Schlagwort-Archive: Satire

Der boxende Arm.

Groteske von Frederik Boutet. Autorisierte Übersetzung von Gutti Alsen.

Unser Freund, der prahlerisch veranlagte Dr. Ganglion, der es besonders liebte, staunenerregende Geschichten zu erzählen, ist nach dreijährigem Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt. Er, ich und drei oder vier andere Kameraden feierten vorgestern seine Rückkehr bei einem Diner. Als der Kaffee gereicht wurde, ergriff er das Wort: Weiterlesen

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Eingeordnet unter Allgemein, Gastbeitrag

Ursache und Wirkung.

In Wien herrscht ein Taumel der Freude. Vom Rathause, Parlament, allen Ministerien, Steinhof, kurz allen öffentlichen Gebäuden weht die rot-weiß-rote Flagge nach allen Richtungen. Ein Ballett-Ensemble tanzt vorm Parlament die ehemalige Volkshymne mit unterlegtem Text von Oberst Wolf. – Vom Stefansturm singt der Wiener Männergesangverein das bekannte Volkslied „O du mein Österreich“. Der Verein für alkoholfreien Patriotismus veranstaltet eine Festvorstellung im Busch-Kino, wo eine Knabenhort-Musikkapelle die Simphonie op. 1 „Brauchst net traurig sein“ von Ernst Magret Novotny, der vorsichtshalber das Hackenkreuz lieber in der Westentasche trägt – wie seinen Ehering – denn man kann nie wissen. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Inland

Ein neuer Beruf.

„Servus, Weckermann“, begrüßte ein Maler seinen Studiengenossen, „was machst Du, wo bist Du?“
„Ich bin Verkehrsmaler!“
„Verkehrsmaler?!“
„Ja. Ich stelle alle Streikenden, einmal die Industrieangestellten, einmal die Gemeindeangestellten, einmal die Bundesangestellten, einmal die, dann die – in malerische Gruppen, damit die Fremden seh’n, daß Wien trotz alledem eine künstlerische Physiognomie hat…“

J. G. Henger.

(1. Juli 1924)

 

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Aus der Hörweite.

„Ob wir all die geplanten Steuern des Herrn Breitner nur so schlucken werden, bleibt noch dahingestellt“ – meinte Herr Wind, Mitglied der Gastwirtgenossenschaft. „Das habt ihr ja auch nicht gar so notwendig“, lächelte ein Bekannter desselben, „die liegen Euch ohnehin schon im Magen!“

I. G. Henger.

(1. Juli 1924)

 

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Ein sensationeller Selbstmord.

Von Jules Levy. – Deutsch von Wilhelm Thal.

Delphine de Creteil nähert sich den Dreißigern. Sie war eine entzückende Person, und die Torheiten, die viele Männer für sie begangen haben, sind recht sehr zu entschuldigen. Seit zwei Jahren indessen ist Delphines Stern im Erblassen; es zeigen sich kleine Runzeln und Gänsefüßchen, die Haare sind noch prächtig, aber das Auge ist weniger lebhaft und der Karmin der Lippen ist mehr das Resultat der Schminke als der Natur. Die Liebhaber sind nach und nach weniger zahlreich geworden, und wenn die Situation auch pekuniär nicht gerade schlecht steht, so sind doch Delphines Aktien im Sinken begriffen, denn die Presse bekümmert sich jetzt nur noch wenig um ihr Tun und Treiben. Sie hatte allerdings noch immer einen Herren und Gebieter, der sie aus Gewohnheit behalten hat, es ist der Marquis Savinien des Bonces, der 59 Jahre zählt, und den sie seit sechs Jahren bereits kennt. Sie besitzt außerdem noch drei bis vier alte Freunde, die Beziehungen zu ihr unterhalten, sie aber stark vernachlässigen. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Allgemein, Gastbeitrag

Das drohende Gespenst.

„In dieser Woche war doch kein Arrestant im Bezirksgericht, warum haben S’ nicht die weiße Fahne aufziehen lassen?“
„Freilich was denn; daß vielleicht der Zimmermann davon hört und uns abbaut!“

(20. Februar 1924)

 

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Eingeordnet unter Allgemein

Mitteilung.

Im 41er Haus ists mit der Moral net weit her. Seit Jahren wars kürzlich der Fall, daß dort auch eine Verheiratete ein Kind bekommen – und die war nur auf Besuch im Hause.

J. G. Henger.

(15. April 1924)

 

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Eingeordnet unter Allgemein

Aus dem Rathause.

Die verbreitete Nachricht, daß das Nießen, Gähnen und Husten bereits in den Kreis der Luxusabgabe einbezogen wurde, entspricht nicht der Wahrheit.
Stadtrat Breitner hat indes mit der gewohnten Bereitwilligkeit erklärt, daß er diese drei neuen Steuerquellen für alle Fälle wohlwollend im Auge behalten wird.

(15. März 1924)

 

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Der Humorist.

Von Henri Falk.

Freude über Freude! Glückeszähren ! Der Direktor der Zeitschrift „Der Riese“ hat mich zu empfangen und mir zu sagen geruht:

„Es sei! Bringen Sie uns eine Erzählung. Doch halt! Nichts Trauriges. Wir haben Humor nötig. Sind Sie Humorist?“

„Ich bin einer“, habe ich gemurmelt.

„Ein echter?“ Weiterlesen

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Der gute Freund.

Von Xanrof. Autorisierte Übersetzung von Also.

(Ein bürgerliches Zimmer. Der gute Freund des Hauses, den die Hausfrau mit Ungeduld erwartet, wird durch ein Mädchen vom Lande, dem man noch die Zeit, in der sie Kühe melkte, anmerkt, hereingeführt. Madame Pouffin legt die Strümpfe beiseite, die sie gestopft hat und geht dem guten Freund entgegen.)

Madame Pouffin: „Ach, endlich sind Sie da! Wenn Sie wüßten, welch Unglück…“ Weiterlesen

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Das Zaubergeschenk.

Von Leon Xanrof. Autorisierte Übersetzung von Also.

Ich weiß nicht, ob der treffliche Soupirail vorsichtig genug war, sein Herz gegen Feuer zu versichern. In diesem Falle hätten die Versicherungsgesellschaften ein sehr schlechtes Geschäft gemacht, denn jeden Augenblick fand sich in seiner Umgebung irgend ein Weib, für das er lichterloh entbrannte. Weiterlesen

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Ein Kapitel aus einem Roman

(in welchem Inserate dem Text beigemischt sind).

Graf Edgar von Reckenhorst und seine Braut Thekla von Rosenschwan traten an den Altar. Als der Priester an den Grafen die übliche Frage richtete, ob er das neben ihm stehende Fräulein ehelichen wolle, reckte sich der Graf in die Höhe und sprach mit lauter Stimme:

Nervöse Schwächezustände
sind sicher und dauernd heilbar durch
MOLO-TABLETTEN

„Ja.“

Hierauf wandte sich der Priester mit derselben Frage an die Braut, die bis unter das Korsett errötete und fast unhörbar das schwerwiegende Wort flüsterte:

IDEALE BÜSTE
in voller Jugendschönheit zu erhalten d. ärzt. begutacht. Verfahren. Anfrage gegen Retourmarke.
Ella Dicke, Dresden-A.

„Gewiß!“

Nun legte der Priester die Hände der beiden ineinander, segnete ihren Bund und entfernte sich dann. Dem Grafen wollte das Herz vor Wonne zerspringen, und er hatte Mühe, nicht hell aufzujubeln:

Ein wahrer Genuß
ist das Rauchen aus der Patentpfeife „Non plus ultra“. Versand an jedermann gegen K 100.000 u. Porto.

„Nun bin ich wahrhaft glücklich.“

Theklas Busen wogte stürmisch, und als sie im Vorübergehen ihre Nebenbuhlerin Irma von Grolling unter den Hochzeitsgästen bemerkte, warf sie ihr einen triumphierenden Blick zu, als ob sie sagen wollte:

Schweissfüsse
werden trocken und geruchlos (desgl. Hand- und Achselschweiß) beim Gebrauch von Apoth. Lampes kosmet. „Victoria“

„Es ist erreicht!“

Das Ehepaar bestieg nun die Galakarosse und gefolgt von den Hochzeitsgästen, begab es sich zum Schlosse zurück. Hier hatte die Schuljugend Aufstellung genommen und als der Wagen des gräflichen Paares am Schloßportal anlangte, scholl es ihm aus den jungendlichen Kehlen tausendtach entgegen:

BRUCHLEIDENDE
begehen ein Verbrechen an ihrer Gesundheit, wenn Sie sich nicht an den Spezialisten Dr. Hieronimus Fixler wenden.
Heilung auch brieflich.

„Heil, Heil der gnädigen Herrschaft!“

Der Graf hob Thekla aus dem Wagen und geleitete sie in das Schloß. Über der Türe des Speisesaales, von Blumengewinden umrahmt, prangte in goldenen Lettern die sinnige Inschrift:

Der einzig richtige Zusatz zur Kuhmilch ist
Knorrs Hafermehl

„Willkommen!“

Die Gesellschaft setzte sich zur Tafel.

Nach dem dritten Gange erhob sich der gegenüber den Neuvermählten sitzende Hofmarschall Baron von Stolzenburg und hielt eine kleine Rede, die mit den prophetischen Worten schloß:

Säuglinge gedeihen am besten
mit Löflunds chemisch reinem
MILCHZUCKER.

„Auf das Wohl und Gedeihen des jungen Paares!“

Strahlend vor Glück, saß Thekla neben dem Grafen, der sie fortwährend mit seinen zärtlichen Blicken liebkoste. Als die Unterhaltung lebhafter wurde und der Graf sich unbeobachtet wähnte, neigte er seine Lippen zu Theklas Ohr und flüsterte der Errötenden schelmisch lächelnd zu:

Nicht in der Niederlage „zur Gans“
sondern nur bei
ADOLPH GANS
bekommt man die besten böhmischen Bettfedern.

„Hast Du noch Furcht, Liebchen?“

(1. Mai 1923)

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Wiener Spaziergänge vom 15.4.1923.

Was Einem nicht manchmal träumt? Gott sei Dank, daß zumindest Träume nicht konfiszierbar und auch steuerfrei sind! Aber, ich will gleich erzählen. Also mir träumte: Ich stehe des Morgens auf, gehe an meinen Schreibtisch, um den Tag am Abreißkalender abzublatteln – darauf aber steht nicht „1923“ sondern „ausgerechnet 5432.“ Zuerst glaube ich, ich hätte einen jüdischen Kalender vor mir, aber dem war nicht so. Ich erwachte und stand effektiv im 55ten Jahrhundert. Ein Blick hinaus zum Fenster genügte. Die Menschen flogen, nicht in Flugzeugen, nur so auf der Straße herum. – Hoch droben schien der Weit- und Paketflugverkehr eingerichtet – und als ich dann herunter kam, stand am nächsten sonnegeheizten „Heißen Würstelstand“ das Parl samt Schusterleibel um „5 Kreuzer“ angetafelt. Das freute mich sehr; ich nahm es aber als etwas ganz selbstverständliches, so wie’s mich auch gar nicht wunderte, daß ich auf meinem Ringstraßenflug keinem Schutzmann begegnete. Die Leute schienen schon selbst zu wissen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Was ich sofort vermißte, war das Rathaus und Parlament. Also, diese Behörden u. dgl. schienen auch abgeschafft. Hingegen war der dortige gesamte Komplex für „Lehr- und Lesehallen“ eingerichtet. Trotzdem auch orientalische Physiognomien, überhaupt alle Rassen von Hörern vertreten waren, ersah ich an der Aufschrift, daß dies die Wiener Universität sei. Und, schon stand ich auch in der mir wohlbekannten Bibliothek, die nur um das etwa hundertfache der jetzigen erweitert schien. Ich fand das alles ganz selbstverständlich, ebenso, daß vor mir eine uralte noch ganz wohlerhaltene „Chronik der Stadt Wien“ zu Zeiten der Republik Österreich lag, in der ich ebenso neugierig als erstaunt folgende ganz unwahrscheinliche Schilderung las: Weiterlesen

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Eingeordnet unter Inland, Wiener Spaziergänge

Seine Ausrede.

Von Leo Xanrof. Autorisierte Übersetzung von Alice Sobersky-Neumann.

„Mein, Gott, Jules“, sagte Mme. Pommette plötzlich, „wenn mein Mann nun zurückkommt?“

„Was ist dann?“, antwortete Jules voller Seelenruhe.

„Was wird er sagen, wenn er dich hier findet? Wie soll man ihm dein Hiersein erklären? Er wird uns töten!“ Weiterlesen

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Vertrauliche Mitteilung.

Skizze von Henri Duvernois.

„Ist es gemütlich bei Ihnen?“ fragte Frau Gobin.

„Bah, das Heim eines Junggesellen!“ erwiderte Menetrier.

Gobin wärmte ein Glas Champagnerkognak in seiner kräftigen, gepflegten Hand. Dann trank er es auf einen Zug hinunter und rief: Weiterlesen

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Seelewanderung.

Von Emma Rosenfeld.

„Ich will doch einmal nach dem Courszettel sehn“, dachte der dicke Herr, nahm dem kleinen Zeitungsverkäufer ein Blatt aus der schmutzigen Hand und versank in einer bequemen Ruhebank, von K1ängen der nahen Kurkapelle sanft umwogt. Langsam und umständlich entfaltete er das Blatt. Im nächsten Augenblick ertönte schriller Hupenruf und ein schlammbespritztes Auto hielt vor dem Überraschten. Der Chauffeur, in roter Uniform, lud zum Einsteigen ein. Ächzend folgte der Dicke dieser Aufforderung. Schon raste das Auto dahin. Es ging bergab über Stock und Steine. – Vor hell erleuchtetem Lokal hielt das Gefährte. Weiterlesen

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Aus Neigung.

Von Anton Tschechow.

Drama in zwei Akten.

Erster Akt.

Im Hause der Witwe Mymrina in der Fünfhundegasse feiert man die Hochzeit der jüngsten Tochter. Dreiundzwanzig Personen sitzen zu Tisch, aber acht davon essen nicht, sondern rümpfen die Nasen und klagen, daß ihnen „übel“ sei. Die Lichte, die Lampen und der lahme Kronleuchter, welcher aus dem benachbarten Restaurant geliehen ist, spenden eine höchst mittelmäßige Beleuchtung, so daß einer der Gäste, ein Telegraphist, kokett die Augen zusammenkneift und beständig die Unterhaltung auf die elektrische Beleuchtung lenkt – ganz unpassenderweise. Weiterlesen

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Unser Messegast.

Wie stets in den letzten Jahren hatte das letzte und entscheidende Wort unsere Marschenka. Wir nahmen sie vor etwa einem Jahrzehnt auf als „Dienstmädel für Alles.“ Heute ist sie Hausgehilfin. Inseriert sie im „Erzähler“ von wegen einem Gatten, der ihr abgeht, nennt sie sich Stütze. Schön ist sie nicht. Einmal blieb ihr ein Kochlöffel im Mund stecken. Dafür hat sie eine Nase wie ein Rehrattler immer in die Höhe. Deshalb ist sie noch heute ledig, obzwar sie in ihrem tschechischen Geburtsort – der auch eine Sparkasse besitzt – dortselbst 3300 tschechische Kronen aufgespeichert hat. Weiterlesen

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Wenn man eine Uhr findet…

Von Georges Courteline. Autorisierte Übersetzung von Also.

Auf der Elektrischen stehend, sah ich meinen Freund Breloc, der gerade über den Platz Blanche ging und ein so empörtes Gesicht zog, daß ich abstieg, um ihn nach dem Grund zu fragen:

„Nun, zum Teufel, Breloc, du machst ja ein Gesicht, als ob du Essig getrunken hättest!“ Er antwortete: „Kein Wunder! Ich war bis eben auf der Wache!“ Weiterlesen

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Der Wahnsinnige.

Humoreske.

Die letzten Worte, die ich noch verstand, wurden vom ersten Buchhalter hingestottert, der, total betrunken, die Zeichen seiner Huldigung und Anerkennung dem gefeierten Chef in pompösen Sätzen übergeben wollte. Darauf übergab er sich auch tatsächlich, aber die Huldigung und Anerkennung fielen ins Wasser.

Ich war zu dieser Feier eingeladen. Der Chef war ein Bekannter meines Schwiegervaters in spe, und durch diese schwiegerväterliche Protektion kam ich dazu, zuschauen zu dürfen, wie eine Zahnstocherfabrik ihr 50 jähriges Jubiläum feiert. Weiterlesen

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