Schlagwort-Archive: Lebensmittel&Wasser&Gesundheit

Weltspiegel vom 1.6.1925

Wien war, ist und bleibt die erste Theaterstadt des Erdballs. Ich möchte sogar behaupten: Ein jeder richtig gehender Wiener hat von Geburt aus Theaterblut in den Adern, und wer im mindesten daran zweifelte, der hievon wurde erneuert aufs Kräftigste überzeugt, alldieweil es im wunderschönen Monat Mai in unserer Staatsoper derart spuck-nicht spukte, daß die Folgeerscheinungen der Katastrophe von den hohen Brettern bis in das freundlichste Familienleben zersetzend eindrangen. Kein Spaß! „Die Jeritza.“ – „Die Orsowska“, ertönt der Feldruf noch heute in manch friedlichem Heim. Die besten Freunde gerieten in Zwiespalt und so manche Partie ging rettungslos auseinander, weil er es der unerreichbaren Jeritza zum Vorwurf machte, daß sie – gleich dem Mädchen aus der Fremde – uns nur im Frühjahr die kostbaren Gaben darbot, die uns die energische Gegnerin berufs- und wienfreundlich in Permanenz gewährt. Weiterlesen

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Inserate.

Hallo! Hallo!

Hier Radio Wien auf West-Wiens gemütlichster Vergnügungswelle

Wiener Radio-Café
Zieglergasse 83 Ecke Lerchenfelderstraße

Angenehmster Familien-Aufenthalt. Im westlichen Häusermeer das lauschigste Plätzchen. Kommt und schaut!

(1. Mai 1925)

 

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Inserate.

Die besten Hautpflegemittel sind und bleiben doch:

Prof. Dr. Schleichs

Wachspasta, Toiletteseife, Marmorseife, Hautcréme

Vetriebsgesellschaft Professor. Dr. Schleich’scher Präparate, Gesellschaft m.b.H.
Wien, X. Gudrunstraße 150

(1. Februar 1925)

 

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Wiener Spaziergänge vom 1.2.1925

1925, das heilige Jahr, hielt seinen Einzug, und Christ wie Jud’ erfuhr aus den Tagesblättern, daß speziell aus unserem „Landel“ manch’ Wallfahrt nach Rom geplant ist, und die Ravag brachte bereits in den beiden letzten Wochen des Vorjahres fünf Abende und Nachmittage einen Vorgeschmack mit Kirchen-Kloster- und Kindergesängen, die für den Gläubigen gewiß anmutig anzuhören waren und an denen nur das eine auszusetzen war, daß die, nebst einigen Chören und Vereinen der äußeren Bezirke, angekündigte Staatsopernsängerin verhindert war, mitzusingen. Es liegt uns, als harm- und parteilosen Witzblatt, jederzeit fern, und ist ja nicht allein unstatthaft, sondern abgeschmackt, konfessionelle Probleme zu erörtern – hiefür haben wir ja unser Rathaus und Parlament… aber – nur eine unwillkürliche Ideenassoziation: Wie wäre es, wenn sich etwas die mosaischen Abonnenten, und diese bilden ja nahezu die Hälfte, der Ravag an diese mit dem Antrag wenden würden, von Zeit zu Zeit auch Tempelgesänge als Abendprogramm dem Repertoire einzuverleiben? Besitzt doch bekanntermaßen just Wien die geradezu besten Tempelsänger und –chöre auf Erden. Also, der ergebenst Gefertigte – auch er verbringt seine Abenden unter einem Netz von Drähten, die ihn mit kaum geahnten akustischen Genüssen verbinden – also ich selbst sehne mich ebenso wenig nach chronischem Kirchen- als Tempelgesang, ich meine vielmehr, daß die in jedem Sinne hohe Leistung des Wiener Radio endlich wissen müßte, für welche Darbietungen überhaupt Versender und Hörer – zumindest bis heute – mehr oder weniger geeignet scheinen. Also für Kammermusik weniger, desgleichen für gemischte Chöre, weniger für Sopranstimmen, am besten für das gesprochene Wort, Männerstimme in allen Tonlagen, Solovortrag von Streichinstrumenten, grundsätzlich aber nur für melodiöse, ins Ohr gehende Musik, am allerwenigsten aber für Klaviervorträge. Nun, wie Gott will! Und, durch Schaden wird man klug. Herr Silving ist nicht nur ein famoser Musiker, sondern auch ein ganz guter Geschäftsmann. Er wird schon machen. Mehr Besorgnis flößt uns in letzterer Richtung Herr Breitner ein. Daß er sich just diese Gelegenheit entgehen ließe, um auch seinen permanent wachsenden Radio-Schab zu machen, erscheint uns steuererfahrungsgemäß „sehr diskutabel“. „Vederemo!“ sagte der blinde Italiener. Weiterlesen

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Inserate.

Jede Frau, die auf moderne Gesundheitspflege Wert legt, verwendet bei ihrer intimen Toilette:

Lactolavol

Vetriebsgesellschaft Professor. Dr. Schleich’scher Präparate, Gesellschaft m.b.H.
Wien, X. Gudrunstraße 150

(1. Februar 1925)

 

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Inserate.

Baden Sie???

Nur mit Fluomarin

dem köstlich aromatischen Badezusatz, wohltuend, erfrischend, kräftigend. Zu haben in allen Apotheken oder Hauptdepot:

St. Markus-Apotheke,
Wien, III. Landstraße Hauptstraße 130

(1. Februar 1925)

 

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Inserate.

Eine Wiener Spezialität

Das Bestreben, vorzüglichen Rum zu bekommen, hat in vielen Kreisen die Selbsterzeugung desselben herbeigeführt. Ein vorzügliches Material in dieser Beziehung ist die in der „Krebsapotheke“, Wien, 1. Bez., Hoher Markt 8, erhältliche

„Rumkomposition“.

Diese entspricht sowohl hinsichtlich des inneren Gehaltes als auch der Güte und Schmackhaftigkeit allen Anforderungen, die an ein derartiges Präparat gestellt werden können.

(1. Februar 1925)

 

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Wiener Spaziergänge vom 15.10.1923.

Wien – man muß es unserer regen Stadtverwaltung lassen – bietet nach und nach wieder das schöne Großstadtbild wie zu seligen Vorkriegszeiten. – Gepflastert wird wie anno dazumal; – an allen Ecken und Enden häufen sich und schwinden die obligaten Granitbarrikaden, und senkt sich die Dämmerung hernieder vom Kahlenberg zum Donaustrand und Kanal, blitzen jetzt, wie vor einem Jahrzehnt, tausend Lichter auf in Wiens Hauptstraßen und am Franz Josefskai gleich verheißenden Sternen einer vollen Genesung, – lies! – Sanierung. Während wir aber derart dem neuen Licht und Leben entgegenschreiten, vermißt das suchend enttäuschte Auge manch, just sonst an den belebtesten Straßenecken hohen Kristallfenstern entströmende Lichtquellen und -wellen, so wie der suchende Blick just die lebenslustigsten Lokale und Rendezvousplätze der Wiener schönen Welt. Eine ganz namhafte Anzahl der, geradezu ein Wahrzeichen bildenden Wiener Kaffeehäuser mußten ihre weltbekannt eleganten Räume räumen, zu Ehren Merkurs, des Gottes des Handels und der Banken, dem offenbar diese alten Stätten Wiener Glanzes und Gemütlichkeit schon lange ein Dorn im Auge waren… Geht’s so weiter, so können die, doch mit irdischem Mammon keineswegs überschütteten Wiener an jeder Straßenecke in sorgsam vergitterten Bankfenstern die Kurse studieren, anstatt ihr Stammplatzerl aufzusuchen im lieben alten Stammkaffee. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.11.1922.

Eines muß man unsern Wiener Streikenden lassen. Sie halten Ordnung in ihrer Zeiteinteilung. Man könnte sagen, es liegt ein gewisses System in diesem Arrangement. Hübsch eine Branche nach der anderen, damit der brave Steuerträger – wenn er durch das bezügliche Tagesereignis nicht speziell tangiert wird – zumindest allmorgens doch etwas einschlägig Neues in seinem Leibblatt findet. Nach den vorübergehenden Versuchen, uns die Straßenbahnfahrt, die Zeitungslektüre, den Kaffeehausbesuch abzugewöhnen, streikten jetzt die Hausherren. Offen gestanden war mir die Sache von Haus aus nicht ganz klar. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach konnte ein Hausherr ebensowenig streiken, als etwa ein anderer Rentner oder ein Pensionist. Das Kuponschneiden kann man wohl ebensowenig als eine Arbeit betrachten als die, normal viermal im Jahre stattfindende Übernahme des Mietzinses vom Hausmeister. Aber die Hausbesitzer nahten, infolge der Bedrohung der Einnahmen für ihre effektive Nichtbeschäftigung, mit schwerem Geschütz. Vor allem mit der Torsperre zu einer Zeit, wo bekanntermaßen die Frequenz am stärksten ist. Nach Arbeitsschluß um 6 Uhr. Das wäre allenfalls bitter. Auch die beabsichtigte, ausschließliche Wasserzufuhr „vom Parterre“ erscheint boshaft. Dieses projektierte Rückversetzen der Kultur um einige Jahrhunderte oder auf die Höhe, beziehungsweise Tiefe der Kommunalwirtschaft eines idyllischen Dörfchens, war für die Hauptstadt selbst der Republik Österreich – einigermaßen kompromittierend. Auch die Zumutung, sich auf den finsteren Stiegen Hälse und Beine zu brechen, erschien minder human. Wessen Schädeluntergrund jedoch entsproß – wir sagen nicht die verbrecherische – nur zarter – die meschuggene Idee; – öffentliche Einrichtungsgegenstände des Staates und der Stadt: Briefkasten und Telephonglocken abzutragen und so den Post- und Telephonverkehr etc. etc. zu hemmen und verhindern! Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.4.1922.

Aprilwetter: Regen, Sonnenschein, und die Bäume schlagen aus, daß man sich in der Prater-Hauptallee in der Mitte halten muß, um nicht Eins zu erwischen. Wir täten’s am liebsten detto, d. h. ausschlagen, insbesondere, da wir die bestechenden – nicht etwa bestechlichen – Frühjahrsmesseartikel lasen. Die Augen gingen einem über ob der segensreichen Konsequenzen unseres nunmehrigen Welthandels und unserer merkantilen Erhabenheit am Kontinent. Auch der Wiener Spaziergänger wäre ja gar so gern ein begeisterter Optimist; spürt man doch die phänomenalen Folgeerscheinungen am eignen bedrohten Leibe, und auf Wochen und Monate nachwirkend die „just durch die Messe“ hervorgerufene Verteuerung all dessen, was man am meisten braucht, – dann wirft einen eben der hungrige Pegasus ab, eh’ man ihn noch bestiegen hat. Man werfe nur einen Blick in die seit der goldenen Messe noch immer zumindest unveränderten Speiskarten. In dieser Hinsicht ist der Wiener Wirt konsequent. Hat er einmal ein Menu fixiert, so hält er daran fest, vorausgesetzt, daß er es nicht steigert. Doch, wozu sich in solche Kalkulationen vertiefen? Welcher, normal nicht schiebende Wiener kennt heute nicht ein Restaurant nur vom Hörensagen? Also, warten wir nicht erst auf das Herabneigen für uns doch unerreichbarer Hesperidenäpfel! „Geh’mer weiter!“

„Im Prater blüh’n wieder die Bäume“ und im „Wurstel“ spektakelt’s wie in den besten Zeiten. Alles beim alten. Nur die Preise! Ach, die Preise! Hutschen und Ringelspiel von 40 Krandeln aufwärts – Grottenbahn, Ponyzirkus, Railway und Riesenrad dreiziffrig. Vierziffrig ein besserer Kinositz, und ein Rundtanz zumindest um der Kronen 60. Großindustrielle und Kanalräumer, Bankdirektoren, Schuhmacher und Schneider, die heute noch ihre Kinder „per Straßenbahn“ in den Volksprater befördern, können für den Nachmittag schon mit 20-30 Fetzen auskommen. Mit Abendvergnügen kommt allenfalls die Geschichte auf das Doppelte, also etwa eine Friedens-Offiziers-Heiratskaution.

Nun aber auch genug der Trauerfälle, auf die der Wiener Spaziergänger unwillkürlich stößt, um eine erfreulichere und reichlich gesunde Promenade zu verzeichnen, die den Gefertigten an ein – vielleicht nur in Wien – dem neuen wie alten Capua der Geister – erreichbares Ziel führte, in eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die die Garde unserer jungen Literaten – die Namhaftesten der Wiener literarischen Gesellschaft, die einschlägig Meistversprechendsten der Germanisten der Wiener Universität mobilisierte. Und, mit welch hohen Geisteswaffen ward hier gekämpft und gesiegt! Dr. Erwin Stranik brachte – ein vollendeter Redner wie Denker – ein Kapitel aus seinem satirischen Roman Kokos Irrgang – Modernste Moderne, mit unbeabsichtigtem und deshalb umso wirksameren Dickens’schen göttlichen Humor vereint. Herbert Hans Müller las mehrere der besten seiner fesselnd ergreifenden Gedichte. Richard Tengler Auszüge aus seinem gedankentiefen Mythus Ahasver… Können und Kennen, Wissen und Wiedergeben wohnt in dieser auserwählten jungen Schar, ergreifende Lyrik in Rudolf Rübensteins Skizzen, weht durch die Reime seiner Geschichte eines Traumes, vorgetragen von Frau Doktor Fritzi Wechsler. Diese Frau Doktor der Philosophie jedoch ist ein anmutig blühendes Mädchen, deren oratorische Begabung sie den besten Vortragsmeisterinnen Wiens würdigst anreiht. – Die Künstlerin – auch ein Bild unserer Zeit – sucht nicht auf den weltbedeutenden Brettern einen Beruf, zu dem sie faszinierende Erscheinung und seltene Befähigung prädestinieren – sondern auf der Lehrkanzel. Auf das Eine dürfen wir wohl hoffen, auf ein öfteres Wiedersehen mit der hervorragenden Interpretin deutscher Literatur und Schriftsteller in Wiens kunstgeweihtesten größeren Vortragssälen… In unserer dunkeltrüben Zeit ist hie und da ein Sonnenstrahl um so herzlicher willkommen!

Ganz eigen beispielsweise mußten – just in der Wiener Messewoche – nicht nur den einheimischen Spaziergänger, sondern befremdender noch, unsere Gäste die herabgelassenen Rolläden vor allen „Buchhandlungen“ anmuten, ein für die so viel gerühmte Kulturstadt an der blauen Donau, dem einstigen Capua der Geister, immerhin recht bedenkliches Zeichen. Wir Wiener sind ja an solche Witze schon längst gewöhnt. So gut als Post und Eisenbahn kann ja auch ‘mal der geistige Verkehr stocken oder eingestellt werden. Bös aber ist’s immerhin, wenn dann die Ausländer oder unser Gebirgsländler, heimgekehrt, berichten: „Bücher werden in Wien überhaupt nicht mehr verkauft.“ Das läßt eben den beiden Möglichkeiten Raum; entweder sind’s – die Wiener – schon so gescheit, daß sie überhaupt keine Bücher mehr brauchen, oder sie haben sich, wie die leibliche, auch die geistige Kost schon ganz abgewöhnt. Am schwersten betroffen ward aber die große Gemeinde der Wiener Leihbibliotheksabonnenten, alle jene, denen ein gutes Buch noch den letzten und einzigen Zufluchtsort – aus der traurigen Wirklichkeit hinweg – in das Wunderreich der Phantasie bot, da das Pfund Fleisch noch 25 Kreuzer und die Kaisersemmel deren zwei kostete. Über die Rechtsfrage wird noch jetzt lebhaft disputiert, ob die belämmerten Abonnenten gezwungen waren und sind, für ein gelesenes Buch durch weitere Wochen den hohen Abonnementspreis zu zahlen. Nach diesem Prinzip könnten ja die Leihbibliotheken „überhaupt schließen“, und ihre Abonnenten – kündigen können sie nicht – zahlen dann bis an ihr Lebensende der geschlossenen Leihbibliothek die entfallende Rente… Nun, wie Gott will, es muß auch solche Trauerfälle geben. Um so freudiger begrüßen wir die Tatsache, daß sich der Preis der Orange am Naschmarkt von 500 auf 250 Kronen verminderte. Der Antrag, diese Südfrucht künftighin Schieberange zu benennen, wurde vom Kriegswucheramt nicht genehmigt, weil der Begriff „Schieber“ seit dem Jahre 1914 noch ebenso unaufgeklärt ist als dessen Träger erwischt werden kann.

Am Nachthimmel jedoch aufleuchtend eine kurze lichte Bahn beschreibend – verlöschend und versinkend – eine Sternschnuppe – ein Meteor… Fern, wie fern dem Heimatland! erlischt das Dasein des letzten Kaisers Österreichs… In Wien aber herrscht die Republik. Keine Trauerfahne oder Flagge auf Halbmast kündet das Ableben des letzten Kaiser und Königs in seiner „Stadt der Lieder an der schönen blauen Donau.“ Gleich schmettern die Trompeten, klingen die Geigen, ertönen die Lieder, die früher im gleichen Momente wie unwillkürlich verstummten. Und liest man die Blätter! – Du lieber Gott: „Menschen, Menschen san mer Alle.“ – Der eine stirbt in Ottakring – ein anderer auf Madeira.

Aber einen gar seltsamen Traum hatte der Wiener Spaziergänger: Zurückgekehrt war der Exkaiser oder war es dessen Sohn oder Neffe? Im Traum verwischt sich solches. Also zurück kam einer von diesen – just an dem Tage, wo der Brotlaib 2000 – die Kaisersemmel 200 Kronen erreichte. Die Leute waren’s schon gewöhnt. Aber eine Abstimmung ward angeordnet über Regenten, Präsidenten, Regierungsform, die natürlich zu Gunsten der Republik ausfiel. – Es war eine öffentliche Abstimmung, und die Wehrmacht assistierte. Dann aber „zur Gegenprobe“ wurde auch eine Geheimabstimmung abgehalten. Und das erfolgte denn auch. Just aber, da das Resultat verkündet werden sollte – – Was geschieht? Der Spaziergänger erwacht! Ist das Glück oder Pech? Ich glaube das Erstere. Wer weiß, wie ihm ginge – er hörte nur noch etwas von zwanzigfacher Stimmenmehrheit, – wenn er den Abstimmungsbeschluß für wahrheitsgetreu vermelden würde. Es gibt ja auch Träume, die grundsätzlich konfisziert werden müssen…

V. S. Teinhof.

(15. April 1922)

 

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Wiener Spaziergänge vom 15.3.1922.

Der Frühling ist da, die Kredite sind da und die Messe ist da. Gleich drei Freudenfälle auf einmal. Nun, die Wiener können sie brauchen. So gefroren wie im verflossenen Winter haben wir noch nie; das einzige, was uns beruhigte und versöhnte, war nur, daß die Kohlengeschäfte hiebei auf ihre Rechnung kamen. Aber, nun, Schwamm drüber! Im Prater blüh’n wieder die Bäume, d. h. zeigen zumindest hiezu den besten Willen, und der liebe Herrgott sitzt schmunzelnd droben, als wollt’ jeder seiner wärmenden Sonnenstrahlen sagen: „Bei mir herrscht Ordnung, und auf den Winter folgt pünktlich der Lenz.“ Da gibt’s kan’ Streik oder „Organisation.“ Und seid’s ihr patscheten Wiener Kindeln ‘mal wieder selbst so weit, diese natürliche Ordnung einzusehen, dann wird halt – wie in der Natur – auch bei euch wieder Frühling werden mit Hilfe oder trotz der Regierung und des Magistrates, die halt das Hinaufnummerieren der Tarife permanent fortsetzen. Auch bei steigendem Thermometer. Tröst’s euch – „alles ein Übergangel, alles ein Übergangel“… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.11.1921.

„Es geht halt nichts über die Gemütlichkeit“, über die, allen Jammer und Unfug, alle Schlampe- und Schweinerei – „allweil fröhlich, fesch und munter“ – übertauchende echte Weaner Gemütlichkeit. Man denke sich das Gleiche – sagen wir vielleicht bei unsern stets teilnahmsvollen Freunden am Moldaustrand: Jahre hindurch wird dem Großteil der Millionenstadt „Wean“ das für die meisten geradezu Wertvollste und Unentbehrlichste entzogen – dem Raucher die Zigarre und Zigarette zu noch halbwegs erschwinglichem Preise. Da wird der schwereroberte Tabak mit jedem nur glimmenden Blätterwerk gestreckt, jeder bräunliche Tschik – und das nicht allein vom Pülcher – sorgsamst vom Pflaster und seiner problematischen Umgebung aufgelesen. Gleichzeitig erreicht ganz öffentlich in Gast- und Kaffeehäusern, an allen Straßenecken alles Rauchbare nur den erfolgreichsten Schiebern zugängliche Schleichhandelspreise. Zugunsten dieser Kavaliere wird jedem Minderbemittelten sein oft einziger Lebensgenuß entzogen… von Staatswegen entzogen, durch ein nicht nur geduldetes, sondern geradezu organisiertes Verfahren einer Staatsbehörde. Weiterlesen

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Kinder aufs Land.

(Auf den Aufruf der Bauernpartei, Wiener Kinder aufs Land zu nehmen, hat sich kein einziger Bauer gemeldet.)

Nach Schweden und nach Dänemark
Schickt man die Wiener Kinder,
Dort werden sie schön rund und stark,
Und in der Schweiz nicht minder!
Italien und Engeland
Nehmen sie voll Bedauern,
Nur nicht das eig’ne Vaterland,
Die öst’reichischen – Bauern!

Die Bauern, die jetzt fett und schwer
Voll wucherischer Triebe,
Die frommen Heuchler gar nichts mehr
Wissen von – Nächstenliebe!
Das ist der „deutschen Bauern“ Schand.
Kein Arm, er will sich rühren,
Kein Bauer nimmt ein Kind aufs Land.
Keiner will Mitleid spüren!

Wo bleibt die hohe Geistlichkeit?
Wo bleibt der fromme Glaube?
Der Städter gab sein letztes Kleid
Den Bauern her zum Raube –
Im Ausland nimmt die Kinder an
Der kleine Mann am Lande –
Deshalb man ruhig sagen kann:
Öst’reichische Bauernschande!

(1. Juli 1920)

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Inserate.

Weinhaus Karl Adler
Wien, XVII. Dornbacherstraße Nr. 71

Täglich Gesang und Konzert. Exquisite warme Küche. Weinspezialitäten. Gesellschaftswagen im Hause.

(20. Dezember 1919)

 

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Pathologisches.

In Spanien ist eine Krankheit ausgebrochen, die ungeheure Verbreitung erlangt hat und bis heute den Ärzten unerklärlich ist. Da sie in Spanien grassiert, sind die Ärzte entschuldigt, wenn ihnen die Krankheit „ein bißchen spanisch“ vorkommt.

(10. Juni 1918)

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Eine neue Krankheit.

Auch in Wien ist eine neue Krankheit aufgetaucht, die ebenso wie die spanische rätselhaft ist.
Der Patient zeigt dabei hohe Erregung und ganz unerfüllbare Wünsche. So zum Beispiel will er morgens Milch zum Kaffee haben, dann Brot aus wirklichem Mehl und manchmal etwas Fleisch. Oft treten Wahnvorstellungen auf, wie zum Beispiel die Idee, die Fettkarte müsse eingelöst werden, man könne Kohle bekommen usw.
Die Ärzte stehen vorderhand der Krankheit ganz ratlos gegenüber.

(10. Juni 1918)

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Zur Ernährungsfrage.

In der Fleischfrage hat man oft den Eindruck, als ob die Ochsen selbst zuviel dreinredeten.

Gegen den Krautmangel scheint kein Kraut gewachsen zu sein.

Die Zentralen sind das Zentrum des Mißvergnügens.

(1. Mai 1918)

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Marktbericht.

Das Fehlen von Äpfeln wurde durch den Mangel an Sauerkraut wettgemacht.
Von Fleischsorten waren vor­wiegend weiße, fleischige Rüben zu haben.
Eier fehlen, doch brütet man im Amt darüber, wie sie zu beschaffen wären.

(20. März 1918)

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Fleischnot.

Ja, ja, die Not der Zeit ist hart,
Statt Taten lauter Wörter
Und was wohl noch viel schlimmer ist,
Manch’ Schädl ist noch härter.

Die Einkaufsnot steigt immer mehr,
Die Möglichkeit wird kleiner.
Die Hausfrau klagt: Man nehme, heißt’s,
Woher jedoch sagt keiner.

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Hamsterlied.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Dem schenkt er heute recht viel Geld;
Dann kann der trotz des Zuschlags reisen,
Wohin und wann es im gefällt.

Der kann an pommerschen Gestaden,
Und auch im Meklenburger Land,
Mit Schinken, Wurst und Speck beladen
Den Rucksack sich, voll bis zum Rand.

Kann in dem schönen Reich der Bayern,
Sowie in der Badenser Land
Noch hamstern gehn nach Käs’ und Eiern,
Nach Mehl, Schok’lad und Zuckerkand.

Und wem Gott höchste Gunst erwiesen,
Der kommt dann über Magdeburch,
Im D-Zug, dritter, mit all diesen
Begehrenswerten Sachen „durch!“

Doch wer bis heute schleichzuhandeln
Und kriegszuwuchern nicht gewagt,
Wird in der Hölle schattenwandeln
­Noch eh’ der Friedensmorgen tagt!

Fedor von Bergen.

(10. März 1918)

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