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Weltspiegel vom 1.4.1925

Gibt es etwas Undankbareres als diese Entente? Vom frühen Morgen an, beziehungsweise 11 Uhr vormittags bis – oft genug – in die Mitternacht senden wir ihnen „Hallo, Hallo! Hier Radio Wien“ eine schier unendliche Perlenkette, das Beste, was deutsches Wort und Sang seit Jahrhunderten schuf, auf „Welle 530“ eifrigst, unermüdlich zu – nach London wie nach Paris, nach Rom und Kopenhagen… Das Echo aber?… Wir fühlen die Wassersuppe, die sie uns als Revanche in Genf auskochen, in allen Gliedern, vor allem aber in dem eine bessere Kost erhoffenden Magen. Verzeihung für diese problematische Blumensprache; aber, wird man immer wieder aufgefordert, sich den kurzen Leibriemen noch enger zu schnallen, dann geh’n auch dem wohlgemutesten Dichter die Frühlingslieder aus. Aus dem Weltspiegel, in den er forschend hineinblickt, sieht ihm ja nur immer wieder ein unterernährtes Antlitz entgegen, das es anscheinend noch immer nicht begreift, daß die nun das dritte Jahr währen de Hungerkur eine „Sanierung“ des armen Kleinösterreichs bedeuten soll. Eine verrückte Welt, in der die Menschlein rein darauf erpicht erscheinen, sich das ohnedies so kurze Dasein so schwer als möglich zu machen. Der einzig schöne Moment unseres heiligen Jahres erschloß sich dem begeisterten Blick, Ohr und Herzen bei dem „Gschnasfest“ im Wiener Künstlerhaus. Wahrhaft, nur phantasiereiche Künstler von Gottes Gnaden vermögen es, die irdische Wirklichkeit mit so goldenem Humor zu färben, daß an vor eitel Licht und Glanz, Lebenslust und –freude die dunkle Wirklichkeit in alle Regenbogenfarben getaucht sieht und empfindet. Leider nur eine Nacht in den zurückgelegten und noch bevorstehenden und noch problematische Tagen im Jahre des Heils 1925. Weiterlesen

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Weltspiegel vom 1.3.1925

Unser liebes Ländchen war bekanntermaßen schon als glorreiche Monarchie das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Als – leider nur zu oft – total mißverstandene Republik haben sich in dieser die Zustände alles eher als verändert; vielmehr könnten wir berechtigtermaßen bei uns ein altes Sprichwort bezeichnendst variieren: „Kommt Zeit, kommt Unrat“. Das Ausgefallenste, zur unrichtigsten Zeit zu produzieren, scheint offenbar unser unerschütterliches Prinzip. Endlich und glücklich soweit durch und durchsaniert, daß wir effektiv nicht mehr vom Fleck können, also mehr als je auf das Wohlwollen unserer Gläubiger und Pumpiers  angewiesen, halten es einige, leider prominente Persönlichkeiten für angezeigt, sich – just in diesem kritischen Moment – an die bestgehßten Gegner unserer einzigen Retter vor dem Totalkrach … anzubiedern. Natürlich, ob des famosen Berliner Besuches unserer Patentteutonen – bereits da das Echo von der Seine und Themse – ausklingend in dem nur zu motivierten Refrain: „Erst zahlen, dann schreien.“ Oder glauben etwa die beiden hohen – endlich und schließlich denn doch – in „Anschluß“ Reisenden der nicht so hochgeschätzten und leistungsfähigen reichsdeutschen Firma so besonders willkommen zu sein – gerade jetzt als Filiale?… Wir glauben es nicht… Unsere werten einstigen Waffenbrüder haben – ebenso wie wir –  augenblicklich ganz andere Sorgen. Aber, in dieser Hinsicht sind wir groß… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.1.1925

Jede deutsche Großstadt – und in künstlerischer Hinsicht ist und bleibt Wien doch immer wieder das Capua der Geister – hat neben ihrem Museum und dergl. auch ihre Künstlerstüberl, und just dort trifft man unerwartet auf Schätze, die für den Liebhaber dasselbe bedeuten wie für den Forscher eine Tutankamensche Graberschließung. Jeder Wiener kennt das alte, gemütliche Café Stadtpark, den wenigsten dürfte es bekannt sein, daß ein Nebenstüberl dieses beliebten Grand-Cafés eine Musterkollektion heiterster Originalgemälde der Künstlerzunft „Die Hand“ birgt, die für den Kenner eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges bedeuten. Bekanntlich vereint „Die Hand“ „just ein Dutzend“ namhaftester Wiener Maler und Bildhauer in ihrem Bunde, die sich hier auch als Meister der Karikatur glänzend bewähren und uns in heit’rer Betrachtung über ein Stündchen unseres jetzt meist trüberen Daseins hinweghelfen… Und nebstdem – „gratis“ – in unseren gegenwärtig ach so teuren Tagen. Weiterlesen

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Ein Schabernack.

Von Henri Duvernois. Autorisierte Übersetzung von Alice Sobersky-Neumann.

M. Arsene Reboitteaux war geizig, schmutzig geizig, unbändig geizig.

„Als Bettler könnte ich heute herumlaufen, wenn ich auf die Anderen gehört hätte“, pflegte er zu sagen. Er hatte 30.000 Francs Rente, gab aber höchstens den fünften Teil seines Einkommens aus. Seine Sparsamkeit kannte keine Grenzen: er war 52 Jahre, Junggeselle. Verwandte besaß er nicht, und sein Verkehr bestand aus drei Herren, Kaufleute aus seiner Nachbarschaft, mit denen er sich jeden Abend traf.

M. Reboitteaux hatte sein Geld nicht selbst verdient, aber er hatte es zusammenzuhalten gewußt, was seiner Ansicht nach viel schwieriger war. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.12.1924

Es war einmal – erzählt die Mär – ein Capua der Geister, eine Stadt der Lieder am schönen blauen Donaustrand. Das war einmal, und daran erinnern sich jene Wiener, die zumindest ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben, die noch heute mit stiller Wehmut und auch Dankbarkeit für das gütige Geschick, das sie noch die Blüte der Hofbühnen und des Wiener Männergesangvereins miterleben und –genießen ließ. Die Zeiten haben sich geändert, Das Burgtheater – traurig aber wahr – steht heute überhaupt nicht mehr an erster Stelle der Wiener, geschweige denn deutschen Sprechbühnen; die Staatsoper jedoch ist – verzeihen Sie das harte Wort – zum Starhäuschen geworden, dessen seltensten Vögel ihre kostbaren Töne nur ausnahmsweise am Opernring, zumeist aber jenseits des großen Wassers in den valutastarken „Vereinigten“ ertönen lassen. Wien, die musikalische Hochburg, steht vor der permanent akuten Gefahr, sein zweites – das Opern-Volksheim zu verlieren… Hier aber wieder ist es die Schlange der Lustbarkeitssteuer, die sich erstickend um die Lebensfähigkeit all dessen windet, was eben Wien vorher zum geistigen und künstlerischen Mittelpunkt der gesamten Kulturwelt machte. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.11.1924

„Schuster, bleib bei deinem Leisten“ oder „Man soll nicht extemporieren“. Der ergebenst Gefertigte schrieb – und dies unter seinem effektiven Namen – an Spitze dieses Blattes in der letzten Nummer an Stelle der eingebürgerten „Wiener Spaziergänge“ einen – wie nennt man es doch? – Kunstartikel. Er wird es nie wieder tun. Die schlichtesten anzüglichsten Witze verzeiht man einem Professional-Humoristen, aber – wehe ihm! – greift er einmal, statt mit satyrisch gespitzter Feder, mit derberer Faust in ein unantastbares Wespennest“… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.9.1924.

Nachdem wir in Wien den effektiven Krieg langsam aber sicher  – Gott sei Dank –  vergessen hatten, wurden wir von Allen, die bei der Auffrischung dieser tragischen Reminiszenzen etwas zu erreichen oder zu verdienen hoffen, demonstrativ daran erinnert, daß Wien just vor zehn Jahren das höchste Jubelfest beging, als die Züchtigung der Serben, der Mörder unseres Thronfolgers, „endlich“ praktiziert werden sollte. Urwüchsig, wie der Wiener schon ist, hörte man von dem Moment des Attentats an nur immer wieder eine Prophezeiung: „Wir werden uns halte wieder auf den Kopf sch… reiben lassen. Wir schimpfen, aber wir tun nichts.“ So war das allgemeine Urteil, ohne Unterschied der Parteien – obs im Offizierskorps war, ob im Kaffeehaus oder Gasthaus, ob beim Fleischhacker oder Greisler – am meisten schimpfte unser Schuster. Doch ich will ihn nicht kompromittieren, denn heute ist er Betriebsrat… Schwamm drüber! Also heute sind wir abermals auf dem Standpunkt „Nie wieder Krieg!“ Ganz unsere Meinung! Aber gibt’s überhaupt einen halbwegs logisch denkenden Menschen, der es für denkbar hält, daß ohne den Thronfolgermord und der ersten Kriegserklärung just Österreichs der Weltbrand vermieden worden wäre? So etwas wird gewiß nicht einmal die Berta Suttner oder Herr Austerlitz behaupte… Diese Explosion hätte kein Kaiser oder König, kein Papst oder Präsident aufgehalten. Vielleicht verzögert… Und von diesem Standpunkt aus erscheint die Sarajevoer tötliche Operation in ganz anderem Lichte. Man bedenke – der Ausgang der Katastrophe war durch das Kräfteverhältnis der Gegner von Haus aus gegeben – der unhaltbare Zustand wäre auch weiterhin balanziert worden. – Einmal mußte es ja doch zum Krach kommen. Ohne der erfolgreichen Wirksamkeit Principes und seiner Hintermänner, vielleicht noch ein halbes Jahrzehnt später – und die Folgen? Wir säßen noch heute drin in den Schützengräben oder im Dörrgemüse. Jeder Nicht-Steinhofer aber – ob rot oder schwarz, ob schwarz-gelb oder schwarz-weiß-rot – der sich nochmals einen solchen Rummel wünscht, ist kein Mensch, sondern, wie wiederum der Urwiener sagt, „ein Viech“! Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.8.1924.

So schwer es just dem Wiener Spaziergänger fällt, seinen diesmaligen Rekognoszierungsbericht mit der Konstatierung einer ausgesprochen betrübenden Tatsache zu eröffnen – er kann nicht anders – So wahr ihm Gott helfe… Also kurz und gut – im Prater stinkts – stinkts derart, daß man sich in der herrlichsten Allee der Erde auf die Hügel des Laaer-Berges versetzt fühlt, von welchem bekanntermaßen an hundert Schlote ihre Teer-, Petroleum- und sonstigen Dämpfe zum Arsenal herabwälzen. Ganz ungleich, jedoch – weil hier absolut unerwartet – um so empfindlicherer Weise tritt einem bereits am Praterstern penetranter „Gstanken“ entgegen, der sich beim Betreten der Hauptallee aufs schier Unerträglichste steigert. Alles unter der Devise: „Abwehr des Staubes“. Unter diesem Feldruf wurden und sind die Praterhauptallee und alle in sie einmündenden Fahrstraßen mit einer stets wieder erneuerten Erdölschichte bedeckt, die einem direkt in diesem einstigen Wiener Paradiese den Atem behemmt. Aber nicht nur in der Hauptallee allein – auf Kilometer Umgebung stinkt sich dieses mißlungenste Experiment kommunaler Fürsorge aus. Wie und wohin, hängt nur von der Richtung des Windes ab. – Weht er von Osten, triffts die Praterstraße – von Westen das Donaugelände bis an den Spitz – von Norden die Praterwiesen bis an den Kanal – und herrscht eine Luftströmung von Süden, so taucht sie den Wurstelprater bis zur Ausstellungsstraße in einen tiefen Petroleumodeur, gegen den die früheren milden Akazien- und Lindendüfte vergeblich ankämpften. Also – Gnade ihr Herren da droben, schleunigst weg mit dem übelriechenden neuen und Rückkehr zum alten Bewässerungssystem, bevor den Wienern der beliebteste Sonn- und Feiertags-Ausflug und Aufenthaltsort verleidet und unmöglich gemacht wird. Weiterlesen

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Wiener Sommer 1924.

Nach Hochgebirg und Strand das gleiche Sehnen,
Zumeist von Leuten, die nie viel gespart.
Die Börse wollt’s, daß vielen jetzt von jenem,
Wa raschest sie verdient (!) genommen ward.

Das sind die neuen Armen… Nun, der Gatte
Paßt resigniert sich dem Verhängnis an,
Doch die Gemahlin will, was sonst sie hatte,
Und tun und lassen, was sie sonst getan.

Und herrschen materielle trüb’re Schatten,
Sucht sie – soweit sie reizend noch erscheint –
Sich statt des neuen ärmern Kronengatten
Einen valutastarken Reisefreund.

Vielleicht macht wieder bessere Geschäfte
Der Mann, wenn sie vergnügt im Bade weilt,
Dann widmet rückgekehrt sie Lieb’ und Kräfte
Dem Gatten legitim und ungeteilt.

Das Wiener Lied von anspruchsloser Treue
Klingt heut wie einst so süß und engelsschön,
Auch nun blüht hier die Liebe stets auf Neue,
Kommt nur drauf an, wie just die Kurse stehn.

N. Ada Sixtus.

(1. August 1924)

 

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Wiener Spaziergänge vom 1.6.1924.

Niemand ist so stolz darauf, in seiner Vater- und Heimatstadt Wien die Namen erlauchtester Geister in jeder Richtung wie auf allen Gebieten verzeichnen zu können, wie der ergebenst gefertigte Wiener Spaziergänger. Zu diesen geistigen Kapazitäten zählt zweifellos in erster Reihe der gegenwärtige städtische Finanzminister Breitner. Warum just diesem ein jeder Spaziergänger seine – nennen wir es – Bewunderung, nicht versagen kann? Weil gerade dieses Finanzgenie der erfolgreichste Förderer unserer Fußgeher geworden, denn mit der Wiener – lies! Breitners – Straßenbahn fährt unbedingt heute nur, der es absolut tun muß. Leider Gottes sind alltäglich Hunderttausende Wiener ausschließlich auf dieses Transportmittel angewiesen, und der städtische Mathematiker versteht es wie kein zweiter, dieses ernste Faktum auszupressen für sein kommunales Budget… bis zur Bewußtlosigkeit. Im vollen Sinne des Wortes. Die Anzahl der kreierten Züge ist relativ derart gering, daß unsere Straßenbahnzüge weniger für den Personenverkehr bestimmten Waggons mit einer festgelegten Anzahl von Sitz- und Stehplätzen gleichen als Käfigen für lebendes Material, das – sei es wie immer – neben-, zwischen-, auf- und untereinander im Innenraum, auf den Plattformen – an Sonn- und Feiertagen auch auf den Puffer – eingeschlichtet, hängend und angeklammert erscheint. Preis einer solchen Vergnügungsreise nur 1700 Kronen. Nun, wie Gott will! Eines Ruhmes ist der hohe Arrangeur und Rechenkünstler sicher: Schon um dieses Verdienstes für seine Mitbürger zählt er heute zu den populärsten Wienern. Sein Namen – auch ansonsten nicht selten genannt – schwebt geradezu jedem Straßenbahnbenützersmunde, und wenn ihm und Direktor Spängler, seinem ausübenden Organ, so oft die Ohren läuten würden, als ihrer in allen Tagesstunden gedacht und auf der Tramway erwähnt wird… ihre Trommelfelle wären hin, oder beide leidtragende Funktionäre längst in dem Luftkurort der Endstation des 47er Wagens. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.5.1924.

„Im wunderschönen Mont Mai – da alle Knospen sprangen – da ist die Lohnkämpferei – von neuem losgegangen.“ Man muß es unsern Wienern – mehr oder weniger berechtigt – aber immer Unzufriedenen lassen: Was anderenorts zeitweise eintretende sensationelle Episoden bedeuten, ist „bei uns Wienern“ bereits in ein gewissen „System“ gebracht worden. Unsere voraussichtlichen und tatsächlichen Streiks treten auch nicht gleichzeitig auf – alles in einer gewissen Reihenfolge, die geradezu als vorbildlich für ein „überhaupt nicht mehr zur Ruhe-kommenlassen“ bezeichnet werden muß. Hören die Bankbeamten auf, beginnen die städtischen Angestellten mit ihren erhöhten Lohnforderungen, die dann wiederum von den Bundesangestellten abgelöst werden. Post, Telegraph und Eisenbahn arbeiten zielbewußt mit, während die Lohnbewegungen in sämtlichen Industriezweigen in gleich permanenter Abwechslung, quasi den Unterton bilden für das stete Gefühl der Unsicherheit, das ein Charakteristikon unserer nun eineinhalbjährigen Sanierungsperiode bildet. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.4.1924.

Ein böser, bittrer Winter war es, den wir hinter uns haben – ganz abgesehen von dem schier unerschwinglichen Heizmateriale und dem Aufsitzer mit dem großen Meister Poiret, der französische Kostüme, Seidenhemden und Parfüms versprach und Basthüte von der Gallerie des Konzerthauses herabwerfen ließ, um welche sich seine begeisterten Verehrerinnen wie die Kinder rauften. Auch der Prozeß Kadivetz hielt nicht, was er versprochen, sintemalen ja alle interessanten Details hinter Schloß und Riegel verhandelt wurden. Ebensowenig befriedigte der dreiwöchige Bankbeamtenstreik die guten Wiener. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.4.1924.

Wien ist, war und bleibt die erste Operettenstadt des Erdballs, worauf wir auch nicht wenig stolz sind, insoferne es sich um die „Musik“ handelt: problematischer scheint dieser Weltruf bezüglich der Libretti, die eigentlich – wie etwa ein jedes Akrostichon – irgend einen Blödsinn direkt herausfordern, der dann unter melodischer Begleitung in die Welt hinausflattert, nicht selten wie ein zähes Beefsteak mit schmackhaft pikanter Garnierung. Bedenklich gestaltet sich freilich solch ein Arrangement, wenn das Quellengebiet dieses Übels allmählich dem Ursprungsort das Charakteristische eines Schildas oder Krähwinkels verleiht, wo sich bekanntermaßen so viele Szenen abspielten, die die betreffenden Orte mit dem unvertilgbaren Rufe chronischer – wie sagen wir doch anstatt des anzüglichen Trottelismus? – also anscheinend zeitweiser Geistesabwesenheit belasten. Wir spielen hier nicht etwa auf den famosen „Kampf am Kahlenberg“ unserer gewiß so gut als möglich ausgebildeten Wehrmacht an. Gewiß waren – nach altem bewährten Muster – alle nötigen Vorsorgen für den glücklichen Verlauf getroffen – war doch fast unser gesamter Generalstab für diese Festvorstellung auf den Feldherrnhügel entboten, und das Gefecht der Brigaden „Wien und Klosterneuburg“ höchstselbst von dem Heeresminister und Inspektor als glänzendes Resultat in einem Armeebefehl festgenagelt worden. Neu erschien nur, daß sämtliche Wiener Tagesblätter spaltenlange Berichte über dieses kriegerische Ereignis brachten, in welchen sich ihre Militärfreundlich- oder –feindlichkeit voll austoben konnte. Freilich, alte Militärs, die derartige Übungen alljährlich dutzendweis mitgemacht, schüttelten ob dieses Klimbims erstaunt die grauen und kahlen Häupter, so wie beim Wiedereinmarsch der Sieger in Wien, insbesondere jenes Infanteriezuges, der mit klingendem Spiel durch die Wollzeile zog – voran der Regimentstambour – hinterdrein der Bagageleiterwagen und die Gulyaskanone. Ja, ja, a Hetz’ muß sein! Man darf nur nicht alles zu schwer nehmen und nicht unter dem ersten Eindruck – sondern auf eine gewisse Distanz betrachten, die einem ein umfangreicheres Urteil gewährleistet. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.5.1923.

Wir müßten lügen, wenn wir just die gegenwärtigen Promenaden im wunderschönen Monat Mai durchwegs so anmutig finden sollten. Vielleicht hinaus in den Wiener Wald, insolange dort keine scharfen Schießübungen abgehalten werden… Problematischer ist der Überblick im Bereiche der Wiener Bezirke zur Zeit unserer erneuerten Teuerungswelle, die wir wohl passender als Teuerungssturmflut bezeichnen könnten. Ein kleineres, aber recht markantes Moment im eigenen Haushalt spreche für unsere momentane Finanzlage. Der Gasmann, beziehungsweise dessen städtische Monatsrechnung ist abgefertigt und beglichen. Kaum ist er draußen, erscheint der Elektrizitätsmann mit seiner Monatsanforderung. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.5.1923.

Im wunderschönen Monat Mai,
Da alle Knospen sprangen,
Sind alle Preise auch auf’s Neu
Wie nie hinauf gegangen.

Kein Wunder! Die Warenumsatzsteuerknospen, die uns der erste April bescherte, konnten ja – so wie sie platzten – absolut auch keine anderen Konsequenzen tragen, als jene, die naturgemäß eingetreten sind. Der höchste Rekord wurde sotaner Weise erzielt. Ein Kilo Kalbfleisch um 50.000 Kronen haben bis nun die Wiener weder gekauft noch verzehrt. Daß sie solches tun – nämlich diejenigen, die’s können, – ist nicht so wunderbar; um so wunderbarer aber ist’s, daß sich die guten Wiener über diesen unausbleiblichen Werdegang so sehr wundern… Wunder gibt’s nämlich überhaupt keine. Setz ich heute einen Samen in gutes Erbreich, so strebt er als Pflanze, Strauch oder Baum zum Licht, und die Früchte einer solchen Besamung heißt’s eben – wenn man nichts anderes erhält – zu jedem Preis in den Haushalt aufnehmen. Natürlich spreche ich nicht vom Kalbfleisch… wer’s kauft, kann’s tun oder bleibt’s schuldig. Steigen aber alle Preise infolge einer Staatssteuer um 20 bis 30 Prozent, so werden die Lebensmittel dementsprechend gleichfalls teuerer, infolgedessen wächst selbstredend auch der Index und die Staatsauslagen, was wiederum neue Steuern und Zölle nach sich zieht. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.3.1923.

Ich habe einen alten Freund, dessen Namen oder Pseudonym ich oft in hiesigen oder reichsdeutschen, was aber gegenwärtig noch mehr bedeutet, auch in Prager und Brünner Blättern lese. Letztere sind momentan die feuilletonistisch Meistbedeutendsten – nämlich für den Einsender. Die Kunst geht – jetzt wie nie vorher – nach Brot. Dieses ist bei den Wiener Honoraren überhaupt nicht, bei den Berliner und Münchnern mühsam, bei den Deutschtschechoslowakischen jedoch mit Butter-Valuta zu haben und auch demgemäß einzuschätzen. Bisher bedeutete die Aufnahme einer Novelette in „Jugend“ oder „Simplizissimus“ ein früheres Adelsdiplom. Jetzt wiegt eine Skizze in der „Bohemia“ zumindest 100 derartiger Befähigungsnachweise auf. Wenn auch nicht nach künstlerischen und Fachbegriffen, so doch nach gegenwärtiger Währung… Doch ich schweife ab… Ich habe einen alten Freund, der ganz nett schreibt, über dessen Produkte die p. t. Leser, so wie er es beabsichtigt, lachen oder weinen, und der auch allmählich anerkannt wird. Mit sechzig Jahren pflegt das in Wien oft der Fall zu sein. Nebstdem ist besagter Autor nicht ganz auf das Zeilenhonorar oder dergleichen angewiesen. Gott sei Dank! und Unberufen! Somit einer von den wenigen, die es nicht gerade unbedingt brauchen. Somit eine unparteiische Stimme, die auch Zeit genug hatte, sich über unsere Wiener Journalistik unbefangen zu äußern. Nun – in der naheliegenden Absicht eines Wiener Spaziergängers, seine Schritte auch in unsere Schriftleitungslokale zu lenken – ersparte ich mir insoferne diese Mühe, als ich mich an vorerwähnten Vielerfahrenen mit der präzisen Frage wendete: Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.1.1923.

Nehmt alles den Wienern, setzt ihm das Notwendigste in – Frage, – bedroht seine Nahrung, Kleidung und Wohnung, ihn selbst mit dem Verhungern oder Erfrieren – nur raubt ihm das Eine nicht: „Seine Hetz“, die will und muß er haben! In welcher Form immer. Sei’s mit an Raubmörder, dem’s an den Kragen geht, mit einer Tänzerin, bei der man morgens früh noch nicht weiß, ob ihr die Polizei am Abend das Tanzen erlaubt oder nicht, sei’s eine rote, schwarze oder Demonstration des auserwählten Volkes – eine Volksversammlung oder Theaterpremiere, bei der voraussichtlich „“g’raft“ wird, ein oberkommandierender Rektor, der von seinen Schützlingen eine Defilierung abnimmt, beziehungsweise seine jüdischen Schüler dezimieren will; sei’s – wenn schon die Lebenden versagen – die Beunruhigung der Toten in Bezug auf ihre Lieblingsbestattung. – Die Hauptsache ist und bleibt: „A Hetz“ muß sein, und ein Brocken muß dem Wiener hingeworfen werden, in den er sich kräftigst verbeißt. Jetzt erzählt man dem – bald hätte ich gesagt dummen Kerl – also dem Bürger von Wien, daß wir endlich und glücklich das Ärgste überstanden haben und daß jetzt die bessere Zeit beginne. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.1.1923.

»PROSIT NEUJAHR!«

Ein recht frohes, gemütliches, glückliches, hunger- und frostfreies „Neues Jahr“ wünscht im Namen der Schriftleitung sowie im eigenen an ihren und seinen – wie man sagt ­schönen Leserinnen und geneigten Lesern der ergebenst gefertigte alte Wiener Spaziergänger. Er kann dies um so leichter tun, da ja das Jahr des Heils 1923 mit allen Anzeichen künftigen Wohlergehens hereinbricht. Der Kredit ist in Sicherheit, neue Wahlen werden uns noch im nahenden Lenz über die eigentliche Volksmeinung und -richtung zweifellos aufklären, und just jetzt fällt der Index wie der Wiener auf dem Glatteis seines ungekehrten Trottoirs. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.12.1922.

„Stille Nacht, heilige Nacht,
Ach! Wie bist du jetzt verkracht…“

Wär’s nicht so traurig… es wäre zum Lachen, welcher Trauerpfade das Wiener Christkindel im Jahre des Unheils 1922 zu wandeln gezwungen ist, mit dem einzigen Trost: mindester Gabenbelastung. Ach! Auf welch kleine Rationen mußte der Weihnachtsmann seine Rationen heuer restringieren; wie spärlich des Tannenbaums sonst so hellstrahlenden Kerzen und Lichtlein, und, unter demselben, wie ärmlich die Gaben, sonst so hoher Quantität wie Qualität! Ja, du lieber Gott! Unsere Reichen sind bedürftig, unsere Wohlhabenden arm geworben, Kleider und Wäsche zum Luxus, und die Millionen, die jetzt eine Familie allmonatlich mühsam verdient, sie reichen ja kaum für die spärliche Nahrung. Just dies ja aber ist das Groteske: Der minimal bezahlte Beamte ist – seinem Jahreseinkommen nach zum Milliardär geworben, wer noch über eine halbwegs brauchbare Wohnungseinrichtung verfügt, zum o! wievielfachen – Millionär. Am deutlichsten aber spielt sich diese unheimliche Komödie an jenen Jahrestagen ab, wo der arme reiche Hausvater in den Säckel greifen soll, seinen Schutzbefohlenen einen Freudentag von annodazumal vorzutäuschen, wo um zwei Kronen die schönst adjustierte Puppe in tausend farbenreichen Exemplaren zu haben war… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.11.1922.

Wenn wir unseren in- und ausländischen Lebensrettern, sowie den Tagesberichten unserer Blätter glauben dürfen, so beginnt demnächst für den hoffnungsfrohen Wiener die schwerste Zeit. Das kann ja schön werden. Wahrscheinlich waren die fünf Kriegsjahre nur „Hetz“ – die Zeit des Zusammenbruches nur „a Gspaß“, und die folgende Frist, in der uns Zeit und Gelegenheit wurde, uns Nahrung und Kleidung allmählich abzugewöhnen, ein gemütlicher Übergangstermin zu den nun kommenden Monden, respektive zwei Jahren unserer speziellen Abhärtung. In diesem Probewinter heißt, es in Anbetracht der unerschwinglichen Beheizung und Beleuchtung, auch diese Gewohnheiten abzustreifen, beziehungsweise gestattet der vielversprechende Sanierungsplan wohl nur den Multimillionären den unmittelbar bevorstehenden Mietzinsforderungen entsprechen zu können. Wie hoch sich diese belaufen werden… hierüber tauchen alltäglich neue Schreckensnachrichten auf. Als Einheit gilt der Friedenszins. Der Mieter braucht denselben nur mit so viel hundert oder tausend zu multiplizieren, als die heilige Dreieinigkeit Stadt, Staat und Generalkommissär vorschreiben – und kann er, der Mieter, dann das Produkt dieser Multiplikation begleichen, dann kann er in der innehabenden Wohnung verbleiben. Ist’s ihm nicht möglich… Was dann?… In diese problematische Lage dürften jedenfalls mehr als 90 Prozent der Wiener Mieter geraten. Somit hat die gestellte Frage immerhin einige Berechtigung. Eines aber sieht selbst der Optimistischeste ein: Das Heilungsverfahren wirkt, zumindest in seinen unmittelbaren Folgeerscheinungen, einigermaßen beängstigend. Weiterlesen

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