Schlagwort-Archive: Lebensmittelknappheit

„Hallo! Hallo! Hier Radio Wien“

Wien’s Hochburg. Sieh! Von deren höchster Stelle
Herab im Sonnenglast ein Schimmern, Glühn,
Der Ursprung der Fünfhundertdreißiger Welle,
Die Quelle des „Halloh! Hier Radio Wien!“

Und von des Prachtbaus steilen Hochantennen
Mit einem Schlage durch den Weltraum weit
Der Widerhall von Wiener Kunst und Können
Das, unerreicht den Weltruf uns verleiht.

Horch! Einz’ger, erster, unsterblicher Meister
Vollendet vorgetragene Harmonien,
Beethovens, Schuberts, Strauß und Mozarts Geister,
Die ewig „unsern“ sinds. „Hier Radio Wien.“

Der Erdball lauscht. Weithin durch alle Lande
Tönt’s lieblich, lockend, symphonienreich:
Noch lebt die schöne Stadt am Donaustrande,
Groß in der Kunst das kleine Österreich.

Noch spendet sie, die alte Stadt der Lieder,
Dem Erdenrund die reichsten Melodien;
Nur eins vergißt nicht, reiche Erdenbrüder:
Zu Füßen der Antenne hungert Wien.

N. Ada Sixtus.

(1. April 1925)

 

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Geringschätzung.

Im Prater, Sonntag Nachmittag. Bei der Kreisschaukel gegenüber lehnt an einem Baum ein junger Mann, seines Aussehens nach Fleischergehilfe, der durch das Schaukeln offensichtlich seekrank geworden und von gewaltigen Eruptionen erschüttert wird. Sein Partner, ein abgebauter Schneidergehilfe, steht abseits auch mit etwas üblern Gefühlen, jedoch unerschüttert, und blickt spöttisch auf seinen Kollegen. Dies bemerkt der Fleischer und sagt ergrimmt: „Du kannst leicht lachen mit dem Maggi-Suppe-Erdäpfelgollaschmenü und der Ovomaltine-Jausen. Aber bei mir san zwa Rostbratl mit Beilage, 5 Buchteln und zwa Schwarze g’spritzt drunten. – Hup!“

J. G. Henger.

(1. März 1925)

 

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Wiener Spaziergänge vom 15.1.1923.

Nehmt alles den Wienern, setzt ihm das Notwendigste in – Frage, – bedroht seine Nahrung, Kleidung und Wohnung, ihn selbst mit dem Verhungern oder Erfrieren – nur raubt ihm das Eine nicht: „Seine Hetz“, die will und muß er haben! In welcher Form immer. Sei’s mit an Raubmörder, dem’s an den Kragen geht, mit einer Tänzerin, bei der man morgens früh noch nicht weiß, ob ihr die Polizei am Abend das Tanzen erlaubt oder nicht, sei’s eine rote, schwarze oder Demonstration des auserwählten Volkes – eine Volksversammlung oder Theaterpremiere, bei der voraussichtlich „“g’raft“ wird, ein oberkommandierender Rektor, der von seinen Schützlingen eine Defilierung abnimmt, beziehungsweise seine jüdischen Schüler dezimieren will; sei’s – wenn schon die Lebenden versagen – die Beunruhigung der Toten in Bezug auf ihre Lieblingsbestattung. – Die Hauptsache ist und bleibt: „A Hetz“ muß sein, und ein Brocken muß dem Wiener hingeworfen werden, in den er sich kräftigst verbeißt. Jetzt erzählt man dem – bald hätte ich gesagt dummen Kerl – also dem Bürger von Wien, daß wir endlich und glücklich das Ärgste überstanden haben und daß jetzt die bessere Zeit beginne. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.1.1923.

»PROSIT NEUJAHR!«

Ein recht frohes, gemütliches, glückliches, hunger- und frostfreies „Neues Jahr“ wünscht im Namen der Schriftleitung sowie im eigenen an ihren und seinen – wie man sagt ­schönen Leserinnen und geneigten Lesern der ergebenst gefertigte alte Wiener Spaziergänger. Er kann dies um so leichter tun, da ja das Jahr des Heils 1923 mit allen Anzeichen künftigen Wohlergehens hereinbricht. Der Kredit ist in Sicherheit, neue Wahlen werden uns noch im nahenden Lenz über die eigentliche Volksmeinung und -richtung zweifellos aufklären, und just jetzt fällt der Index wie der Wiener auf dem Glatteis seines ungekehrten Trottoirs. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.11.1922.

Wenn wir unseren in- und ausländischen Lebensrettern, sowie den Tagesberichten unserer Blätter glauben dürfen, so beginnt demnächst für den hoffnungsfrohen Wiener die schwerste Zeit. Das kann ja schön werden. Wahrscheinlich waren die fünf Kriegsjahre nur „Hetz“ – die Zeit des Zusammenbruches nur „a Gspaß“, und die folgende Frist, in der uns Zeit und Gelegenheit wurde, uns Nahrung und Kleidung allmählich abzugewöhnen, ein gemütlicher Übergangstermin zu den nun kommenden Monden, respektive zwei Jahren unserer speziellen Abhärtung. In diesem Probewinter heißt, es in Anbetracht der unerschwinglichen Beheizung und Beleuchtung, auch diese Gewohnheiten abzustreifen, beziehungsweise gestattet der vielversprechende Sanierungsplan wohl nur den Multimillionären den unmittelbar bevorstehenden Mietzinsforderungen entsprechen zu können. Wie hoch sich diese belaufen werden… hierüber tauchen alltäglich neue Schreckensnachrichten auf. Als Einheit gilt der Friedenszins. Der Mieter braucht denselben nur mit so viel hundert oder tausend zu multiplizieren, als die heilige Dreieinigkeit Stadt, Staat und Generalkommissär vorschreiben – und kann er, der Mieter, dann das Produkt dieser Multiplikation begleichen, dann kann er in der innehabenden Wohnung verbleiben. Ist’s ihm nicht möglich… Was dann?… In diese problematische Lage dürften jedenfalls mehr als 90 Prozent der Wiener Mieter geraten. Somit hat die gestellte Frage immerhin einige Berechtigung. Eines aber sieht selbst der Optimistischeste ein: Das Heilungsverfahren wirkt, zumindest in seinen unmittelbaren Folgeerscheinungen, einigermaßen beängstigend. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.11.1922.

Eines muß man unsern Wiener Streikenden lassen. Sie halten Ordnung in ihrer Zeiteinteilung. Man könnte sagen, es liegt ein gewisses System in diesem Arrangement. Hübsch eine Branche nach der anderen, damit der brave Steuerträger – wenn er durch das bezügliche Tagesereignis nicht speziell tangiert wird – zumindest allmorgens doch etwas einschlägig Neues in seinem Leibblatt findet. Nach den vorübergehenden Versuchen, uns die Straßenbahnfahrt, die Zeitungslektüre, den Kaffeehausbesuch abzugewöhnen, streikten jetzt die Hausherren. Offen gestanden war mir die Sache von Haus aus nicht ganz klar. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach konnte ein Hausherr ebensowenig streiken, als etwa ein anderer Rentner oder ein Pensionist. Das Kuponschneiden kann man wohl ebensowenig als eine Arbeit betrachten als die, normal viermal im Jahre stattfindende Übernahme des Mietzinses vom Hausmeister. Aber die Hausbesitzer nahten, infolge der Bedrohung der Einnahmen für ihre effektive Nichtbeschäftigung, mit schwerem Geschütz. Vor allem mit der Torsperre zu einer Zeit, wo bekanntermaßen die Frequenz am stärksten ist. Nach Arbeitsschluß um 6 Uhr. Das wäre allenfalls bitter. Auch die beabsichtigte, ausschließliche Wasserzufuhr „vom Parterre“ erscheint boshaft. Dieses projektierte Rückversetzen der Kultur um einige Jahrhunderte oder auf die Höhe, beziehungsweise Tiefe der Kommunalwirtschaft eines idyllischen Dörfchens, war für die Hauptstadt selbst der Republik Österreich – einigermaßen kompromittierend. Auch die Zumutung, sich auf den finsteren Stiegen Hälse und Beine zu brechen, erschien minder human. Wessen Schädeluntergrund jedoch entsproß – wir sagen nicht die verbrecherische – nur zarter – die meschuggene Idee; – öffentliche Einrichtungsgegenstände des Staates und der Stadt: Briefkasten und Telephonglocken abzutragen und so den Post- und Telephonverkehr etc. etc. zu hemmen und verhindern! Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.10.1922.

Tiefabfallende First- und dachstreifende Wolken. Grau in grau da droben. Drunten Regenbogen – Lacke und Sumpf – Teilweise inundierte Gebiete, über welche der zage Fuß womöglich ausgreifend hinüberhüpft oder sie – geht’s nicht anders – auch scheu und raschest durchschreitet, daß ringsum nur Alles pantscht. Und wie das graue Wetter, auch die grausliche Stimmung, die auf Wien, der Stadt der Lieder, lastet, der das liebe Singen schon längst vergangen ist. Das heißt nicht Allen. – Wohl dem alten Wiener Bürger, dem vor dem Sechstausendbrotlaibel die Grasbirnen aufsteigen. Liest man jedoch an jedem Montag den Tagesbericht und von den vielen arretierten besoffenen Schwe…renötern in den d’rentern Bezirken, ergibt schon diese erbauliche Lektüre das tröstende Resultat, daß es noch immer eine belebende Gruppe blühender Wiener gibt, denen aus „voller Kehle“ randalierendste Töne entquellen, welche Frohsinnsäußerung in gewisser Permanenz auch von obligaten Messerübungen begleitet erscheint. Derart minderschwere Verfehlungen werden zumeist mit etwa vierzehntägigem Arrest abgesessen, womit die frohe Angelegenheit – zumindest für die direkt Beteiligten, bis auf eine fröhliche Wiederholung, erledigt ist. Anders jedoch gestalten sich die Konsequenzen, insoferne sie die Unterstützungsbedürftigkeit des Wieners gegenüber dem Ausland  tangieren. Was braucht ein Volk eine Hilfe, dessen Arbeiter die Mittel bezieht, sich mit einem Zwanzigtausendkronenheurigen allsonntäglich zumindest – seinen Enstrumfetzen anzusaufen? Wir sagen ausdrücklich „Arbeiter“, den wir – Gott bewahre! – mit den Säufern in Bars und Kabaretts durchaus nicht in einen Sack schütteln wollen. Diese sind ja zumeist Kriminalisten, während es dem Arbeiter sein Lohn gestattet, sich periodisch solche Eselsräusche anzududeln. Wem ist oder wäre es auch früher eingefallen, dem die Woche hindurch auf der Schusterbank sitzenden, an den Schraubstock gefesselten Leicht- oder Schwerarbeiter sein Sonn- und Feiertagsvergnügen zu mißgönnen, auch auf das Risiko, daß er in seinem wohlverdienten Räuscherl auch hie und da über die Schnur hauen tät? Heute aber erscheint so „an Mugel“ doch in ganz anderem Licht. Konstatieren wir: Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.1.1922.

Feuchtfröhlich zog das neue Jahr ins Land Wien, – vom 1. Jänner an sind wir’s ja – und soviel als am verflossenen Sylvester gesungen, gespielt und nicht zum wenigsten ges… d. h., getrunken wurde, dessen können sich die bewußten ältesten Leute der einstigen Stadt Wien kaum erinnern. Kaum ein Kaffeehaus, das nicht seine Salonkapelle engagiert hatte. Wiens Bühnengrößen, Komiker und Soubretten autelten von Lokal zu Lokal, wo bereits vor zwölf Uhr die Sektpropfen nur so an die Decke sausten… Theater und Varietes bereits wochenlang vorher ausverkauft – und was in deren Logen und Parketts an Diademen, Anhängern und Boutons in allen Farben und Strahlen blitzte und flimmerte, hätte uns bei entsprechender Aufopferung die Rosenberggobelinsverpfändungsreise zweifellos erspart – … Und erst am nächsten Morgen und Tage die freudige Überraschung: Neujahrstag 1922 und keine Fensterscheibe eingeschlagen, kein Rolladen erbrochen, kein Geschäft oder Auslage geplündert!… Geht’s uns schlecht? Hiezu – steigt auch der Wert von Mehl und Brot ins unerschwingliche. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.12.1921.

„Wir tanzen, wir tanzen auf einem Vulkan.“ Namen und Autor des Volksstückes sind uns entfallen, in welchem das zeitgemäße Couplet vor Jahrzehnten gesungen wurde, jedoch erinnert wurden wir daran, als wir aus ein­schlägigen Mitteilungen entnehmen, daß für den bevorstehenden Fasching alle Wiener nam­haften Tanzsäle und Lokale vermietet sind. Welche Elitebälle uns bevorstehen, erfahren wir erst nach und nach, wundern uns aber nur, daß „der Wiener“ noch immer was für’s Dorotheum übrig hat, wo bereits a Schnupf­tüchel 2000 Kronen kost’ und jeder Fleischgenuß den Betretenen von Haus aus zum Schieber oder Schuhmachergehilfen prädestiniert. – Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.12.1921.

Ich war – Verzeihung, wenn ich mit einem Selbstbekenntnis beginne – mein Lebtag lang ein ehrsamer Staatsbürger. Seinerzeit war ich ein einwand- und steuerfreier Monarchist, gegen­wärtig bin ich ein vorschriftsmäßiger Republikaner. Ich ärgerte mich nicht, als mich die Regimentskapelle am 12. November aus dem Morgen­schlummer erweckte, und ich freute mich wirk­lich aufrichtig, daß die Wehrmacht bereits so schön Schritt hält. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.11.1921.

„Es geht halt nichts über die Gemütlichkeit“, über die, allen Jammer und Unfug, alle Schlampe- und Schweinerei – „allweil fröhlich, fesch und munter“ – übertauchende echte Weaner Gemütlichkeit. Man denke sich das Gleiche – sagen wir vielleicht bei unsern stets teilnahmsvollen Freunden am Moldaustrand: Jahre hindurch wird dem Großteil der Millionenstadt „Wean“ das für die meisten geradezu Wertvollste und Unentbehrlichste entzogen – dem Raucher die Zigarre und Zigarette zu noch halbwegs erschwinglichem Preise. Da wird der schwereroberte Tabak mit jedem nur glimmenden Blätterwerk gestreckt, jeder bräunliche Tschik – und das nicht allein vom Pülcher – sorgsamst vom Pflaster und seiner problematischen Umgebung aufgelesen. Gleichzeitig erreicht ganz öffentlich in Gast- und Kaffeehäusern, an allen Straßenecken alles Rauchbare nur den erfolgreichsten Schiebern zugängliche Schleichhandelspreise. Zugunsten dieser Kavaliere wird jedem Minderbemittelten sein oft einziger Lebensgenuß entzogen… von Staatswegen entzogen, durch ein nicht nur geduldetes, sondern geradezu organisiertes Verfahren einer Staatsbehörde. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.10.1921.

Es ist erreicht! Unsere einigermaßen wirren gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind endlich geklärt. Die nötige Sonderung des neuen Aristokraten von dem gegenwärtigen Proletarier, des Patriziers von dem Plebejer Muster 1921 ist endlich und in ganz präziser Weise bewirkt. Keine staatliche Verordnung erwies sich seit dem Zusammenbruche, beziehungsweise entsprechend den Konsequenzen der demselben folgenden zweijährig rein sozialdemokratischen Steuerung unserer glorreichen Republik – kein Regierungserlaß erscheint so geboten, als das „Preisstaffellungsgesetz unserer Brot- und Mehlpreise.“ Wer mehr hat und zahlen kann, muß es auch tun… Aber, abgesehen davon; wir stehen endlich vor der in jedem Kulturstaate gebotenen Absonderung gleichwertiger Kreise und Stände. Österreich besitzt von jetzt an einen genauen Maßstab für die Bewertung jedes Untertanen. Vorbehalten war diese endliche Aufklärung dem Bundesministerium für Volksernährung. Dieses und mit ihm die gesamte öffentliche Meinung fragt von nun an nicht mehr den Einzelnen: „Wer oder was sind, beziehungsweise leisten Sie?“ – sondern nur: „Was zahlen sie für den Laib Brot?“ Die Zeit der Hofräte, Professoren, Generäle, Medizinalräte und dergleichen alten Geistesrittern ist glücklich überwunden. Wir haben von nun an nur eine Ober-. Mittel- und Untergruppe. Zur ersten zählen Hotelportiere, Oberkellner, Valuta- und Waggonschieber (womit wir jenen der Eisenbahn nicht nahe treten wollen). Die Mittelgruppe umfaßt die Mittelschieber und die Untergruppe die übrigen Schnorrer der Republik, das sind die Nix- Pardon! – Fixangestellten. Weiterlesen

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Brotstaffelung.

Wohl die fürchterlichste Geißel unserer armseligen Republik ist die ununterbrochene Gesetzmacherei, diese endlose Diarrhoe von Gesetzen und Verordnungen, die kein Mensch versteht und noch weniger einhalten kann. Es trete einer vor uns hin und behaupte, daß er das Brotstaffelungsgesetz verstehe. Oder die anderen Gesetze und Verordnungen und Vorschriften.
Das englische Weltreich mit 300 Millionen Einwohnern hat nicht den zehnten Teil von Gesetzen und Verordnungen gebraucht wie die Republik Österreich. Und jedes Gesetz erfordert neue Beamte, und jede Steigerung des Beamtenaufwandes drückt die Krone und macht neue Staffelungsgesetze nötig.
Vor lauter Brotgesetzen wird bald Niemand mehr Brot haben.

(1. Oktober 1921)

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Wiener Spaziergänge vom 15.8.1921.

Die Wiener Gesellschaft, das ist jene, deren Frauen bis Mitte Juni im Stadtpark, Prater und Volksgarten sitzen und dann aufs Land gehen, während der Mann seinem Beruf nachgeht auf der Börse oder anderen Schieber­wegen, diese sogenannte Gesellschaft hat seit dem Zusammenbruch ihre Garnituren gewech­selt. Zur ersten Garnitur gehörten früher, nebst den Großindustriellen, Fabrikanten, großen Handlungshäusern, hypothekenfreien Hausbesitzern – auch besser gezahlte Staats­beamte, Ministerialräte, Geheimräte, Generäle, Alt-Adelige und dgl. nach dem Umsturz auf­gelassene Titel- und Würdenträger. Letztere Gemeinschaft erhielt nach Kriegsverlust ihre Einteilung in der Gesamtgruppe der Schnorrer, bez. vom Oberst und Oberfinanzrat d. R. abwärts der Totalschnorrer. Früher zählten, ­wie gesagt – Adel, Offiziere und ähnlicher Tischaufputz zur ersten Garnitur. Was nutzten damals der Frau Krametzhuber und Madam Veilchenduft die in der Großselcherei oder am Schottenring von dem emsigen Gatten erwogenen und erbeuteten vierkaratigen Bo­utons, wenn es doch bei der Kursalonkapelle so heißersehnt wie unerreichbar herübernäselte: „Baronesse, morgen früh in der Hauptallee. Reiten sie die Flora?“ Oder: „Gräfin, heuer wieder nach Gastein?“ Weiterlesen

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Warum soll ich den Revolutionsfeiertag nicht mitfeiern?

o) Ich bin zwar geistiger Arbeiter und nach den Erklärungen der „Arbeiter-Zeitung“ weniger als eine Waschfrau, aber ich freue mich großmütig da­rü­ber, daß es andere so weit gebracht haben.

o) Ich esse elendes Maisbrot, aber dafür hat es ein Drechslergehilfe zum Bür­germeister von Wien gebracht.

o) Ich habe keinen Zucker, dafür hat aber die Armee endlich das Recht be­kom­men, Ver­sammlungen zu sprengen.

o) Ich kann mir kein neues Hemd schaffen für die Papierfetzen, die ich als Gage be­komme, dafür fahren 180 politische Führer in Automobilen herum.

Es lebe die Revolution – hoch der Nationalfeiertag.

(14. November 1920)

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Kinder aufs Land.

(Auf den Aufruf der Bauernpartei, Wiener Kinder aufs Land zu nehmen, hat sich kein einziger Bauer gemeldet.)

Nach Schweden und nach Dänemark
Schickt man die Wiener Kinder,
Dort werden sie schön rund und stark,
Und in der Schweiz nicht minder!
Italien und Engeland
Nehmen sie voll Bedauern,
Nur nicht das eig’ne Vaterland,
Die öst’reichischen – Bauern!

Die Bauern, die jetzt fett und schwer
Voll wucherischer Triebe,
Die frommen Heuchler gar nichts mehr
Wissen von – Nächstenliebe!
Das ist der „deutschen Bauern“ Schand.
Kein Arm, er will sich rühren,
Kein Bauer nimmt ein Kind aufs Land.
Keiner will Mitleid spüren!

Wo bleibt die hohe Geistlichkeit?
Wo bleibt der fromme Glaube?
Der Städter gab sein letztes Kleid
Den Bauern her zum Raube –
Im Ausland nimmt die Kinder an
Der kleine Mann am Lande –
Deshalb man ruhig sagen kann:
Öst’reichische Bauernschande!

(1. Juli 1920)

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Ein Erfolg der „Wiener Caricaturen“.

Wie schon öfters hat eine Idee, welche in den „Wiener Caricaturen“ an­ge­regt worden ist, bald Leben gewonnen. So haben wir neulich dargetan, daß Länder mit zerrütteter Wirtschaft und Währung ihren Wein nicht selbst trinken dürfen, sondern vollständig aus­führen müssen.

Ein Volk, das seinen Kindern keine Milch geben kann und Wein trinkt, gleicht eben dem verkommenen Trunkenbold, der seine Kinder betteln schickt. Nun ist in der Tat jetzt eine Vorlage eingebracht worden, ein Alko­hol­ver­bot einzuführen und den Wein – auszuführen.

Und wo geschieht das? In Italien!

Andre Völker saufen weiter und lassen ihre Kinder weiter betteln.

(15. April 1920)

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Weltbühne vom 1.4.1919

Wir sind Bettler geworden, die von der Gnade der Feinde leben. Wenn die Entente einige Tage keine Lebensmittelzüge gehen läßt, sind wir verloren. Unsre Regierung kann wohl Verfassungen machen (alle drei Monate eine neue), aber Nahrung kann sie nicht herzaubern. Sie kann eine Gast­haus­sperre bewirken, den Bürgern ihre Vorräte „revidieren“, aber etwa auf dem flachen Lande nach Milch sehen – nein, das erlaubt schon die Politik nicht.

Denn, wie Dr. Renner erklärt hat, gilt jetzt das Bündnis von Arbeitern und Bauern. Dem Bauer darf also nichts geschehen – der Bürger zählt nicht mehr. Wollen sehen, wie weit es ein solcher Freistaat bringt.

*

In den Ententeländern, die durch Sieg und Wohlstand gekrönt sind, herrscht das Bürgertum. Dort gibt es auch Arbeiter, zumindest so intelligent und tüchtig wie in den Mittelstaaten, aber sie anerkennen die Führung des Bürgertums.

Lloyd George, der typische Repräsentant des freien intelligenten Bürger­tums, geht in Arbeiterversammlungen und findet dort Gehör. Ebenso Cle­men­ceau und Wilson. In den Mittelstaaten hat es nie ein freies Bürgertum gegeben. Weiterlesen

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Fett.

Denkt ihr noch der schönen Bilder,
Drauf Frau Austria in milder
Segensvoller Hoheit stund,
Prangend mit der Büste Rund? –
Nur bei Rüben oder Hülsen-
Früchten hoffen wir auf Wilson
Und wie mirs seit Monden geht,
Wahrhaft hier zu lesen steht:
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Wucherer!

Wucherern und Kriegsgewinnern,
Ihnen war der Krieg ein Glück,
Da ging alles wie am Schnürl
Jetzt vielleicht geht’s an den Strick!

I. P.

(20. Jänner 1919)

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