Schlagwort-Archive: Teuerung

Im wunderschönen Monat Mai.

Im wunderschönen Monat Mai,
Da alle Knospen sprangen,
Sind alle Preise frisch und frei
Auch in die Höh’ gegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Von dem die Dichter leiern,
Beschenkte uns der Staat auf’s Neu
Mit jungen Frühlingssteuern.

Im wunderschönen Monat Mai,
Da alle Knospen glommen,
Hat Breitners Magistratspartei,
Was Ahrer ließ, genommen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Der stets das Herz erfreute,
Steh’n die Geschäfte leer… dabei
Und schon zwei Drittel pleite.

An jedem Tag im Monat Mai
Da alle Blumen sprießen,
Notiert präzis die Polizei
Wie viel sich erschießen.

N. Ada Sixtus.

(1. Mai 1925)

 

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Herbstliedel.

Ha, ha, ha, der Herbst ist wieder da:
Müde rieseln braune Lappen
Von den Bäumen und betappen
Nasenspitzen hie und da,
Ha, ha, ha, der Herbst ist wieder da! Weiterlesen

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Aus der Hörweite.

„Ob wir all die geplanten Steuern des Herrn Breitner nur so schlucken werden, bleibt noch dahingestellt“ – meinte Herr Wind, Mitglied der Gastwirtgenossenschaft. „Das habt ihr ja auch nicht gar so notwendig“, lächelte ein Bekannter desselben, „die liegen Euch ohnehin schon im Magen!“

I. G. Henger.

(1. Juli 1924)

 

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Aus dem Rathause.

Die verbreitete Nachricht, daß das Nießen, Gähnen und Husten bereits in den Kreis der Luxusabgabe einbezogen wurde, entspricht nicht der Wahrheit.
Stadtrat Breitner hat indes mit der gewohnten Bereitwilligkeit erklärt, daß er diese drei neuen Steuerquellen für alle Fälle wohlwollend im Auge behalten wird.

(15. März 1924)

 

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Was gibt’s denn Neues? vom 1.1.1924.

Das alte Jahr beschloß den Lauf,
Mit hocherhobenen Schwingen
Tut hoffend sich ein neues auf.
Was wird es uns wohl bringen? Weiterlesen

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Abbau.

Der Trinker:
Ich baute ab, es ist zum Schein,
Von 18 auf 2 Viertel Wein.

Der Raucher:
Mir nahm der Abbau alles fort,
Ich kam von Memphis auf die Sport.

Der Junggeselle:
Mir ging das Restaurant in Brüche,
Ich kam auf die Gemeinschaftsküche.

Der Schieber:
Dem Auto sagte ich Ade
Und kam auf die Elektrische.

Der Sportsmann:
Von meinem flotten Renngespann,
Blieb mir jetzt nur der Dobermann.

Der galante Herr:
Von vierzehn Freundinnen zum Lieben,
Ist mir die Zimmerfrau geblieben.

Der Gesellschafter:
Von sieben Jours mit Tee und Butter,
Blieb mir nur der, bei Schwiegermutter.

Hansl.

(15. Jänner 1923)

 

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„Sparen!“

Ihr Wiener seid froh! Rettung naht, Licht und Glanz!
Wer zweifelt noch heut? Unser Kanzler, der kann’s.
Von Genf bracht er Heilung… nach Worten, die „Tat“,
Das heißt, als Rezept uns bis jetzt nur den Rat:
„Zu sparen“. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.6.1922.

Ich habe einen guten Freund. Minder musikalisch, behielt er nur ein einziges Lied im Gedächtnis. Das pfeift oder summt er denn auch von früh bis abend: Wien wird schön erst bei Nacht. Da kann er schon recht haben. Das Nachtleben kenne ich – ich bin kein Schieber – zwar nicht; daß jedoch Wien bei Tag jetzt etwa schön sei, kann nur ein unverwüstlicher Optimist oder passionierter Hungerkünstler behaupten. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.5.1922.

Ein Monat ist seit dem Dahinscheiden des letzten „Kaisers der alten Wiener Stadt“ verflossen. Wer denkt noch heute d’ran? – Es geht dem Verstorbenen nicht besser als seinem Großonkel, der an siebzig Jahre „drauß’ im Schönbrunner Park“ residierte. Nichts Vergeßlicheres als der Mensch. Warum soll just der Wiener darin eine Ausnahme machen? Nun, die Requien waren feierlichst, Kirchenchor und -musik brillant – manche Träne auch echt, die dort vergossen wurde wohl viele noch echter, die in dem einst so großen Österreich in mancher Bauernstube und Sennerhütte bei Eintreffen der Todesnachricht vergossen wurde. Die Kundgebung am Graben und Stefansplatz, die ja doch allzeit unsterbliche Volkshymne wirkte hier nur etwas zu demonstrativ… und mehr charakteristisch für die Gesinnung – vielleicht des Großteils – unserer Bevölkerung. – Etwa wie das Hervorbrechen einer, nur unter lockerer Aschenschichte glimmenden, nur eines befreienden Luftzuges bedürftigen Flamme… Nun, der Wiener Spaziergänger politisiert grundsätzlich nicht… Aber das eine darf er ja doch auch der hohen Zensurbehörde verraten: Auch er war Teilnehmer beim großen Requiem im Stefansdome, und seine Trauer war eine echte. Ihm repräsentierte und war der letzte Habsburger am Throne das Sinnbild – der alten besseren, der guten Wiener Zeit. Wehmütig gedachte er der Tage, wo doch alles noch so unendlich billig war, wo es noch keine Schieber gab, wo der Kaufmann und Meister in seinem Geschäft und seiner Werkstätte noch auch a Wörtel mitzureden hatte, wo man wußte, was der nächste Tag bringt, und ‘s Laibel Brot noch 30 Heller kostete. Ob’s unter Karl besser gegangen wäre, ob er und seine Beamten es besser verstanden hätten, den Karren aus dem Kot zu ziehen als seine zwei nachfolgenden Doktoren am Ring des 12. Novembers? Wer weiß es?… Tatsache ist und bleibt es: Schlecht ist’s uns nicht gegangen, zumindest nicht schlechter als jetzt. Und, daß man um so eine Vergangenheit, beziehungsweise deren Repräsentanten trauert, kann einem weder Herr Deutsch noch Herr Austerlitz verbieten… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.4.1922.

Aprilwetter: Regen, Sonnenschein, und die Bäume schlagen aus, daß man sich in der Prater-Hauptallee in der Mitte halten muß, um nicht Eins zu erwischen. Wir täten’s am liebsten detto, d. h. ausschlagen, insbesondere, da wir die bestechenden – nicht etwa bestechlichen – Frühjahrsmesseartikel lasen. Die Augen gingen einem über ob der segensreichen Konsequenzen unseres nunmehrigen Welthandels und unserer merkantilen Erhabenheit am Kontinent. Auch der Wiener Spaziergänger wäre ja gar so gern ein begeisterter Optimist; spürt man doch die phänomenalen Folgeerscheinungen am eignen bedrohten Leibe, und auf Wochen und Monate nachwirkend die „just durch die Messe“ hervorgerufene Verteuerung all dessen, was man am meisten braucht, – dann wirft einen eben der hungrige Pegasus ab, eh’ man ihn noch bestiegen hat. Man werfe nur einen Blick in die seit der goldenen Messe noch immer zumindest unveränderten Speiskarten. In dieser Hinsicht ist der Wiener Wirt konsequent. Hat er einmal ein Menu fixiert, so hält er daran fest, vorausgesetzt, daß er es nicht steigert. Doch, wozu sich in solche Kalkulationen vertiefen? Welcher, normal nicht schiebende Wiener kennt heute nicht ein Restaurant nur vom Hörensagen? Also, warten wir nicht erst auf das Herabneigen für uns doch unerreichbarer Hesperidenäpfel! „Geh’mer weiter!“

„Im Prater blüh’n wieder die Bäume“ und im „Wurstel“ spektakelt’s wie in den besten Zeiten. Alles beim alten. Nur die Preise! Ach, die Preise! Hutschen und Ringelspiel von 40 Krandeln aufwärts – Grottenbahn, Ponyzirkus, Railway und Riesenrad dreiziffrig. Vierziffrig ein besserer Kinositz, und ein Rundtanz zumindest um der Kronen 60. Großindustrielle und Kanalräumer, Bankdirektoren, Schuhmacher und Schneider, die heute noch ihre Kinder „per Straßenbahn“ in den Volksprater befördern, können für den Nachmittag schon mit 20-30 Fetzen auskommen. Mit Abendvergnügen kommt allenfalls die Geschichte auf das Doppelte, also etwa eine Friedens-Offiziers-Heiratskaution.

Nun aber auch genug der Trauerfälle, auf die der Wiener Spaziergänger unwillkürlich stößt, um eine erfreulichere und reichlich gesunde Promenade zu verzeichnen, die den Gefertigten an ein – vielleicht nur in Wien – dem neuen wie alten Capua der Geister – erreichbares Ziel führte, in eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die die Garde unserer jungen Literaten – die Namhaftesten der Wiener literarischen Gesellschaft, die einschlägig Meistversprechendsten der Germanisten der Wiener Universität mobilisierte. Und, mit welch hohen Geisteswaffen ward hier gekämpft und gesiegt! Dr. Erwin Stranik brachte – ein vollendeter Redner wie Denker – ein Kapitel aus seinem satirischen Roman Kokos Irrgang – Modernste Moderne, mit unbeabsichtigtem und deshalb umso wirksameren Dickens’schen göttlichen Humor vereint. Herbert Hans Müller las mehrere der besten seiner fesselnd ergreifenden Gedichte. Richard Tengler Auszüge aus seinem gedankentiefen Mythus Ahasver… Können und Kennen, Wissen und Wiedergeben wohnt in dieser auserwählten jungen Schar, ergreifende Lyrik in Rudolf Rübensteins Skizzen, weht durch die Reime seiner Geschichte eines Traumes, vorgetragen von Frau Doktor Fritzi Wechsler. Diese Frau Doktor der Philosophie jedoch ist ein anmutig blühendes Mädchen, deren oratorische Begabung sie den besten Vortragsmeisterinnen Wiens würdigst anreiht. – Die Künstlerin – auch ein Bild unserer Zeit – sucht nicht auf den weltbedeutenden Brettern einen Beruf, zu dem sie faszinierende Erscheinung und seltene Befähigung prädestinieren – sondern auf der Lehrkanzel. Auf das Eine dürfen wir wohl hoffen, auf ein öfteres Wiedersehen mit der hervorragenden Interpretin deutscher Literatur und Schriftsteller in Wiens kunstgeweihtesten größeren Vortragssälen… In unserer dunkeltrüben Zeit ist hie und da ein Sonnenstrahl um so herzlicher willkommen!

Ganz eigen beispielsweise mußten – just in der Wiener Messewoche – nicht nur den einheimischen Spaziergänger, sondern befremdender noch, unsere Gäste die herabgelassenen Rolläden vor allen „Buchhandlungen“ anmuten, ein für die so viel gerühmte Kulturstadt an der blauen Donau, dem einstigen Capua der Geister, immerhin recht bedenkliches Zeichen. Wir Wiener sind ja an solche Witze schon längst gewöhnt. So gut als Post und Eisenbahn kann ja auch ‘mal der geistige Verkehr stocken oder eingestellt werden. Bös aber ist’s immerhin, wenn dann die Ausländer oder unser Gebirgsländler, heimgekehrt, berichten: „Bücher werden in Wien überhaupt nicht mehr verkauft.“ Das läßt eben den beiden Möglichkeiten Raum; entweder sind’s – die Wiener – schon so gescheit, daß sie überhaupt keine Bücher mehr brauchen, oder sie haben sich, wie die leibliche, auch die geistige Kost schon ganz abgewöhnt. Am schwersten betroffen ward aber die große Gemeinde der Wiener Leihbibliotheksabonnenten, alle jene, denen ein gutes Buch noch den letzten und einzigen Zufluchtsort – aus der traurigen Wirklichkeit hinweg – in das Wunderreich der Phantasie bot, da das Pfund Fleisch noch 25 Kreuzer und die Kaisersemmel deren zwei kostete. Über die Rechtsfrage wird noch jetzt lebhaft disputiert, ob die belämmerten Abonnenten gezwungen waren und sind, für ein gelesenes Buch durch weitere Wochen den hohen Abonnementspreis zu zahlen. Nach diesem Prinzip könnten ja die Leihbibliotheken „überhaupt schließen“, und ihre Abonnenten – kündigen können sie nicht – zahlen dann bis an ihr Lebensende der geschlossenen Leihbibliothek die entfallende Rente… Nun, wie Gott will, es muß auch solche Trauerfälle geben. Um so freudiger begrüßen wir die Tatsache, daß sich der Preis der Orange am Naschmarkt von 500 auf 250 Kronen verminderte. Der Antrag, diese Südfrucht künftighin Schieberange zu benennen, wurde vom Kriegswucheramt nicht genehmigt, weil der Begriff „Schieber“ seit dem Jahre 1914 noch ebenso unaufgeklärt ist als dessen Träger erwischt werden kann.

Am Nachthimmel jedoch aufleuchtend eine kurze lichte Bahn beschreibend – verlöschend und versinkend – eine Sternschnuppe – ein Meteor… Fern, wie fern dem Heimatland! erlischt das Dasein des letzten Kaisers Österreichs… In Wien aber herrscht die Republik. Keine Trauerfahne oder Flagge auf Halbmast kündet das Ableben des letzten Kaiser und Königs in seiner „Stadt der Lieder an der schönen blauen Donau.“ Gleich schmettern die Trompeten, klingen die Geigen, ertönen die Lieder, die früher im gleichen Momente wie unwillkürlich verstummten. Und liest man die Blätter! – Du lieber Gott: „Menschen, Menschen san mer Alle.“ – Der eine stirbt in Ottakring – ein anderer auf Madeira.

Aber einen gar seltsamen Traum hatte der Wiener Spaziergänger: Zurückgekehrt war der Exkaiser oder war es dessen Sohn oder Neffe? Im Traum verwischt sich solches. Also zurück kam einer von diesen – just an dem Tage, wo der Brotlaib 2000 – die Kaisersemmel 200 Kronen erreichte. Die Leute waren’s schon gewöhnt. Aber eine Abstimmung ward angeordnet über Regenten, Präsidenten, Regierungsform, die natürlich zu Gunsten der Republik ausfiel. – Es war eine öffentliche Abstimmung, und die Wehrmacht assistierte. Dann aber „zur Gegenprobe“ wurde auch eine Geheimabstimmung abgehalten. Und das erfolgte denn auch. Just aber, da das Resultat verkündet werden sollte – – Was geschieht? Der Spaziergänger erwacht! Ist das Glück oder Pech? Ich glaube das Erstere. Wer weiß, wie ihm ginge – er hörte nur noch etwas von zwanzigfacher Stimmenmehrheit, – wenn er den Abstimmungsbeschluß für wahrheitsgetreu vermelden würde. Es gibt ja auch Träume, die grundsätzlich konfisziert werden müssen…

V. S. Teinhof.

(15. April 1922)

 

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Wiener Spaziergänge vom 1.4.1922.

Der Lenz zog ins Land, d. h. das schönste Aprilwetter, und Regenschirm und Galoschen feiern ihre haute saison. Nichtsdestoweniger sind die Märzveigerl im Prater und in Weidlingau programmgemäß eingerückt, allenfalls, derzeit vor dem Abpflücken mehr geschützt, dank dem  weisen Walten unserer Stadtväter, die die Straßenbahnfahrten an die Peripherie nur den bestsituierten Eltern und Kindern ermöglichten. Aber… bitter wollen wir diesmal nicht werden. Im Gegenteil! Es soll ja ein Frühlingsspaziergang sein nach schwerer Eisperiode des bösen, bösen Winters 1921-22… Und da, nach Versicherung der Regierung und des Magistrates just dieses Jahr zum „Jahr des Heils“ speziell prädestiniert ist, so wollen wir’s, hoffend und vertrauend, auch glauben. Auch einen reichen Kindersegen verspricht man sich ja de dato 1922. Die Sache hat viel für sich nach dem verflossenen längeren Fasching. Ganz abgesehen von den 5000 Ehen, die allein am Faschingsonntag geschlossen wurden. Auch von der Frühjahrsmesse verspricht man sich einen einschlägig höheren Erfolg. Sorgsame Hausfrauen haben eben der bevorstehenden Mietzins- und Wohnbausteuer regulierend entgegengestrebt, und die Konsequenzen solch begreiflicher Tätigkeit äußern sich eben verschiedenermaßen. Jedenfalls hoffen wir das Beste. Auch jetzt, da die hohe Preissteigerungszeit der Messe vorüber und eine weitere lokale Wurzung wohl ganz unmotiviert erscheint. Nur eine Bitte hätten wir an unsere Staats- und Stadtlenker: „Hörts’ endlich mit Eurer Tarifhilfe auf!“ Gott schütze uns vor diesen Freunden! Vor unseren Feinden werden wir uns schon selber schützen. Nach dieser Zitatszitierung genug des Raunzens. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.3.1922.

Der Frühling ist da, die Kredite sind da und die Messe ist da. Gleich drei Freudenfälle auf einmal. Nun, die Wiener können sie brauchen. So gefroren wie im verflossenen Winter haben wir noch nie; das einzige, was uns beruhigte und versöhnte, war nur, daß die Kohlengeschäfte hiebei auf ihre Rechnung kamen. Aber, nun, Schwamm drüber! Im Prater blüh’n wieder die Bäume, d. h. zeigen zumindest hiezu den besten Willen, und der liebe Herrgott sitzt schmunzelnd droben, als wollt’ jeder seiner wärmenden Sonnenstrahlen sagen: „Bei mir herrscht Ordnung, und auf den Winter folgt pünktlich der Lenz.“ Da gibt’s kan’ Streik oder „Organisation.“ Und seid’s ihr patscheten Wiener Kindeln ‘mal wieder selbst so weit, diese natürliche Ordnung einzusehen, dann wird halt – wie in der Natur – auch bei euch wieder Frühling werden mit Hilfe oder trotz der Regierung und des Magistrates, die halt das Hinaufnummerieren der Tarife permanent fortsetzen. Auch bei steigendem Thermometer. Tröst’s euch – „alles ein Übergangel, alles ein Übergangel“… Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.2.1922.

Fasching 1922: Zu den guten Witzen unseres Jahrs des Heils zählt es gewiß, just heuer die längste Faschingszeit durchwalzen, beziehungsweise durchfoxtrotten, respektive durchschimien zu dürfen. Lang und kräftigst werden die Tanzbeine geschwungen. Alle verfügbaren Tanzlokale sind pränumeriert. Jugend bleibt halt Jugend. Gott sei Dank, daß dem so ist. – Göttlicher Leichtsinn! Wohl denen, die ihn auch in gegenwärtig so schweren Tagen noch nicht verloren. Da ist ein tanzlustiger Studentenverein, der seinen Mitgliedern das programmgemäße Kränzchen im Nebensaale eines alten Wiener Cafes zeitgerecht ankündigte. Präses und Komiteemitglieder begeben sich des abends von der Aula dorthin, als ihnen eine Kollegin, die das erstemal zu diesem Tanzabend geladen, entgegeneilt und offenbar mit allen Zeichen sittlicher Entrüstung vor den verwunderten Hochschülern hält: Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.1.1922.

Feuchtfröhlich zog das neue Jahr ins Land Wien, – vom 1. Jänner an sind wir’s ja – und soviel als am verflossenen Sylvester gesungen, gespielt und nicht zum wenigsten ges… d. h., getrunken wurde, dessen können sich die bewußten ältesten Leute der einstigen Stadt Wien kaum erinnern. Kaum ein Kaffeehaus, das nicht seine Salonkapelle engagiert hatte. Wiens Bühnengrößen, Komiker und Soubretten autelten von Lokal zu Lokal, wo bereits vor zwölf Uhr die Sektpropfen nur so an die Decke sausten… Theater und Varietes bereits wochenlang vorher ausverkauft – und was in deren Logen und Parketts an Diademen, Anhängern und Boutons in allen Farben und Strahlen blitzte und flimmerte, hätte uns bei entsprechender Aufopferung die Rosenberggobelinsverpfändungsreise zweifellos erspart – … Und erst am nächsten Morgen und Tage die freudige Überraschung: Neujahrstag 1922 und keine Fensterscheibe eingeschlagen, kein Rolladen erbrochen, kein Geschäft oder Auslage geplündert!… Geht’s uns schlecht? Hiezu – steigt auch der Wert von Mehl und Brot ins unerschwingliche. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.12.1921.

„Wir tanzen, wir tanzen auf einem Vulkan.“ Namen und Autor des Volksstückes sind uns entfallen, in welchem das zeitgemäße Couplet vor Jahrzehnten gesungen wurde, jedoch erinnert wurden wir daran, als wir aus ein­schlägigen Mitteilungen entnehmen, daß für den bevorstehenden Fasching alle Wiener nam­haften Tanzsäle und Lokale vermietet sind. Welche Elitebälle uns bevorstehen, erfahren wir erst nach und nach, wundern uns aber nur, daß „der Wiener“ noch immer was für’s Dorotheum übrig hat, wo bereits a Schnupf­tüchel 2000 Kronen kost’ und jeder Fleischgenuß den Betretenen von Haus aus zum Schieber oder Schuhmachergehilfen prädestiniert. – Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.12.1921.

Ich war – Verzeihung, wenn ich mit einem Selbstbekenntnis beginne – mein Lebtag lang ein ehrsamer Staatsbürger. Seinerzeit war ich ein einwand- und steuerfreier Monarchist, gegen­wärtig bin ich ein vorschriftsmäßiger Republikaner. Ich ärgerte mich nicht, als mich die Regimentskapelle am 12. November aus dem Morgen­schlummer erweckte, und ich freute mich wirk­lich aufrichtig, daß die Wehrmacht bereits so schön Schritt hält. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.11.1921.

„Es geht halt nichts über die Gemütlichkeit“, über die, allen Jammer und Unfug, alle Schlampe- und Schweinerei – „allweil fröhlich, fesch und munter“ – übertauchende echte Weaner Gemütlichkeit. Man denke sich das Gleiche – sagen wir vielleicht bei unsern stets teilnahmsvollen Freunden am Moldaustrand: Jahre hindurch wird dem Großteil der Millionenstadt „Wean“ das für die meisten geradezu Wertvollste und Unentbehrlichste entzogen – dem Raucher die Zigarre und Zigarette zu noch halbwegs erschwinglichem Preise. Da wird der schwereroberte Tabak mit jedem nur glimmenden Blätterwerk gestreckt, jeder bräunliche Tschik – und das nicht allein vom Pülcher – sorgsamst vom Pflaster und seiner problematischen Umgebung aufgelesen. Gleichzeitig erreicht ganz öffentlich in Gast- und Kaffeehäusern, an allen Straßenecken alles Rauchbare nur den erfolgreichsten Schiebern zugängliche Schleichhandelspreise. Zugunsten dieser Kavaliere wird jedem Minderbemittelten sein oft einziger Lebensgenuß entzogen… von Staatswegen entzogen, durch ein nicht nur geduldetes, sondern geradezu organisiertes Verfahren einer Staatsbehörde. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 1.11.1921.

Herbst ist’s; die bewußten letzten Blätter lösen sich gelb, feucht und wirbelnd von den Kastanienbäumen der Hauptallee im Prater, und die Sesseln beim Dritten Kaffeehaus sind eingezogen, die in den letzten Wochen soviel kosteten, wie früher ein Sitz auf der zweiten Galerie der Hofoper. Das Messemenu a 300 Kronen – wie kann man nur so spottbillig speisen und kochen! – am Konstantinhügel ist eingestellt und die letzten Rennen sind ausgerannt. Zumeist nur am Sonntag lassen die nach diesem Ruhetage benannten Reiter und Reiterinnen ihre Bravour auf den diese Arbeit gewöhnten Leih- und Paradepferden bewundern und ein fröstelnd-spärliches Publikum – zumeist Zug’raste – reibt sich die frierenden Hände vor den Praterbuden und noch funktionierenden Ringelspielen – das Roß zu 10 Kronen – also die Rundfahrt, dem Preise nach ein Parquett sitz im alten Hofburgtheater. Wann einem so was vor zehn Jahren geträumt hätte, er wäre in Präuschers, gegenwärtig von der Mehrzahl der Wiener nicht mehr erschwingliche Museum gekommen neben das ebenso unglaubliche Kalb mit sechs Haxen. Weiterlesen

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Wiener Spaziergänge vom 15.10.1921.

Es ist erreicht! Unsere einigermaßen wirren gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind endlich geklärt. Die nötige Sonderung des neuen Aristokraten von dem gegenwärtigen Proletarier, des Patriziers von dem Plebejer Muster 1921 ist endlich und in ganz präziser Weise bewirkt. Keine staatliche Verordnung erwies sich seit dem Zusammenbruche, beziehungsweise entsprechend den Konsequenzen der demselben folgenden zweijährig rein sozialdemokratischen Steuerung unserer glorreichen Republik – kein Regierungserlaß erscheint so geboten, als das „Preisstaffellungsgesetz unserer Brot- und Mehlpreise.“ Wer mehr hat und zahlen kann, muß es auch tun… Aber, abgesehen davon; wir stehen endlich vor der in jedem Kulturstaate gebotenen Absonderung gleichwertiger Kreise und Stände. Österreich besitzt von jetzt an einen genauen Maßstab für die Bewertung jedes Untertanen. Vorbehalten war diese endliche Aufklärung dem Bundesministerium für Volksernährung. Dieses und mit ihm die gesamte öffentliche Meinung fragt von nun an nicht mehr den Einzelnen: „Wer oder was sind, beziehungsweise leisten Sie?“ – sondern nur: „Was zahlen sie für den Laib Brot?“ Die Zeit der Hofräte, Professoren, Generäle, Medizinalräte und dergleichen alten Geistesrittern ist glücklich überwunden. Wir haben von nun an nur eine Ober-. Mittel- und Untergruppe. Zur ersten zählen Hotelportiere, Oberkellner, Valuta- und Waggonschieber (womit wir jenen der Eisenbahn nicht nahe treten wollen). Die Mittelgruppe umfaßt die Mittelschieber und die Untergruppe die übrigen Schnorrer der Republik, das sind die Nix- Pardon! – Fixangestellten. Weiterlesen

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Brotstaffelung.

Wohl die fürchterlichste Geißel unserer armseligen Republik ist die ununterbrochene Gesetzmacherei, diese endlose Diarrhoe von Gesetzen und Verordnungen, die kein Mensch versteht und noch weniger einhalten kann. Es trete einer vor uns hin und behaupte, daß er das Brotstaffelungsgesetz verstehe. Oder die anderen Gesetze und Verordnungen und Vorschriften.
Das englische Weltreich mit 300 Millionen Einwohnern hat nicht den zehnten Teil von Gesetzen und Verordnungen gebraucht wie die Republik Österreich. Und jedes Gesetz erfordert neue Beamte, und jede Steigerung des Beamtenaufwandes drückt die Krone und macht neue Staffelungsgesetze nötig.
Vor lauter Brotgesetzen wird bald Niemand mehr Brot haben.

(1. Oktober 1921)

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