Schlagwort-Archive: Fleischnot

Wiener Spaziergänge vom 1.7.1924.

Ein ereignisreicher Monat, der verflossene, sowohl für Wien, sowie für unser geliebtes Vaterland, und wahrlich schwer wird es für den unbefangenen und parteilosen Wiener Spaziergänger, die einschneidenden Ereignisse auch in einem Witzblatte mundgerecht zu registrieren. Sieht und liest doch jeder Leser just derart Sensationen durch seine eigene Brille. Als ich einen bekannten politischen Journalisten bezüglich der Konsequenzen des Kanzler-Attentates interpellierte, erwiderte er: „Bisher 128 Zeitungsspalten, ich hoffe aber noch auf das Doppelte.“ Auch daß unter den Kondolenten des Schwerverletzten die Herren Dr. Deutsch und General Körner als Erste miteintrafen, ist ebenso wenig zu verwundern als das tiefe Beileid der israelitischen orthodoxen Kultusgemeinde zu dem betrübenden Ereignis. Wollen doch Berichterstatter, die das Gras wachsen hören, von allenfalls stillen Wünschen diverser Erbanwärter aus der ansonst nächsten Umgebung des Kanzlers etwas vernommen haben. Zweifellos Ausgeburten der Phantasie solcher Erdachsenschmierer. Derart Hoffnungen und Wünsche treten gewiß nicht über die Lippen eines etwa auf eine Erbschaft Rechnenden. Wir möchten auch – zumindest im gegenwärtigen Moment – niemand um eine solche beneiden. Zu viele eingebrockt unverdauliche Suppen sind just jetzt noch auszulöffeln. Neue Preissteigerungen sprießen empor aus einer, vielleicht zu rasch gesäten Saat, ausschließlich in dem Wunsche, nur das Genfer Juniexamen genügend abzulegen. Das neue sogenannte endgültige Besoldungsgesetzt für die Rangsklassen von General und Hofrat aufwärts – alles Niedere erhält ein wenig oder gar nichts mehr, den Niedersten und Pensionisten wird ihr bisheriges Einkommen noch gekürzt. Also, dieses humane Programm – vielleicht dem Völkerbund ganz wohlgefällig – dürfte den Wiener hiefür Verantwortlichen noch manch harte Nuß zu knacken geben. Nur ein Schulbeispiel… für alle, des Steuermanns unseres Staatsschiffes gerade gegenwärtig noch harrenden Stürme und Klippen… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.5.1923.

Wir müßten lügen, wenn wir just die gegenwärtigen Promenaden im wunderschönen Monat Mai durchwegs so anmutig finden sollten. Vielleicht hinaus in den Wiener Wald, insolange dort keine scharfen Schießübungen abgehalten werden… Problematischer ist der Überblick im Bereiche der Wiener Bezirke zur Zeit unserer erneuerten Teuerungswelle, die wir wohl passender als Teuerungssturmflut bezeichnen könnten. Ein kleineres, aber recht markantes Moment im eigenen Haushalt spreche für unsere momentane Finanzlage. Der Gasmann, beziehungsweise dessen städtische Monatsrechnung ist abgefertigt und beglichen. Kaum ist er draußen, erscheint der Elektrizitätsmann mit seiner Monatsanforderung. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.5.1923.

Im wunderschönen Monat Mai,
Da alle Knospen sprangen,
Sind alle Preise auch auf’s Neu
Wie nie hinauf gegangen.

Kein Wunder! Die Warenumsatzsteuerknospen, die uns der erste April bescherte, konnten ja – so wie sie platzten – absolut auch keine anderen Konsequenzen tragen, als jene, die naturgemäß eingetreten sind. Der höchste Rekord wurde sotaner Weise erzielt. Ein Kilo Kalbfleisch um 50.000 Kronen haben bis nun die Wiener weder gekauft noch verzehrt. Daß sie solches tun – nämlich diejenigen, die’s können, – ist nicht so wunderbar; um so wunderbarer aber ist’s, daß sich die guten Wiener über diesen unausbleiblichen Werdegang so sehr wundern… Wunder gibt’s nämlich überhaupt keine. Setz ich heute einen Samen in gutes Erbreich, so strebt er als Pflanze, Strauch oder Baum zum Licht, und die Früchte einer solchen Besamung heißt’s eben – wenn man nichts anderes erhält – zu jedem Preis in den Haushalt aufnehmen. Natürlich spreche ich nicht vom Kalbfleisch… wer’s kauft, kann’s tun oder bleibt’s schuldig. Steigen aber alle Preise infolge einer Staatssteuer um 20 bis 30 Prozent, so werden die Lebensmittel dementsprechend gleichfalls teuerer, infolgedessen wächst selbstredend auch der Index und die Staatsauslagen, was wiederum neue Steuern und Zölle nach sich zieht. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.4.1923.

Was Einem nicht manchmal träumt? Gott sei Dank, daß zumindest Träume nicht konfiszierbar und auch steuerfrei sind! Aber, ich will gleich erzählen. Also mir träumte: Ich stehe des Morgens auf, gehe an meinen Schreibtisch, um den Tag am Abreißkalender abzublatteln – darauf aber steht nicht „1923“ sondern „ausgerechnet 5432.“ Zuerst glaube ich, ich hätte einen jüdischen Kalender vor mir, aber dem war nicht so. Ich erwachte und stand effektiv im 55ten Jahrhundert. Ein Blick hinaus zum Fenster genügte. Die Menschen flogen, nicht in Flugzeugen, nur so auf der Straße herum. – Hoch droben schien der Weit- und Paketflugverkehr eingerichtet – und als ich dann herunter kam, stand am nächsten sonnegeheizten „Heißen Würstelstand“ das Parl samt Schusterleibel um „5 Kreuzer“ angetafelt. Das freute mich sehr; ich nahm es aber als etwas ganz selbstverständliches, so wie’s mich auch gar nicht wunderte, daß ich auf meinem Ringstraßenflug keinem Schutzmann begegnete. Die Leute schienen schon selbst zu wissen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Was ich sofort vermißte, war das Rathaus und Parlament. Also, diese Behörden u. dgl. schienen auch abgeschafft. Hingegen war der dortige gesamte Komplex für „Lehr- und Lesehallen“ eingerichtet. Trotzdem auch orientalische Physiognomien, überhaupt alle Rassen von Hörern vertreten waren, ersah ich an der Aufschrift, daß dies die Wiener Universität sei. Und, schon stand ich auch in der mir wohlbekannten Bibliothek, die nur um das etwa hundertfache der jetzigen erweitert schien. Ich fand das alles ganz selbstverständlich, ebenso, daß vor mir eine uralte noch ganz wohlerhaltene „Chronik der Stadt Wien“ zu Zeiten der Republik Österreich lag, in der ich ebenso neugierig als erstaunt folgende ganz unwahrscheinliche Schilderung las: Weiterlesen

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Meine Buben

sind furchtbar ehrgeizig. Einer will Hofrat werden, der andre General, der dritte will sogar Fleischselcher werden.

(1. Juni 1918)

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Fleischnot.

Ja, ja, die Not der Zeit ist hart,
Statt Taten lauter Wörter
Und was wohl noch viel schlimmer ist,
Manch’ Schädl ist noch härter.

Die Einkaufsnot steigt immer mehr,
Die Möglichkeit wird kleiner.
Die Hausfrau klagt: Man nehme, heißt’s,
Woher jedoch sagt keiner.

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Die neue Modelinie.

Eine Frau Gret-Kalous eröffnet demnächst in der Corneliusgasse eine neue Modeskizzen-Ausstellung und die geschwätzige Claire Patek schildert schon heute die „neue Modelinie“, die dabei z. B. bei den „aparten Abendkleidern mit Phantasie-Orektoireüberwürfen“ und den neuen „Tunique-Kombinationen“ zum Aus­druck kommt. Die neue Modelinie soll vom Hals bis zu den Fußknöcheln mit dem Lineal nachgezogen werden können; keine Erhebung, nur Senkungen liegen darunter, auch hinten ist „gerade“ Trumpf. Sobald die Großschlächterei die Preise auf 15 Kronen für das Kilo Hintere erhöht hat, also voraussichtlich in einigen Wochen – wird die neue Damenmodelinie Vorderes überhaupt nicht mehr zeigen. Wenn das Vordere der p. t. Fleischhauer nur noch aus Knochen besteht, wird auch die hintere Silhouette der Neuheit in Röcken die gerade Linie bilden. Die Approvisionierung mit Modellen und die Kreierung von Lebensmittelpreisen gehen also Hand in Hand und Feder in Feder der Berichterstatter.

(1. Juli 1917)

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Heutiger Marktbericht.

Infolge ausreichender Dotierung der Lebensmittelmärkte waren die Vorräte be­reits am Tage zuvor vergriffen. In der Groß­markthalle stand der Fleischtag im Zeichen des fleischlosen Tages. Die Abgabestellen für Fettstoffe waren stark umlagert, das Fett jedoch infolge Abwesen­heit keinesfalls. 4000 Pakete Kriegsmargarine standen den Käufern guter Land­butter, – Im ganzen 10.000 Personen reichlich zur Verfügung. In Eiern war das Anbot sehr günstig; es waren vielfach sogar taubenähnliche (grauschwarze) Eier für billiges Geld zu haben, da die Krone, namentlich im Auslande – billiger zu haben ist. Backfische in genügender Menge, desgleichen Rindviehköpfe, die Lammfleisch erhofften. Dem Gemüsemarkt hielten sich diesmal bloß die Gärtner ferne, während das Publikum hinreichende Zu­fuhren aufwies. In Kartoffeln keine unangenehme Überraschung.

(17. Juni 1917)

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Freßlieder.

1.
Wer will haben was im Magen,
Stelle nur sich zeitlich an;
Püffe muß er wohl ertragen,
Bis die Tür wird aufgetan.

Oft heißt’s schließlich: „Nichts vorhanden“,
Ja, die Mühe ist vertan.
Dann geht ruhig man nach Hause,
Stellt sich morgen wieder an.

2.
Für Butter versprach ich die Ehe
Gleich zweien – bekam sie nie;
Bin butterlos, doch droht mir
Prozeß wegen Bigamie.

 

(27. Mai 1917)

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Wenn die Fleischhauer

nun wirklich „Staatsbeamte“ werden, so bringen sie viel Eignung für den neuen Beruf mit. So z. B. werden sie vor allem um eine – Gehaltsregulierung und Teuerungs­zulage vorstellig werden.

(20. Mai 1917)

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Zoologisches.

Der Viehstand verändert sich nicht gleich­mäßig; Rinder werden seltener, dagegen sind die Hamster recht häufig geworden.

(11. März 1917)

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Stilleben.

Was ist ein Stilleben? Wenn im Schaufenster eines Lebensmittelgeschäftes in malerischer Anordnung Äpfel, Sardinen, feine Würste, saftige Schinken etc. ruhig sich dem Auge des Passanten darbieten.

Und was ist das Gegenteil davon? Ein Lautleben, nämlich die Menge der sich davor stauenden, schauenden Menschen.

(25. Februar 1917)

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Im Diözesanblatt

wird die heurige Fastenordnung verlautbart. Als Tage, an denen man zur Enthaltung von Fleischspeisen verpflichtet ist, haben die Vigilien des Pfingstfestes etc. zu gelten. Es gibt nun aber auch Tage, an denen man mindestens bei der Abendmahlzeit Fleischsuppe und Fleisch ge­nießen kann.
Was hiemit auch wir zur Kenntnis der breiten Bevölkerung bringen.

(25. Februar 1917)

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Umbenennungen,

die jetzt notwendig geworden sind.

Fleischaufhauer statt Fleischhauer.
Teehaus statt Kaffeehaus.
Gefrierhaus statt Wärmestube.
Streckermeister statt Bäckermeister und
Sacharinbäcker statt Zuckerbäcker.

(18. Februar 1917)

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Steigerung der Höflichkeit.

Liebe Caricaturen! Dieser Tag hatte ich folgendes Erlebnis. Ging über den Graben und schenkte einem alten bettelnden Weiblein 4 Heller. Sie dankte: „Vergeltsgott, Herr Baron!“ Am Tage darauf gab ich ihr 10 Heller. Sie steigerte ihre Höflichkeit: „Vergeltsgott hundertmal, Euer Gnaden!“ – Als ich ihr aber gestern gar 20 Heller in die Hand drückte, sagte sie fassungslos vor Freude: „Vergeltsgott tausendmal, Herr Direktor!“

(Anmerkung der Redaktion: Die Frau war gar nicht so naiv. Sie dachte offenbar, im letzten Falle den Direktor eines Lebensmitteltrustes vor sich zu haben.)

(10. Dezember 1916)

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Gute Ausrede.

Ein Marktamtskontrollor erwischt eine Dame dabei, wie sie an einem Freitag Braten verzehrt. Zur Rede gestellt, verantwortet sie sich: „Ich tu nur das, was jetzt allgemein gepredigt wird; ich beginne den Übergang zur Friedenswirtschaft vorzubereiten!“

(10. Dezember 1916)

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Was ich esse.

Am fleischlosen Tag esse im selbstverständlich kein Fleisch.
Am darauffolgenden Tag esse ich, was von gestern geblieben ist.
So komme ich ziemlich gut heraus.

(12. November 1916)

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Ein schwieriges Wort.

Wir werden nun möglicherweise bald eine Reichsfleischkarte erhalten. Wenn sich die Gerüchte bestätigen, daß auf die einzelnen Fleischsorten auch einzelne Karten entfallen, so werden wir neben Reichsrindfleisch- und Reichskalbfleischkarten auch noch „Reichsreisfleischkarten“ oder „Reisreichsfleischkarten“ begrüßen.

(27. August 1916)

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Die Kunst, zu zweit zu speisen.

(Ratschläge eines Junggesellen.)

Kürzlich passierte es mir, daß ein Bekannter, der sah, wie ich in Gesellschaft eines Fräuleins ein Gasthaus aufsuchte, am Tage drauf mir erklärte: „Du mußt insgeheim ein Heereslieferant geworden oder sonstwie zu recht viel Geld gekommen sein! Es ist heute schon keine Kleinigkeit, allein anständig zu soupieren. Aber zu zweit – der Gipfelpunkt der Noblesse. Ja, ja, die Liebe – !“ … Ich mußte nun sehr lachen, da ich es besser wußte. Die behördlichen Einschränkungen schlau zu nützen, den Nachteil des Krieges zum Vorteil zu wenden – dafür habe ich eine eigene Methode, die zu Nutz und Frommen andrer Junggesellen hier verraten sei: Weiterlesen

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Der Mann als Käufer.

Nämlich als Käufer von Lebensmitteln. Er bewährt sich vorzüglich und wir wollen den P. T. Gattinnen bloß einige Winke zuteil werden lassen, wie sie sich des neuen Ge­hilfen am besten bedienen.

1. Man stecke den Ehemann in ein Touristenkostüm und schicke ihn aufs Land. Dort kaufe er alles Nötige ein und ver­staue es in einem Rucksack. Jeder distin­guierte Herr wird sich jetzt nicht schämen müssen; doch achte er darauf, daß ihm auf dem Wege über die Ringstraße aus dem Rucksack nicht neben Seilen und Steigeisen etwa fürwitzige – Kohlrabi oder Blumen­kohl herausgucken. Weiterlesen

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