone zu steigen und bessere Aussicht winkt, tut es ihnen bitter leid, die Staatssekretärposten ausge­schlagen zu haben. Besonders schlau werden sie wirklich nicht geführt, die marxistischen Gruppen!

*

Rennerleben meldet sich bereits. Er hat jüngst in Graz gesprochen und wieder auf die Möglichkeit des Zu­sammengehens von Arbeitern und Bauern hingewiesen. Ob man ihm wohl wieder auf den Leim geht?

*

Überhaupt dieser Renner – der typische Österreicher, der den Kronen­stand von ein Centime vollkommen er­klärlich macht.

Noch vor einigen Wochen hat er sich den Großdeutschen angebiedert und die Möglichkeit einer Koalition angedeutet. Aber von dort ist keine Ant­wort gekommen. Nun geht er wieder auf die Bauern los. Dann wird er vielleicht zu den Zionisten gehen oder sich mit den Ungarn versöhnen. Unser Renner kann alles. Eine solche Nummer wie den Renner hat kein anderes Land aufzu­wei­sen.

*

Was wird der Austerlitz zum Renner sagen? Na, der Austerlitz weiß jetzt selbst nicht, wo ihm der Kopf stellt. Soll er mit dem konservativen Teil der Marxisten gehen oder mit den Radikalen? Die Spaltung der Partei ist ja unabwendbar wie in Deutschland, Italien, Frankreich usw. Einstweilen hilft sich Austerlitz, indem er im Morgenblatt mehr kon­ser­va­tiv-marxistisch schreiben läßt, im Abendblatt aber mehr kommunistisch, manchmal auch antisemitisch.

Austerlitz kann nämlich ä so und ä so. Welche Partei immer siegen wird, Austerlitz wird immer das richtige gesagt haben, entweder im Morgenblatt oder im Abendblatt.

(1. Februar 1921)

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Weltkino vom 14.11.1920

Wenn die „Wiener Caricaturen“ eitel wären, würden sie es jetzt hervor­heben, daß sie unter allen Blättern zuerst den Zerfall des Marxismus im Gefol­ge des Weltkrieges vorausgesagt haben. Alle oberflächlichen Schwätzer sahen die allgemeine Weltrevolution kom­men: Wir haben den baldigen Einzug der Reaktion vorausgesagt, und diese ist in der Tat auf dem Wege. In Rußland herrscht bereits der finsterste Zaris­mus, die schrankenlose Despotie Lenins und Trotzkys.

Diese beiden Scheusale haben mehr Hinrichtungen auf dem Gewissen als irgend ein Monarch, und während die Monarchen à la Heinrich der Vier­te immer wollten, daß der Bürger Sonntags sein Huhn im Topfe habe, ster­ben im Zarentum Rußland jetzt Millionen Menschen vor Hunger.

In Deutschland hat der Marxismus die stärkste Pleite erlebt, dort gibt es einige sich mörderisch befehdende Marxistenparteien, in Frankreich wird die Partei nicht mehr ernst genommen, und in England herrscht über die Arbeiter Lloyd George. Nur in Österreich gibt es noch den Schein einer Einheitspartei, aber auch diese kann über Nacht stürzen. Austerlitz allein wird das berstende Gebäude nicht pölzen können.

*

Was ist eigentlich der Marxismus?

Er ist eine Gemütskrankheit der Bourgeoisie. Ausschließlich Bourgeois bilden die wirkliche Führerschaft, perverse Millionärssöhne, verkrachte Ad­vo­katen, beschäftigungslose Ärzte, emeritierte Rabbinatskandidaten usw. schwatzen endloses Zeug über Mehrwert, Produktion, Verteilungsprozeß, Klas­senkampf usw. und betören damit die armen Arbeiter, die eine Bes­se­rung ihrer Lage anstreben und nur in immer neue Sümpfe hineingeführt wer­den. Dabei schwindelt man ihnen etwas von einer internationalen Soli­darität vor, die wohl das elendeste aller Gaukelspiele bildet. Heute gibt es schon drei Internationale und der famose Dr. Bauer proklamiert soeben eine vierte.

(14. November 1920)

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Weltkino vom 1.11.1920

Die „Wiener Caricaturen“ haben es schon vor Jahresfrist angekündigt: Das Hauptresultat des Weltkrieges wird der Niedergang des Marxismus sein. Wie sehr haben die oberflächlichen Beurteiler geirrt, die da sagten: Der Krieg bringt die Weltrevolution und diese die Herrschaft des „Marxismus“.

Jawohl, der Marxismus herrschte zeit­weilig in Ungarn, Bayern, Berlin, Hamburg usw., aber eben diese kurze Herrschaft hat ihn vernichtet. Man sah ihn an der Arbeit und ist nun auf Jahrhunderte hinaus belehrt.

In Wien hat nur ein schlamperter Marxismus geherrscht (entsprechend dem Volkscharakter), aber das Resultat hat man bei den letzten Wahlen ge­se­hen: schrecklicher Schwund der marxistischen Wahlstimmen.

*

Von Rußland, wo der radikale Marxis­mus sich noch in einigen Städten behauptet, wollen wir gar nicht reden. Dort sieht es so grauenhaft aus, wie es selbst die schärfsten Gegner der Theorie nicht geahnt haben. Massensterben, Zwangsarbeit, Hinrichtungen, und als Ersatz für die fehlende Nahrung Proklamationen und Funksprüche „an alle“. –

Uns wundert der Terror und der Militarismus gar nicht, denn der Mar­xis­mus ist nur durch Terror und Militarismus zu erhalten. Man frage die Arbeiter, ob sie ohne Gewerkschaftsterror je so viele marxistische Stimmen abgeben würden.

Und haben nicht die Marxisten bei uns eigens eine Parteiarmee ge­grün­det? Mit einem Wort, Marxismus ist Rückschritt, Tyrannei, Vergewaltigung der menschlichen Urtriebe. Der Mensch ist von Natur aus kein Kommunist und die Frau erst recht nicht. Weiterlesen

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Weltkino vom 15.6.1920

In Deutschland beginnt die Weltrevolution wieder abzuebben. Die Völker haben im ersten Schmerz über die furchtbare Katastrophe alle alten Autoritäten gestürzt, sehen aber jetzt ein, daß sie das Unglück da­durch nur vergrößert haben. Von der Situation haben hauptsächlich Strolche profitiert, die sich in Ämter drängten oder direkt das öffentliche Gut bestahlen. Die neuen Kapa­zi­täten haben sich meist als geschwätzige Hohlköpfe er­wiesen.

Es kommt eben selten etwas besseres nach. In Frankreich hat man schon drei Revolutionen gehabt und ist heute dort konservativer als je. Es kommt eben selten etwas besseres nach.

*

Allerdings hat in Deutschland der Radikalsozialismus einen Zuwachs be­­kommen, aber die Hauptsache ist, daß die national konservativen Parteien enorm an­gewachsen sind. Die Monarchisten und Militaristen er­heben wieder ihr Haupt, weil die Wich­te, welche die Revolution in die Staatsämter gebracht haben, das Land so tief haben sinken lassen. Weiterlesen

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Weltkino vom 1.4.1920

Der deutsche Film rollt weiter vorüber, aber man sieht keine erquick­li­chen Bilder. Dem Narrenstreich des Herrn Kapp folgt ein Aufflammen des Bol­sche­wis­mus, und das deutsche Volk nähert sich neuerlich dem Abgrund. Wird es’ sich jemals wieder erheben?

*

Was fehlt eigentlich dem deutschen Volk? Vor allem das wichtigste, die Nationalität. Die Deutschen sind keine Nation! Es ist direkt lächerlich, einen Tiroler und einen Preußen einer und derselben Nation zuzurechnen. Franzosen sind eine Nation, Engländer schon gar, aber die Deutschen sind keine Nation.

Man denke nur an den furchtbaren religiösen Zwiespalt. Ein märkischer Protestant und ein altbayerischer Wallfahrer sollen einer Nation angehören. Nein, die Deutschen sind keine Nation, sondern eine bloße Sprach­ge­mein­schaft. Die Rasse ist ganz bestimmt nicht einheitlich, und schon die Arbeiter dürften durchschnittlich einer andren Rasse angehören als Adel und höhere Bürgerschaft. Weiterlesen

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Weltkino vom 1.11.1919

Dr. Reisch, die neueste Hoffnung der Republik Österreich, hat seinen Finanzplan entwickelt und unsre schlimmsten Erwartungen übertroffen. Sein Heilmittel ist wahnwitzige Erhöhung aller Steuern und Gebühren und starke Vermögensabgabe. Selbstverständlich wird sich das Leben dann noch schrecklicher verteuern, werden die Lohnkämpfe noch wilder sein usw.

Was dann kommt, kann man sich ausmalen. Nein – lieber Dr. Reisch, so wird es bestimmt nicht gehen, und ich sehe Sie schon Schumpeters Los tei­len. Es ist wie vor der großen französischen Revolution, wo auch ein Finanz­künstler nach dem andern sich abmühte, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Nein, mit neuen Steuern ist unsrer Wirtschaft nicht zu helfen.

*

Von der Arbeit wird in allen diesen Plänen nicht gesprochen. Respektive von der fürchterlichen Arbeitsscheu, welche die weitesten Kreise ergriffen hat. Weiterlesen

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Weltbühne vom 1.6.1919

Der österreichische Schlemihl hat zwei Eventualitäten vor sich: An­schluß an Deutschland mit Teilnahme an der Knechtung und Ächtung des deut­schen Volkes oder Teilnahme an der Donaukonföderation mit Unter­werfung unter slawische Vorherrschaft. Mehr zu essen und leichter zu leben geht wohl bei der Donaukonföderation, und so wird sich wohl der Öster­reicher unter die Obhut der Tschechen und Polen begeben müssen.

Er wird sich vielleicht eher in diese Lage hineinfinden, wenn er bedenkt, daß er in einem großen Deutschland auch nur der „Nebbich“ wäre. In der Donaukonföderation kann er als verkrachter Kavalier von einst vielleicht mehr Ansehen genießen, und Wien wird von allen Nationen heiß umworben werden.

Allerdings werden auch die Sozialisten im Donaubund keine aus­schlag­gebende Bedeutung haben, da Tschechen und Polen den radikalen Sozialis­mus nicht dulden wollen. Austerlitz wird dann wenig zu sagen haben – das ist die Schattenseite des Donaubundes.

*

Vorderhand geht der Untergang unsrer Wirtschaft flott vonstatten, dank der Vermögens- und Sozialisierungsexperimente. Mit Entsetzen haben wir in die Bücher einiger Unternehmer Einsicht ge­nom­men.

Doppelte Lohnsummen gegen das vorige Jahr, stark verringerte Ein­nahme. Es läßt sich mathematisch berechnen, wann der allgemeine Bankerott der Industrie eintritt. Es wird nur immer verlangt und verlangt: höhere Löhne, Neuaufnahme von Arbeiten, Verkürzung der Arbeitstätigkeit usw. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.5.1919

Tragikomödie „Budapest“ – vielleicht letzter Akt. Oder auch nicht? Ist es nicht spaßig, daß die Rumänen plötzlich nicht weiter können? Ist das am Ende eine Probe für die Unfähigkeit der ganzen Entente, mit den Waf­fen Europa zu bändigen? Geschieht an der Theiß eine Wendung, die sich am Ende am Rhein und an der Weichsel steigern könnte?

Wie wäre es, wenn Deutschland jetzt von Ungarn lernte und sich auf die Hinterfüße stellte. Sind am Ende die Ententetruppen be­reits infiziert? Geht man in Versailles darum so grimmig und drohend vor, weil man im Grunde Angst hat? Der Stillstand der Rumänen an der Theiß kann am Ende eine neue Epoche einleiten!

Bela Kun als Erneuerer Europas! Wer lacht da!

*

Ein obskurer ungarischer Jude als Herr des Stephansreiches und Auf­wühler Europas. Überhaupt gehen wir jetzt einer Renaissance des Judentums entgegen, nachdem der größte Gegner des Judentums, der Hohenzollernstaat gestürzt wurde. Am Berliner Hof wirkte bekanntlich Prediger Stöcker, der Theo­re­ti­ker des Antisemitismus, und Preußen war der Staat, wo kein Jude ein besse­res Amt bekleiden durfte.

Die Hohenzollern sind niedergeschmettert, und ihr letzter Herrscher soll vor ein Weltstrafgericht kommen und Juden sind heute obenauf. Wie sich doch das Rad der Welt­geschichte dreht.

*

Die Hohenzollern haben nicht nur die Juden, sondern den ganzen Bür­ger­­stand gehaßt. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.4.1919

Jetzt sind wir drin, aber ordentlich. Die Krone nahezu wertlos, die In­dus­trie durch allerlei Drohungen von oben und unten her geängstigt, der Han­del durch Bank- und Grenzsperren gelähmt, die allgemeine Kon­fusion auf dem Höhepunkt. Und alle offiziellen Persönlichkeiten quatschen unterdessen von der „Pro­duktion“. Dieses Wort „Produktion“ wird einem schon zum Ekel. In einer Zeit allgemeiner Verlotterung und Verwirrung spricht man nur von der „Produktion“.

All das Geschmeiß, das in Zeiten des Umsturzes emporkommt, regelt die „Pro­duktion“ – meist durch Verordnungen, die in den wirtschaftlichen Or­ganismus hineinfahren wie die Faust eines Bauernlümmels in das Werk einer „Glashüttenuhr“. Jeder Dreckfink, der ein paar radikale Broschüren ge­schrieben hat, kann heute Herr der „Produktion“ werden. Welch ein Ende haben wir genommen!

*

Aber der Anschluß, der Anschluß? Ja, der soll uns retten, der Anschluß an das völlig zerrissene Deutsch­land! Wir sollen zu Deutschland gehören? Ja, weiß man, ob Bayern, an welches wir grenzen, zu Deutschland ge­hö­ren wird? Was wird den Münchner Biersumpern noch einfallen? Hat Bayern überhaupt jemals etwas andres getan, als am Ruin des Rei­ches zu arbeiten? Schon seit Heinrich dem Löwen.

Hat nicht Bayern an der Seite Napoleons und dann an der Seite Franz Josefs gegen das Deutsche Reich gekämpft? Und Wien sollte reichsdeutscher sein als München? Wien, eine Stadt mit Hunderttausenden von Tschechen, Juden und Ma­gya­ren? Aber der Austerlitz fühlt so fürchter­lich deutsch und will den Anschluß, fehlt nur noch der Wokurka als Fanatiker des Anschlusses.

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Wir können keine drei Tage leben ohne Zufuhren aus Tschechien. Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.3.1919

Mit unserem historischen Pech kommen wir nun endlich zum Anschluß an Deutschland. Als das deutsche Reich gegründet wurde und märchenhaft aufblühte, mußten wir draußen bleiben – heute, wo auch die kleinsten Völker auf dem Reichs­körper herumtreten, wo die Entente augenscheinlich an der Ver­nichtung des deutschen Volkes arbeitet, heute sollen wir uns anschließen.

Da die Österreicher augenscheinlich mit den letzten Wahlen den An­schluß­leuten recht gegeben haben, müssen wir uns in frommer Demut dem Schicksal unterwerfen. Ja, der Österreicher, der hat eine Hand – alle Achtung! Wo die hingreift, da – – doch schweigen wir darüber!

*

Eines muß man dem Österreicher lassen – er trägt sein Unglück mit Wür­de. Er hat jahrelang den Herrn von Hötzendorf für einen großen Strategen gehalten, trotzdem dieser Herr inmitten der schwersten Kriegskrise vor al­lem seinen Heiratsplan betrieben hat. Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.2.1919

Die „Wiener Caricaturen“ haben wieder einmal zuerst in einer wichtigen Sache das Wort ergriffen, und die großen Blätter kommen jetzt erst nach­getrappelt. Man ruft allerorten nach dem Anschluß an das Deutsche Reich, und wir haben zuerst auf den fundamentalen Gegensatz in der Gewerbepolitik bei uns und im Reich hingewiesen.

Im Reich herrscht vollste Gewerbefreiheit, und bei uns wird seit 30 Jahren in mörderischen Wahlschlachten hauptsächlich gegen die Gewerbe­freiheit gekämpft. Was werden die Sumper, die den Grafen Belcredi und Karl Lueger an­ge­betet haben, bei einem Anschluß an Deutschland erleben? Oder hoffen sie, das holde österreichische Wesen im deutschen Reichs­verband weiter betreiben zu können?

Und wie wird es mit der deutschen obligatorischen Zivilehe gehen? Was werden unsre Bauernsumper dazu sagen? Oder soll die Kaplan­herrschaft im Reichsverband weiter geführt wer­den? Auf diese Dinge haben die „Wiener Caricaturen“ schon lange hin­ge­wie­sen, und jetzt kommen große Blätter darauf zu sprechen.

*

Wir werden im Deutschen Reich die Rolle spielen, welche den Neapo­li­ta­nern und Sizilianern im neugeeinigten Italien zugefallen ist. Wir werden die „südliche Wärme und Beweglichkeit“ mitbringen, die Fähigkeit für die Bühne, die heitere Lebenskunst usw. Wir werden Schauspieler liefern, Musi­kanten, Librettisten, Kellner und Näherinnen für schöne Toiletten. Auch politische Bajazzos werden wir liefern, wie die Neapolitaner und Sizi­li­aner. Ebenso die Lieder und Gassenhauer. Kurz, wir werden unsre Eigen­art bewähren.

*

Am besten werden noch die Sozialdemokraten beim Anschluß fahren. Genosse Renner wird sich mit dem Genossen Scheidemann sehr gut ver­stehen, ebenso Genosse Austerlitz mit den Genossen Cohn. Die rote Couleur ist ja überall die gleiche, und die Redakteure der Partei­blätter wer­den überall als Unterstaatssekretäre angestellt werden kön­nen.

England aber wird das rote Reich ordentlich im Zaum zu erhalten ver­suchen und das deutsche Volk seine Revolution teuer bezahlen lassen. Und der Militarismus bleibt weiter abgeschafft, so daß Polen und Tsche­cho­slowaken beliebig auf dem Reichskörper herumtreten können.

Wie wird sich da der deutsche Michel den Kopf kratzen und fragen, wozu er eigentlich Revolution gemacht hat. Armer Michel – für dich ist es überall zu spät!

(20. Februar 1919)

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Weltbühne vom 10.2.1919

So ist Deutschland glücklich wieder dahin gelangt, in Weimar seinen Mit­tel­punkt zu sehen. Aber nicht Goethe und Schiller sind die Mittelpunkte, sondern Ebert und Scheidemann. Ist es eine Besserung gegen damals? Müßige Frage in dieser stürmisch drängenden Zeit, wo es sich überhaupt um das weitere Fort­bestehen des deutschen Staates handelt.

Momentan hat sich das deutsche Volk um Ebert gesammelt, nachdem es die Hohenzollern hat fallen lassen. Es will nicht mehr pour le roi de Prusse arbeiten. Zumal jetzt die Engländer und Franzosen die Wacht am Rhein besorgen. Wenn man geschlagen ist, muß man sozialistisch werden. Man kann dann wenigstens die Schuld auf die früheren Machthaber abwälzen.

*

Wie steht es aber wirklich um das deutsche Volk? Ist die Feindseligkeit aller Welt nur durch das Treiben deutscher Macht­haber entstanden? Ist der Deutsche an sich im Ausland beliebt und bloß seine Regierung verhaßt gewesen? Oder ist es nicht vielmehr höchste Zeit, den ganzen Volkscharakter um­zubilden und nicht bloß die Staatsverfassung?

*

Bleibt nicht ein Sumper immer ein Sumper, ob er monarchisch oder re­pu­blikanisch regiert wird? Wird Wien unter der Republik andre Hausbesorger, andre Einspänner, andre Greisler und Heurigenbesucher haben als in der alten Monarchie? Weiterlesen

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Weltbühne vom 10.1.1919

Ebert und Scheidemann sind nun die Opfer ihres Verrates an den Arbei­tern geworden. Die deutschen Arbeiter wollten ein echt sozialistisches Pro­gramm durchführen, das heißt die Sozialisierung der Produktion. Man mag über die Berechtigung des Programms streiten, aber es war offen und ehrlich und wurde auch von den Bürgern verstanden, ja selbst ge­achtet.

Nun meinen aber die Ebert und Scheidemann, es genüge, wenn sie sich in die Regierungssessel setzen, damit sei die soziale Frage gelöst. ­ Weiterlesen

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Weltbühne vom 20.12.1918

Ein grauenhaftes Schauspiel bietet ein starkes Volk, welches plötzlich tief sinkt und in wenigen Wochen die Ausbeute von Jahrzehnten der Ent­wicklung verliert. Das Deutschland Bismarcks und Moltkes ist jetzt bei Ebert, Haase und Eisner angelangt. „Man muß Deutschland nur in den Sattel helfen“ hatte Bismarck gesagt, und jetzt ist der Sattlergehilfe Ebert Bismarcks Nachfolger geworden. Wird der den Sattel richtig reparieren?

*

Warum ist das deutsche Volk so schrecklich herabgestürzt? Weil es kein inneres richtiges Gleichgewicht gehabt hat. Der Bismarksche Bau war doch zu künstlich konstruiert, zu wenig ho­mo­gen. Der preußische Kopf hat mit dem süddeutschen Bierherzen nicht gut har­moniert. Dann gab es zu viel Bureaukratie und Militär, dagegen zu we­nig freie Bürger, und diese allein geben einem Staatswesen Halt. Man denke an die ungeheure Zähigkeit Frankreichs, das eben einen freien, starken Bür­gerstand hat und nicht so marxistisch durchwühlt ist.

Ja, der Marxismus hat die deutsche Macht zugrunde gerichtet. Frankreich hat sich gegen Feindesdruck und Menschenverluste zäher er­wiesen als Deutschland.

*

Auch in andren Ländern üben die Marxisten den doppelten Verrat. An der vaterländischen Idee und an den eigentlich kommunistischen Arbeitern. Sie treiben mit der eigentlichen roten Garde ein Doppelspiel: den Kapi­ta­listen schildern sie diese als Wauwau, den nur sie bändigen können, und andrerseits verleugnen sie die Prinzipien der roten Garde und halten diese nieder. Aber die Marxisten irren sich: zum Schluß siegt entweder die rote Garde wie in Rußland oder das Bürger- und Bauerntum.

Die Marxisten essen kurze Zeit an der Staatskrippe und sind dann für im­mer abgetan. Und ihre eigentliche Zuchtrute sind die Kommunisten.

(20. Dezember 1918)

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